Technik

Wilde Spekulationen nach Nest-Kauf Muss Google wirklich alles wissen?

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Nutzt Google künftig Rauchmelder, um an intime Nutzerdaten zu kommen?

(Foto: AP)

Die Reaktionen in Deutschland auf Googles bisher teuersten Einkauf erinnern ein wenig an die Hysterie vor dem Start von Street View. Jetzt wolle die Datenkrake auch unser trautes Heim ausschnüffeln, heißt es. Aber ist das tatsächlich Googles Plan?

"Google will in unser Schlafzimmer" oder "Was will Google in unseren Schlafzimmern?" lauteten in Deutschland Meldungen, nachdem das Unternehmen verkündet hatte, Nest zu übernehmen, ein US-Anbieter für vernetzte Thermostate und Rauchmelder. In den USA dagegen folgten der Bekanntgabe eher Artikel über die Möglichkeiten, die sich Google, aber auch Nutzern und anderen Unternehmen künftig bieten werden. Vielleicht kann man mit Angst und Bedrohungen mehr Klicks generieren und Leser gewinnen, vielleicht neigen die Deutschen aber auch besonders dazu, in neuen Techniken eher die Risiken als die Chancen zu sehen.

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Die Nest-Gründer Matt Rogers und Tony Fadell mit Google-Chef Larry Page in ihrer Mitte.

(Foto: Nest)

Worum geht's bei dem Google-Nest-Deal eigentlich? Es geht um ein Thema, das zuletzt auch bei der Consumer Electronics Show (CES) im Mittelpunkt stand, aber die breite Masse nicht wirklich interessiert hat: Heimautomation oder das "intelligente Zuhause". Dabei sind Waschmaschinen, Fernseher, Kühlschrank oder eben auch Thermostate und Rauchmelder WLAN-fähig und untereinander vernetzt. Kontrolliert werden die Geräte mit einer Software, die auf einem Computer installiert ist oder über eine eigene kleine Steuereinheit. Via Smartphone oder Tablet-App behalten Nutzer den Überblick, können Einstellungen vornehmen oder auch direkt auf ein einzelnes Gerät zugreifen.

Vom Ladenhüter zum Milliarden-Kauf

Neben der Hausautomation war auf der CES auch die Vernetzung von Autos ein Schwerpunkt. Google stellte die Open Automative Alliance vor, zu der Chip-Hersteller Nvidia, Audi, Honda, General Motors und Hyundai gehören. Im Prinzip gibt es kein Gerät, das man nicht vernetzen könnte, weshalb gerne vom "Internet der Dinge" gesprochen wird. Neu ist das nicht, intelligente Hausgeräte werden schon seit Jahren auf der Internationalen Funkausstellung Ifa in Berlin gezeigt. 2009 schrieb die "Zeit" über den "Ladenhüter vernetztes Haus". Ein Verkaufsschlager sind solche Geräte zumindest in Deutschland auch heute noch nicht. Wer kennt jemanden, der einen smarten Kühlschrank hat? Hätte sich Google nicht Nest gekauft, würden in Las Vegas gezeigte intelligente Toaster oder Töpfe immer noch als skurrile Messe-Gadgets abgetan.

Die 2,3 Milliarden Euro, die Google für das erst 2010 gegründete Unternehmen hinblättert, haben plötzlich alles geändert. Wenn das Unternehmen so viel Geld locker macht, muss Hausautomation doch das nächste große Ding sein! Ist es das? Nest war bisher Googles teuerster Einkauf, fast doppelt so teuer wie Youtube. Also wird sich Google tatsächlich etwas dabei gedacht haben. Nur was? Bekannt ist eigentlich nur, dass Google Nest übernommen hat, alles andere ist Spekulation.

Klarer Fall, oder?

In der deutschen Berichterstattung scheint die Sache aber klar zu sein. Google wird seine Nest-Armee aus Thermostaten und Rauchmeldern dazu verwenden, seine Nutzer weiter auszuspähen - bis hinein ins Schlafzimmer. Und wenn Android-Smartphones auch Bügeleisen, Mixer und Kaffeemaschine kontrollieren, liest die Datenkrake in uns wie in einer Kristallkugel. Kein vielleicht, kein könnte, kein möglicherweise.

