Risikosport Halfpipe-Snowboarden"Keine todesmutige Stuntshow"

Im Dezember verunglückte Snowboarder Kevin Pearce so schwer, dass er womöglich behindert bleibt. Der Sport entwickelt sich rasant, und damit steigen die Gefahren.
Schneller, höher, weiter - und in der Halfpipe immer riskanter. Mit neuen Tricks, aber auch neuen Gefahren haben sich die Snowboarder um den amerikanischen Ausnahme-Sportler Shaun White auf die Olympischen Winterspiele vorbereitet. "Die Entwicklung, die das Halfpipe-Snowboarden im letzten halben Jahr genommen hat, ist rasant gewesen", sagte Christophe Schmidt, der einzige deutsche Starter beim anstehenden Wettkampf. "Ähnlich wie vor vier Jahren in Turin gibt es eine Steigerung. Und wenn die Tricks gesteigert werden, gibt es auch mehr Verletzungen."
White, darüber sind sich alle Fachleute einig, wird im Normalfall wie 2006 der Goldmedaillen-Gewinner in der Röhre mit Eiswänden von Cypress Mountain sein. Mehrere Meter katapultieren sich die wagemutigen Sportler über den rund sieben Meter hohen Rand der Pipe hinaus in die Luft - die Sprünge des Multimillionärs sind dabei einfach der Maßstab.
Diskussionen nach tragischem Unfall
Einer, der dem Superstar bei Olympia hätte gefährlich werden können, wäre Kevin Pearce gewesen - bis er im Training am 31. Dezember tragisch stürzte. Beim Double Cork, einem doppelten Salto mit dreifacher Schraube, verunglückte der in der Szene beliebte Sportler so schwer, dass er mit einem schweren Schädel-Hirn-Trauma im Koma lag. Auf seiner Internetseite wurde dieser Tage betont, dass er Fortschritte mache und es dem 22-Jährigen besser gehe. Aber dass er wieder Snowboard auf höchstem Niveau fahren kann, ist unwahrscheinlich. Womöglich bleibt er behindert.
"Kevin Pearce war ein begabter Fahrer", sagte Shaun White jüngst im "Spiegel". Der Nachsatz kam hart: "Wir alle müssen halt im Rahmen unserer Fähigkeiten fahren." Der Unfall von Pearce hatte zumindest in den Medien Diskussionen zur Folge gehabt, ob derart gewagte Überkopfsprünge nicht zu gefährlich sind. Und nach dem tragischen Unfall des Rodlers Nodar Kumaritaschwili wird auch bei Olympia besonders aufmerksam auf die Akrobaten in der Eisröhre geschaut.
"Keine Grenzen überschritten"
"Snowboarden auf diesem Niveau ist ein Hochrisikosport", betonte Alex Dörr, General-Manager der TTR-World-Snowboard-Tour, in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". "Die Sportler wissen das, und es ist auch nicht so, dass es unkalkulierbar wäre. Wir haben keine Grenzen überschritten. Das ist nach wie vor Sport und keine todesmutige Stuntshow."
Ähnlich wie alpine Skirennfahrer, die ihre Gesundheit riskieren, wenn sie ins Tal rasen, sind sich auch die Snowboarder der Gefahren bewusst. "Man muss für sich selber versuchen, das Risiko den persönlichen Vorlieben gemäß in Grenzen zu halten. Der eine ist risikofreudiger als der andere", meinte Schmidt, Olympia-Achter von Turin. "Es ist immer eine Gefahr dabei, und wenn man das Limit pusht, wird sie größer. Bei Pearce war es ein tragischer Unfall von einem der Weltbesten. Ich hoffe sehr, dass es ihm irgendwann wieder so gehen wird wie vorher."
Von einem Verbot hält der Deutsche nichts. "Du kannst ja nicht sagen, es hat sich einer verletzt, jetzt verbieten wir Tricks", befand der 26-Jährige. Die "Kids im Team" müsse man aber an die Hand nehmen und ihnen sagen, wie weit sie gehen sollten. Auch David Speiser, deutscher Starter im olympischen Snowboardcross und auch in der Halfpipe erfahren, hält nichts von Einschränkungen. "Man stellt auch auf der Streif in Kitzbühel kein Schild auf 'Bitte mit 50 die Mausefalle fahren'", meinte Speiser.