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"Sie ist den Leuten einfach egal": Mikaela Shiffrin.
"Sie ist den Leuten einfach egal": Mikaela Shiffrin.(Foto: AP)
Dienstag, 13. Februar 2018

Olympia-Star ohne Aufmerksamkeit: "Shiffrin? Sie ist so laaaangweilig!"

Von Tobias Nordmann, Pyeongchang

Mikaela Shiffrin könnte der Superstar der Olympischen Winterspiele in Pyeongchang werden. In gleich sechs Wettbewerben hat die Ski-Rennfahrerin Goldchancen. Eine gute Story, oder? Nicht für einen amerikanischen Journalisten.

Steve kommt aus Los Angeles. Er ist Reporter fürs Radio. Die Olympischen Spiele begleitet er bereits zum 13. Mal. Ein Veteran. Der Auftrag seiner Redaktion für Pyeongchang: Besorg' Geschichten. "Der Inhalt ist denen egal. Ich kann schicken was ich will, es muss nur eine Story sein", erzählt er. Der Wintersport, das ist nicht so eine große Nummer in den USA. Neben American Football, Basketball und Baseball ist kein Platz für eine vierte echte große Liebe. Selbst bei Olympia nicht. Okay, wenn Lindsey Vonn fährt dann schon. "Sie ist halt schön und sie war mit Tiger Woods zusammen, der ist echt 'ne richtig dicke Nummer bei uns", sagt Steve und lacht laut.

Sie liefert Geschichten: Lindsey Vonn.
Sie liefert Geschichten: Lindsey Vonn.(Foto: dpa)

Die bisweilen dramatische, erfolgreichste Skiläuferin der Geschichte weiß sich prima zu inszenieren. Überall und jederzeit. Bei Instagram, wo sie ihre Follower immer mal wieder mit reizenden Fotos beglückt oder auch auf stets sehr gut besuchten Pressekonferenzen. In Pyeongchang brach sie am Tag der Eröffnung in Tränen aus, als sie über ihren im November verstorben Großvater sprach. Sie wolle, wisperte sie mit brüchiger Stimme, für ihn die Goldmedaille gewinnen. Ein kurzer Moment, eine gesetzte, aber eine echte Emotion, eine große Geschichte. In Europa. Aber auch in den wintersportgelangweilten USA - wenn dort auch deutlich kleiner, wie Steve sagt, aber immerhin halt 'ne Story.

Die liefert Mikaela Shiffrin nicht. Zumindest nicht in ihrer Heimat. "Frag mal 'nen Ami, ob er weiß, wer Mikaela Shiffrin ist!" Wieder lacht Steve. "Sie ist den Leuten einfach egal. She's boring." Was sie hier in Pyeongchang selbst bestätigt hat. Dass sie mit 18 Jahren in Sotschi bereits Olympiasiegerin im Slalom war, ist den meisten Amerikanern so wumpe wie die Jahresdurchschnittstemperatur in Dschibuti. Dass sie mit 22 Jahren schon 41 Weltcup-Rennen gewonnen hat? "Oh, really", sagt Steve. Es könnte ihm kaum egaler sein.

"Sie ist nett", sagt Steve. "Wirklich nett"

Bei Instagram, dem Fame-Thermometer der Stars, hat Shiffrin mehr als 470.000 Follower. Vonn erreicht fast das Dreifache. Und die deutsche Lifestyle (oder so)-Bloggerin Bianca Heinicke hat sogar knapp 5,5 Millionen. So ist das halt. Und was Shiffrin ihren Fans bei Instagram so mitzuteilen hat, das können selbst Menschen mit niedriger Stressresistenz gut aushalten. Da steht so etwas wie: "Got to meet and chat with @katiecouric for a while yesterday" oder "I can’t wait for my first event of #PyeongChang2018".

Dabei ist es jetzt auch nicht so, dass Shiffrin ein unnahbarer Mensch wäre. "Sie ist nett", sagt Steve. "Wirklich nett". Aber nett ist bekanntlich der kleine Bruder von - extrem fokussiert. Nach sportlich ziemlich frustrierenden letzten Wochen vor Olympia mit drei Ausfällen in fünf Rennen, sagt die Weltcup-Dominatorin - was angesichts ihrer unfassbaren Dominanz ein noch zu niedliches Wort ist - nun: "Ich habe mich ein bisschen auf meine Wurzeln besonnen. Ich fühle mich viel besser. Ich will Medaillen in allen Wettbewerben." Bis zu sechs sind möglich, wenn das Slalom-Wunderkind auch im Riesenslalom (sicher), im Super G, in der Abfahrt (sicher), der Kombination und dem Team-Event antreten würde.

Als Steve das hört, zuckt er kurz. "Sounds good". Dann fragt er, als seine Redaktion anruft um die nächsten Tage zu besprechen, beiläufig: "Wann findet das Rennen statt? Mittwoch? Okay. Then good luck." Steve hat andere Pläne, er fährt in den Phoenix Snow Park. Wo er auch am Dienstag schon war, um über die erstaunliche Kim Chloe zu berichten, die 17-jährige Goldboarderin, die den Schnee hasst.

Eine gute Story, weiß er. Die verspricht er sich auch von Shaun White. Dem Halfpipe-Superstar aus den USA. Dem Mann ohne körperliche Grenzen, der im Oktober beim Versuch einen "Cab Double Cork 1440" hinzustellen, mit dem Gesicht auf der Kante der Pipe aufschlug. Der sich die Lunge quetschte, der im Gesicht mit 62 Stichen genäht werden musste. Der Tony Hawk des Winters, den sie wegen seiner roten Haare einst die "fliegende Tomate" nannten. Und eben einer, der immer für einen Spruch gut ist - den Steve so dringend fürs Radio braucht.

Auch Mikaela Shiffrin hat einen Spitznamen. In Europa nennen sie sie wegen ihrer Eleganz auf den Brettern ehrfurchtsvoll den "Mozart des Skirennens". Eine gute Story? Who's Mozart?

Quelle: n-tv.de