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Auch das gibt es: Ein Suppenbecher, der Daten an Apps schickt.

(Foto: picture alliance / dpa)

Selbstverständlich liegt es nahe, dass Google künftig auch über intelligente Haushaltsgeräte Information en sammeln will. Nest-Mitgründer Matt Rogers schreibt aber in einem Blogeintrag, dass die Privatsphäre-Bestimmungen seines Unternehmens nur zuließen, Nutzerdaten für Nest-Dienste und deren Verbesserung zu verwenden. "Wir haben Privatsphäre immer ernst genommen und das wird sich nicht ändern", so Rogers. Außerdem sollen Nest-Dienste auch in Zukunft nicht Googles mobilem Betriebssystem Android vorbehalten sein, sondern auch mit iOS-Apps oder Internet-Browsern nutzbar sein.

Was hätte Google davon?

Gut, man kann jetzt einfach wie ein TV-Experte davon ausgehen, dass Google einfach eines Tages die Spielregeln ändern wird, wie es dies schon zuvor getan hat. Was dann, was, wenn Google tatsächlich erfährt, "wenn Leuten ihr Toast verbrennt"? Was könnte Google mit dem Wissen anfangen, dass jemand um 7 Uhr Kaffee trinkt, es im Wohnzimmer gerne etwas wärmer als im Schlafzimmer hat und wann in der Garage automatisch das Licht angeht?

Wann man nach Hause kommt, weiß Google vielleicht bereits über die Smartphone-Ortung, welche Haushaltsgeräte über WLAN funken aus der Internet-Suche. Die anderen Daten könnte es theoretisch einem verrückt detaillierten Nutzerprofil hinzufügen. Dabei sollte man aber bedenken, dass Google keine Profile anlegt, um sie zu verkaufen, sondern Algorithmen die Daten anonym und vollautomatisch scannen, um möglichst passende Werbung platzieren zu können. Änderte Google dieses Prinzip oder verkaufte gar Nutzerdaten, wäre nicht nur sein Ruf ruiniert. Das Vertrauen seiner Nutzer ist eine von Googles Geschäftsgrundlagen. Menschen vertrauen dem Unternehmen via Gmail, Google+ oder Youtube ihre Daten an und bekommen dafür exzellente Dienste gratis zur Verfügung gestellt. Kostenlos sind sie nicht, bezahlt wird mit Daten. Das ist der Deal, Google macht kein Geheimnis daraus.

Im Zweifel für den Angeklagten

Tatsächlich gibt es bisher keinen belegten Fall, in dem Google Nutzerdaten missbraucht hätte. Wie in seiner Datenschutzerklärung beschrieben, nutzt Google die Daten, um "maßgeschneiderte" Werbung zur Verfügung zu stellen. An gleicher Stelle kann man aber auch nachlesen, dass Google wirklich sehr viele Daten erfasst und speichert. Seine Nutzer müssen daher auch darauf vertrauen, dass die Informationen keinem Dritten in die Hände fallen, der damit schlimmen Schaden anrichten könnte. Dass dies nicht ausgeschlossen ist, zeigt der NSA-Skandal. Wenn Nutzer Google aber schon ihre E-Mails und Kontakte anvertrauen, warum sollten sie dann bei Toaster oder Waschmaschine zögern?

Möglicherweise hat Google ja auch gar kein Interesse an den Daten der intelligenten Haushaltsgeräte. Vielleicht möchte es einfach nur in einen vielversprechenden Markt investieren, der nach dem spektakulären Nest-Kauf erst richtig Schwung bekommen wird. Was, wenn Google nur dafür sorgen möchte, dass Android-Geräte durch eine weitere praktische Funktion immer unverzichtbarer werden?

Letztendlich ist es beim Internet der Dinge auch so, wie bei vielen anderen Dingen des Lebens: Man wird nicht gezwungen, Googles Thermostate und Rauchmelder zu kaufen. Es gibt und wird auch in Zukunft alternative Anbieter geben. Und auf intelligente Küchengeräte komplett zu verzichten, fällt sicher leichter, als ohne Smartphone zu leben. Wer aber tatsächlich plant, künftig in einem intelligenten Zuhause zu wohnen, sollte ruhig misstrauisch sein, was mit seinen Daten geschieht - egal, wer sich darum kümmert.

Quelle: ntv.de

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