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Open-World-Abenteuer "Biomutant" Wenn der Kung-Fu-Nager im Atommüll wühlt

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Mit Pistole und übergroßem Langschwert geht es in den Kämpfen von "Biomutant" zur Sache.

(Foto: THQ Nordic)

Ein Endzeit-Szenario ganz ohne Zombies, Aliens oder Roboter - das geht. "Biomutant" findet mit seiner mutierten Tierwelt einen neuen Ansatz und kombiniert hohen Flauschfaktor mit Kung-Fu-Elementen. Ganz ohne Menschen wird der schön verstrahlte Atom-Hamster zum Held.

Wir kriegen diesen Planeten schon irgendwie klein. Und was übrig bleibt, wenn es die Menschheit mit Atommüll und giftigen Chemieabfällen übertrieben und sich selbst ausgelöscht hat, zeigt das Open-World-Abenteuer "Biomutant". Es ist die etwas andere Postapokalypse. Nicht etwa Zombies oder Maschinen bevölkern die Erde, sondern mutierte Tiere, die sich der menschlichen Kultur bedient haben. Die Entwickler von Experiment 101 trumpfen mit humorigen Tierprotagonisten und einer von Kampfkunst-geprägten Story auf. Kleine Comic-Effekte geben dem Titel einen besonderen Look, stellenweise fühlt man sich an die Animationsfilme Kung-Fu-Panda erinnert. Wenn sich die Pixar-Helden einmal durch den Atomschlamm wälzen würden, am Ende käme wohl "Biomutant" heraus. Die gelungene Umsetzung hat an einigen Ecken jedoch Schönheitsfehler.

Nach dem Weltuntergang ist vor dem Weltuntergang: Den Biomutanten steht eine ganz eigene Naturkatastrophe ins Haus. Giftiges Öl aus dem Erdinneren droht, den Baum des Lebens im Zentrum der Spielwelt zu zerstören. Dazu nagen riesigen Kreaturen an den Wurzelenden, um das Unheil noch beschleunigen. Das Untergangsszenario biblischen Ausmaßes muss der Spieler in Form einer aufrecht laufenden Nagetier-Mutation aus Hamster, Eichhörnchen und Chinchilla verhindern. Gleichzeitig befindet sich unser Held auf einem Rachefeldzug, denn ein baumgroßer Fleischfresser namens Lupa-Lupin hat seine Eltern getötet.

Das Aussehen seiner Hauptfigur lässt sich ganz individuell gestalten. Es gibt sechs verschiedene Klassen in "Biomutant", die sich alle optisch morphen lassen. Bedeutet: Die Grundoptik ist gesetzt, sie lässt sich aber je nach Verteilung von Fähigkeiten in Nuancen verändern. Wer auf Kraft setzt, wird einen bulligeren Mutanten-Nager bekommen, mit Schwerpunkt Charisma sieht man deutlich knuffiger aus. Da das Spiel aus der Third-Person-Perspektive abläuft, bekommt man seinen putzigen Nager auch immer zu sehen.

Den ganz großen Baukasten gibt es bei der optischen Gestaltung des eigenen Helden erst durch Waffen und Ausrüstung. Die lassen sich in vielen Varianten modifizieren. Man kann neue Waffen aus bestimmten Einzelteilen herstellen, oder gefundene Waffen oder Kleidungsstücke mit anderen Elementen aufrüsten. Das verändert nicht nur die Angriffs- und Verteidigungswerte, sondern sorgt für einen total individuellen Look. Bauteile (oftmals aus Müll gefertigt), Gegenstände und Waffen findet man in Verstecken, dazu lassen Gegner etwas Nützliches fallen oder man kauft teuer bei den zahlreichen Händlern ein. Wer keine Lust mehr auf seine aktuelle Ausrüstung hat, kann sie auch wieder in ihre Einzelteile zerlegen.

Die "Biomutant"-Welt wird von sechs Stämmen bevölkert, drei von ihnen wollen den Baum des Lebens heilen, die drei anderen wollen die restlichen Stämme unterwerfen. Diese Stammeskonflikte toben in malerisch inszenierten Landschaften, in denen sich die Natur ihren Lebensraum zurückerobert hat. Verfallene Dörfer, Städte und Straßen sind die letzten Reliquien menschlicher Zivilisation. Die Welt wirkt insgesamt aber deutlich bunter und lebendiger als in vielen anderen Endzeitspielen.

