Olympia

Thüringen, Vancouver, positives DenkenLadehemmung und Goldlauf

28.02.2010, 17:44 Uhr
imageThomas Badtke

Mit elf Medaillen kehren Thüringer Athleten von den Olympischen Winterspielen 2010 in Vancouver zurück. Eine ganze Menge, möchte man meinen. Allerdings nur auf den ersten Blick. Auf den zweiten wird ein erschreckender Trend deutlich.

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Thüringen-Express: Stephanie Beckert und Daniela Anschütz-Thoms gewannen eine von zwei Goldmedaillen für den Freistaat. (Foto: DPA)

Der Thüringer an sich ist witzig, sportlich und trinkfest. Sagt man so. Aber nach den Olympischen Winterspielen kommt noch eine weitere Eigenschaft hinzu: Grenzenlos optimistisch.

2002 in Salt Lake City scheffelten die Wintersportler aus dem grünen Herzen Deutschlands noch 17 Mal Gold, Silber und Bronze – und damit fast die Hälfte des deutschen Edelmetalls. Vier Jahre später in Turin sammelten sie dann an den olympischen Sportstätten immerhin noch 13 Medaillen. Elf sind es nun in Vancouver und damit Rang 12 vor Frankreich in der Medaillenwertung. 17-13-12: Thüringen ist auf dem absteigenden Ast, das sieht jeder.

Vormachtstellung dahin

Denn mit den 2 Gold-, 8 Silber- und 2 Bronzemedaillen bei einer gesamtdeutschen Ausbeute von 10 Mal Gold, 12 Mal Silber und 7 Mal Bronze ist die Thüringer Vormachtstellung im deutschen Wintersport dahin. Allein die beiden bayerischen Gold-Madln Maria Riesch und Magdalena Neuner kommen auf insgesamt vier Goldene und eine Silberne. Und völlig zu recht darf "Gold-Lena" bei der Abschiedsfeier auch die deutsche Fahne tragen. Nur zur Erinnerung: Bei der Eröffnung kam diese Ehre noch dem Thüringer Bobfahrer Andre Lange zu.

17-13-12 zeigt aber auch: Die Abwärtsdynamik hat sich verlangsamt. Und Optimisten, also Thüringer an sich, können bereits eine Trendwende erkennen und sehen bereits in Sotschi 2014 wieder 13 Medaillen. Frei nach dem Motto: Nur wer sich hohe Ziele setzt, kann daran wachsen.

Lange als Vorbild

Den Beweis dafür liefert Bobpilot Lange. Der 36-Jährige war angereist, um olympische Geschichte zu schreiben. Und er hat die, zugegebenermaßen sehr hohen Erwartungen, erfüllt. Lange dominiert die Zweier-Konkurrenz, fährt in der superschnellen Eisrinne von Whistler zu seiner insgesamt vierten olympischen Goldmedaille und macht sich so zum erfolgreichsten olympischen Bobfahrer aller Zeiten. Zum erneuten Doppel-Gold, das bisher nur Wolfgang Hoppe 1984 in Sarajevo und Lange selbst 2006 in Turin gelang, reicht es am Ende aber nicht: Im Viererbob erringt Lange Silber. Nun beendet der Ausnahmeathlet seine Karriere und hinterlässt ein schweres Erbe vor allem für den Thüringer Bobsport-Nachwuchs.

So ein Karriereende birgt auch Gefahren, wie die Rennrodlerinnen wissen: Nach dem Rücktritt Silke Kraushaar-Pielachs, mehrfache Weltmeisterin und Olympiasiegerin in Nagano 1998, war in Vancouver erstmals seit 1968 keine Thüringer Rennrodlerin am Start. Gleiches Bild beim Langlauf: Bei den Frauen sucht man nach dem Karriereende von Manuela Henkel eine Thüringerin im Olympia-Team vergeblich.

Von Männern im besten Alter

Bei den Rodlern und Langläufern holen die Männer die Kastanien aus dem Feuer und machen Mut für die Zukunft. Der Schalkauer David Möller rettet in Vancouver die Thüringer Rodel-Ehre mit Silber. Sollte Möller seine Karriere beenden, steht Andi Langenhan bereits Schlitten bei Fuß. Im Langlauf sieht es ähnlich aus. Derzeit "herrschen" zwar die 30-Jährigen noch: Jens Filbrich aus Gossel sorgt beispielsweise als selbstloser "Wasserträger" dafür, dass Tobias Angerer Silber im Skiathlon gewinnt.

