Olympias Bau-Sünde in CortinaJulia Taubitz' Wunde heilt am Ort, den es nicht geben dürfte
Die Olympischen Spiele 2018 verpasst Julia Taubitz knapp, 2022 erlebt sie in Peking den bittersten Rodel-Moment ihrer Karriere. Vier Jahre später gelingt ihr nun die Versöhnung in Cortina d'Ampezzo.
Das Protokoll macht keine Ausnahmen. Nicht mal für Herzlichkeiten. Als Julia Taubitz, frisch mit ihrem ersten olympischen Gold dekoriert, von der Medaillenzeremonie kommt, wartet bereits der nächste Mensch, der sie drücken will. Es ist ein Moment, den Julia Taubitz augenscheinlich gerne auskosten will. Aber die Herzlichkeit wird von einem Mitarbeiter des Organisationsteams hartherzig abmoderiert. Das Protokoll sieht als nächstes die Interviews vor. Als Medaillengewinner bei den Spielen dauert es eine ganze Weile, bis man die Momente bekommt, nach denen man sich sehnt, in denen man still genießen oder tüchtig feiern kann.
Im Rodeln ist man, außer im Doppelsitzer, alleine unterwegs. Vom Start bis zum Ziel. Kein Gegner, kein äußerer Input. Nur maximale Anspannung bei allerhöchster Geschwindigkeit. Eine Rodel-Fahrt ist schneller als eine Autobahn-Raserei auf der linken Fahrspur. 140 km/h, aber nicht im Auto, sondern auf einem Schlitten. Rund 50 Sekunden gegen die Kräfte der Geschwindigkeit. Dann das Ziel.
Genossen hatte Julia Taubitz die letzten Meter ihrer Fahrt. Sie war durch die letzte Zeitmessung geschossen, da legte sie sich auf ihrem Schlitten ab. Sie sah gerade noch das deutsche Team, das außer sich vor Freude tobte. Sie war bei sich, aber nicht alleine. Max Langenhan war der erste, der sie auf dem "schönsten Rückwärtsgang" in ihrem Leben herzte. Dann die anderen Kollegen, dann die Familie. Und wieder das Protokoll. Umziehen, sammeln, aufstellen. Medaillenzeremonie. Wieder Tränen. "Ich habe heute schon so viel geweint, ich habe meinen ganzen Vorrat aufgebraucht", sagte Taubitz. Es war eine Erlösung, eine riesige Erleichterung: "Die letzten vier Jahre waren nicht immer leicht, aber es hat sich gelohnt."
Julia Taubitz hat eine Geschichte zu erzählen, die man gerne hören will. Wenn man Heldengeschichten, die Drama und Happy End verbinden, mag. Achtmal ist die 29-Jährige bereits Weltmeisterin geworden. Aber bis zur Krönung dieser gigantischen Karriere muss sie bis zu diesem 10. Februar 2026 warten. Vor acht Jahren verpasst sie die Spiele in Pyeongchang, weil sie damals nur die viertbeste deutsche Rodlerin ist. Vier Jahre später ist sie in Peking dabei, startet im ersten Lauf mit Bahnrekord und stürzt danach. Sie macht weiter, aber alles ist vorbei. Es ist eine Wunde, die ihr lange wehtut. Damals sagte sie bei Eurosport: "Ich hätte auch nie gedacht, dass mich der Sport mal in so ein tiefes Loch ziehen kann. In dem Moment ist irgendwie alles zerbrochen." Für die Heilung der klaffenden Olympia-Wunde setzte sie auch auf mentale Unterstützung, die sie davor abgelehnt hatte.
Fräbel unterläuft ein katastrophaler Fehler
In Cortina d'Ampezzo will sie die Vergangenheit abschütteln, sich mit den Spielen versöhnen. Das gelingt ihr am ersten Tag perfekt. Sie führt nach den ersten beiden Läufen. Allerdings nun hauchzart. Merle Fräbel ist ihr dicht auf den Kufen. Gerade 61 Hundertstel liegen zwischen den beiden Teamgefährten. Dann der dritte Lauf am Nachmittag. Taubitz bleibt voll auf Linie, setzt die nächste Topfahrt in den neugebauten Eiskanal von Cortina d'Ampezzo, während ihre 22-jährige Rivalin ein großes Drama erlebt. Sie leistet sich einen fatalen Fehler am Start, ihr Rückstand wächst auf fast anderthalb Sekunden an. Sie touchiert kurz nach dem Start die Bande, steht quer, verliert nicht nur die Spur, sondern auch alle Hoffnungen.
Besonders bitter: Am Vortag war das Unglück schon anderen Mitfavoritinnen passiert. Etwa der Amerikanerin Summer Britcher. Und auch Fräbel hatte im Training schon diesen Moment erlebt. Ein bitteres Déjà-vu kann's nicht geben. Nicht bei Olympia. Der Schlitten habe sich den ganzen Tag schon nicht gut, irgendwie wackelig angefühlt, erzählte Fräbel mit roten Augen. Taubitz ging mit fast acht Zehnteln Vorsprung in den finalen Lauf. Nur dramatische Fehler konnten ihre Goldfahrt stoppen. Aber wie schmal der Grat hier in Cortina ist, hatten ihre Rivalinnen vorgemacht. Und irgendwo in ihrem Hinterkopf wird womöglich das Drama von Peking noch herumgespuckt haben. Voll fokussieren, alles ausblenden.
Ein Neubau gegen den Willen des IOC
Um den Ort ihrer Goldfahrt hatte es vor den Spielen große Diskussionen gegeben. Die Bahn wurde extra für die Spiele neugebaut. Für über 80 Millionen Euro, ein Wald fiel den Bauarbeiten zum Opfer. Umweltschützer waren außer sich. Und selbst das IOC, an Nachhaltigkeit interessiert, wollte diesen Neubau nicht. Bahnen in Österreich, der Schweiz, sogar kurz in Deutschland wurden als Ausweichorte diskutiert. Aber der Stolz der Organisatoren schlug alles nieder. Die große Rodelnation Italien brauchte eine eigene Bahn. Die bis zu 110 Millionen Euro teure Bob- und Rodelrinne in Cesana, gebaut für die Spiele in Turin 2006, wurde 2011 stillgelegt, seitdem fehlt auch hier das Geld für den Abriss. Ein Olympia-Comeback 2026 war ein Thema, als es in Cortina stockte. Der Plan wurde verworfen. Nun rottet sie weiter vor sich hin. In Cortina soll sich dieses Schicksal nicht wiederholen. Eine Weiternutzung im Weltcup der Bob- und Rodelpiloten ist bereits geklärt.
Das olympische Finale wurde extrem emotional. Italiens Lokalheldinen Sandra Robatscher kam ins Ziel, übernahm die Führung. Das Team verneigte sich vor ihr. Und eine Minute später vor Verena Hofer. Sie raste an Robatscher vorbei. Italien träumte kurz von der Medaille, doch es waren noch drei oben. Und die legten fehlerfreie Läufe in die Bahn. Ashley Farquharson kam mit Tränen unter dem Helm ins Ziel, die US-Amerikanerin hatte Bronze sicher. Es folgte Elina Bota, ihr lettisches Team tobte vor Freude und fiel gnadenlos über sie her. Silber war ihr sicher. Dann Taublitz. Gedanken aus, keinen Fehler machen. Eine Kurve nach der nächsten nahm sie, kein Wackler, keine Fehler. Gold. Tränen. Und das Protokoll.