Die vom Menschen gemachte Strahlung und der Giftmüll gibt es allerdings immer noch. Das macht der Tierwelt und unserem quirligen Protagonisten zwar zu schaffen, doch gleichzeitig gibt es Strahlung auch in Formen, die Biomutationen und Psy-Kräfte auslösen. So lassen sich beispielsweise neue Spezialattacken und Fähigkeiten freischalten. Und die basieren auf der alten Kampfkunst "Wung Fu" - wo das herkommt, man kann es sich denken. Das Spiel hat einen ordentlichen Anstrich chinesischer Volkskultur verpasst bekommen, was sich in Musik, Story und Verhalten der Bewohner widerspiegelt.

Engel links, Teufel rechts ...

Das Kampfsystem besteht entsprechend auch aus einer Menge Martial-Arts-Geprügel. Schlagen, Ausweichen, Blocken und Spezialattacken müssen kombiniert werden - im richtigen Moment ausgelöst wird auch noch eine kurze Superzeitlupe aktiviert. Das sieht im Gegnergetümmel dynamisch und actionbepackt aus, der Schwierigkeitsgrad ist allerdings wenig fordernd (zumindest wenn man standardmäßig auf "Normal" spielt). Deutlich kniffliger sind die Bosskämpfe. Die gigantischen "Weltenfresser" an den Wurzelenden lassen sich nur mithilfe von Spezialwaffen und Fahrzeugen wie dem Mekton-Roboteranzug, dem Glibbergleiter oder schnellen Reittieren bezwingen.

In "Biomutant" spielt zudem Karma eine große Rolle. Immer wieder tauchen Engelchen und Teufelchen über den Schultern des Helden auf, die richtungsweisende Entscheidungen einleiten. Dem Spieler ist nämlich im Grunde freigestellt, ob er den Baum des Lebens letztendlich rettet oder die Katastrophe geschehen lässt - es gibt verschiedene Enden der Geschichte. Mit allen Handlungen verändert sich die Aura des kleinen Helden. Die dunkle und helle Seite überwiegt, je nachdem ob es ihm mehr nach Vergebung zumute ist oder er nach Rache dürstet. Je dunkler der Charakter, desto weniger glaubwürdig kommt er bei den gutherzigen Bewohnern der Open World an.

Und die einzelnen Story-Charaktere sind wirklich liebevoll gestaltet. Vom einbeinigen Faultier-Sensei "Steinalt", über den Bieber mit Elvis-Tolle "Taufrisch" oder der entenfüßige Fischotter "Glibbo" - die verschiedenen Fabelwesen überraschen in Namensgebung und Aussehen.

Die erfrischend andere Open World

Allerdings unterhalten sich die verschiedenen Tiermutanten in ihrer eigenen Sprache. Getragen wird die Story daher von einem einzelnen Erzähler, der die etwas langatmigen Dialoge für den Spieler rekapituliert. Bei der Masse an tollen Charakteren hätten separate Sprecher für deutlich mehr Abwechslung beim Zuhören gesorgt. Die deutsche Erzählstimme und der Sprecher dahinter sind für sich gesehen jedoch herausragend. Er lässt die Geschichte teilweise richtig märchenhaft wirken, während Kämpfen und auf Reisen sorgt er mit lockeren Sprüchen für Schmunzler. Wie oft sich die raunige Stimme zwischendurch einschaltet, lässt sich in den Optionen sogar justieren.

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So sind viele Feinheiten, die bei "Biomutant" stören. Unsaubere Schnittwechsel zwischen Dialogen, Rückblicken und Cut-Scenes wirken oft holprig und werden mit wenig kreativen Ladebildschirmen überbrückt. Dazu kommen kleinere Bugs, in denen entweder das Reittier plötzlich regungslos dasteht, oder der Spieler in einer Felsspalte festhängt. Das Spiel wirkt an vielen Ecken noch unfertig, Patches müssten da in Zukunft sicher Abhilfe schaffen.

Wer also mit seinem Atom-Hamster die Welt retten will, bekommt zwischen 15 und 30 Stunden Spielspaß geboten - wenn auch mit einigen Schönheitsfehlern. Wer jede Haupt- und Nebenquest absolviert, darf noch ein paar Stunden obendrauf schlagen. Die Fabelwelt in "Biomutant" wirkt stimmig, die Story ist trotz des hohen Flauschfaktors, eingepackt in chinesische Kung-Fu-Philosophien, nicht zu kitschig und das Kampfsystem wird nie langweilig. Die von den Entwicklern geschaffene Welt hat für ein Spiel aus dem Open-World-Genre etwas richtig erfrischendes - oder besser gesagt: etwas schön verstrahltes.

"Biomutant" ist ab dem 25. Mai für PC, Playstation und Xbox erhältlich.

Quelle: ntv.de

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