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Gemeinsam erfolgreich: Routinier Axel Teichmann und Youngster Tim Tscharnke gewannen Silber. (Foto: DPA)

Und auch Axel Teichmann läuft mit 30 noch wie ein junger Gott und gewinnt zwei Mal Silber - über die "Königsdisziplin" 50 Kilometer im klassischen Stil und im Teamsprint.Aber auch hier klopft ein hoffnungsvoller Jungspund bereits bei den Arrivierten an. Sein Name: Tim Tscharnke. Sein Alter: 20 Jahre. Sein Erfolg: jüngster deutscher Langlauf-Medaillengewinner bei Olympischen Spielen. Tscharnke holt mit Teichmann Silber im Teamsprint. Weitere Triumphe bei Olympischen Winterspielen nicht ausgeschlossen.

Beckert und die Tradition

Das gilt auch für Stephanie Beckert. Die 21-Jährige, erst in ihrer dritten Weltcupsaison, knüpft nahtlos an die Erfolge ihrer Erfurter Vorgängerinnen Sabine Völker und Gunda Niemann-Stirnemann an und sorgt dafür, dass die Thüringer Landeshauptstadt auch künftig eine Eisschnelllauf-Hochburg bleibt. Beckert flitzt bei ihren ersten Olympischen Spielen über 3000 Meter und 5000 Meter jeweils zu Silber und vergoldet ihr unbekümmertes, ruhiges Auftreten dann noch mit Daniela Anschütz-Thoms und ihren Kolleginnen im Team-Wettbewerb: Sieg hauchdünn vor Japan.

Die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft sind auch im Skisprung und vor allem in der Nordischen Kombination gestellt. Nach der Abstinenz der Thüringer Springer 2006 in Turin fliegt mit Andreas Wank wieder ein erfolgversprechendes und mit Olympiasilber in der Mannschaft dekoriertes Talent. Da macht es auch nichts, dass Wank in Sachsen-Anhalt geboren ist. Der 22-Jährige ist seit seinem zehnten Lebensjahr Oberhofer. Ähnlich ist es beim Nordisch Kombinierer Tino Edelmann. Der 24-Jährige wurde in Annaberg-Buchholz im Erzgebirge geboren. Mittlerweile startet er aber für Zella-Mehlis und bringt eine Bronzemedaille mit zurück in den Thüringer Wald, gewonnen im Team-Wettbewerb. Beide können in Sotschi ihre olympische Medaillensammlung noch ausbauen.

Nicht jeder Schuss ein Treffer

Aber nicht alles ist auch Gold, was glänzt. Vor allem die Skijäger enttäuschen in Vancouver. Im Biathlon, gewissermaßen Thüringer Nationalsport, springt lediglich eine Bronzemedaille heraus. Kati Wilhelm und Andrea Henkel laufen im Sprint, der Verfolgung und im Massenstart der Konkurrenz hinterher. Und nicht immer sind die wechselhaften Wetterbedingungen schuld. Läuferisch nicht auf der Höhe wird auch das Schießen zum Problem. Ihre besten Leistungen zeigen die beiden in der Staffel. Die mit Weltmeistertiteln, Olympiasiegen und Gesamtweltcup-Erfolgen geschmückten Wilhelm und Henkel sorgen so zumindest bei den Frauen für einen versöhnlichen Thüringer Abschluss.

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Christoph Stephan musste für die Biathlon-Staffel passen. Folge: Die ging ohne Thüringer an den Start und blieb medaillenlos. (Foto: dpa)

Den Männern gelingt das nicht: Alexander Wolf und Christoph Stephan sind in Vancouver weder in der Loipe noch am Schießstand konkurrenz- beziehungsweise medaillenfähig. Ein Staffeleinsatz war zumindest für Stephan vorgesehen, eine Erkältung setzt ihn aber außer Gefecht und sorgt dafür, dass erstmals seit Sapporo 1972 kein Thüringer in einer Biathlon-Staffel vertreten ist. Das die Staffel dann wegen zwei Strafrunden kein Edelmetall gewinnt, war auch jahrzehntelang undenkbar und macht das ganze nicht besser. Der schon seit längerem vom Thüringer Biathlon-Urgestein Frank Luck geforderte Schießtrainer könnte zumindest am Schießstand wieder für Konkurrenzfähigkeit sorgen.

Und für die Optimisten ist eh klar: In Sotschi 2014 kann es bei den Biathleten nur besser werden. Und wenn es dem Thüringer Nationalsport gut geht, dann glänzt auch der Medaillenspiegel wieder goldener.