Technik

Keine Sorge, er beißt nicht Wenn der Roboterhund Wache schiebt

Security Robotics.jpg

"Spot" von Boston Dynamics ist weltberühmt, kommt aber noch selten zum Einsatz.

(Foto: kwe)

Viele Menschen kennen Roboterhunde nur aus Youtube-Videos, in der Realität hat sie bisher kaum jemand gesehen. Eine Berliner Firma will das ändern, sie bietet Unternehmen Sicherheitskonzepte an, in denen der elektronische Vierbeiner gemeinsam mit Flugdrohnen und autonomen Fahrzeugen patrouilliert.

Schon vor fast sieben Jahren stellte Boston Dynamics seinen geländegängigen Roboterhund namens Spot der Weltöffentlichkeit vor. Die Aufmerksamkeit war groß, geprägt durch eine Mischung aus Technikbegeisterung und Grusel vor einer möglichen "Terminator"-Zukunft. Doch die Maschinen sind weit davon entfernt, die Weltherrschaft zu übernehmen. Spot kam erst Ende 2019 auf den Markt und wird bislang vor allem von Roboter-Enthusiasten gekauft, in Unternehmen kommt er dagegen kaum zum Einsatz. Mehr als ein paar Hundert Spots soll Boston Dynamics bisher weltweit nicht abgesetzt haben.

Keiner will der Erste sein

In Deutschland möchte das eine Berliner Firma jetzt ändern, die Spot alleine, im Rudel oder als Team mit anderen Robotern für Kunden trainiert und betreut. Viele Unternehmen seien bereit, auf Roboter im Sicherheitsdienst zu setzen, sagt Aleksej Tokarev, Geschäftsführer von Security Robotics. Aber alle warteten auf einen Pionier, der dies als Erster mache. Darauf müssten sie aber nicht mehr lange warten, so Tokarev, Spot und andere Roboter seien bereits bei einigen Kunden in Erprobung, zu denen auch sehr bekannte Namen gehörten.

Security Robotics-5.jpg

Eine Treppe stellt für Spot kein Hindernis dar, reflektierende Leisten können aber seine Lidar-Sensoren stören.

(Foto: kwe)

Die Preise seien dabei nicht das größte Problem, vor allem für größere Firmen. Je nach Ausstattung kann ein einsatzbereiter Spot beispielsweise bis zu 100.000 Euro oder auch etwas mehr kosten. Verglichen mit jährlichen Lohnkosten für Wachpersonal sind das keine allzu großen Summen.

Roboter als Service

Tokarevs Unternehmen ist nicht einfach nur ein Wiederverkäufer. Es konfiguriert für die Unternehmen die Roboter und übergibt sie quasi maßgeschneidert für die jeweiligen Einsatzzwecke. "Bei der Entwicklung arbeiten unsere Programmierer, IT-Spezialisten und Fachkräfte aus der Sicherheitsbranche mit spezialisierten Hochschulen zusammen und heben Machine Learning auf ein neues Level", heißt es auf der Website von Security Robotics. "Mithilfe von Videoauswertung in Echtzeit sind Einsätze in Bereichen möglich, die bisher Science Fiction vorbehalten waren."

Das klingt ziemlich großspurig, aber tatsächlich ist dieser Service der Baustein, der dem Durchbruch von Spot & Co. bisher gefehlt hat. Die Roboter sind sonst nämlich ab Werk lediglich mit ihren Grundfähigkeiten ausgestattet, aber nicht in der Lage, irgendeine Aufgabe zu übernehmen, bevor sie nicht dafür programmiert wurden.

Spot ist etwas wasserscheu

Spot ist durch seine Bekanntheit und faszinierende Nachahmung der Natur im Angebot des Unternehmens das Zugpferd, beziehungsweise der Zughund. Man kann ihn einzeln oder im "Rudel" kaufen und leasen, das aufeinander abgestimmt beispielsweise gemeinsam ein größeres Firmengelände bewacht.

So beweglich der Roboterhund auch sein mag, sind ihm doch deutliche Grenzen gesetzt. Vor allem ist seine durchschnittliche Laufzeit, bevor seine Akkus neu geladen werden müssen, mit rund 90 Minuten recht kurz. Für einen Rund-um-die-Uhr-Wachdienst benötigt man daher mindestens zwei von ihnen. "Man kann aber auch tricksen", sagt Tokarev, "indem er seine Ladestation in kürzeren Abständen aufsucht, von wo aus er weiter seine Umgebung im Blick behält."

Security Robotics-2.jpg

Argus legt bis zu 24 Kilometer zurück, bevor er geladen werden muss.

(Foto: kwe)

Spot ist zwar in der Lage, sich in unwegsamem Gelände zu bewegen, ein echter Outdoor-Spezialist ist er deswegen aber nicht. Bei starkem Regen muss er sich unterstellen, da er nach IP54 nur gegen Spritzwasser von allen Seiten geschützt ist.

Im Team mit Argus und Beehive

In dieser Hinsicht ist der vierrädrige Argus besser ausgestattet, mit IP65 kann er auch durch ein echtes Sauwetter patrouillieren. Mit einer Reichweite von 24 Kilometern und einer durchschnittlichen Einsatz-Zeit von 12 Stunden ist er auch wesentlich ausdauernder als Spot. Dafür ist der fahrende Roboter nicht so geländegängig wie sein vierbeiniger Kollege. Beispielsweise könnte er kein Gleisbett überqueren und Treppen bewältigt er natürlich auch nicht.

Security Robotics bietet daher eine Kombination ihrer verschiedenen Robotertypen an, zu denen auch eine Flugdrohne (Beehive) gehört. Zusammen überwachen sie ein Firmengelände innerhalb und außerhalb der Gebäude sowie aus der Luft. Dabei können sie nicht nur mit diversen Kameras, sondern auch verschiedenen Sensoren und Werkzeugen ausgestattet werden, unter anderem Greifarmen.

Der Mensch behält die Kontrolle

Security Robotics-3.jpg

Argus und Spot bei der Teamarbeit.

(Foto: kwe)

So praktisch die Roboter sind, Menschen können und sollen sie nicht komplett ersetzen. Das Konzept sieht vor, dass die Maschinen über LTE-Funk mit einer Zentrale verbunden sind, wo Wachleute die Aufnahmen der montierten Kameras und andere gesammelte Informationen in Echtzeit verfolgen und bei Bedarf eingreifen können. Dazu gehört unter anderem, per Fernsteuerung die Kontrolle zu übernehmen, wenn ein Roboter zur näheren Betrachtung eines verdächtigen Vorgangs oder Gegenstands von seinem vorgegebenen Pfad abweichen soll.

So schlau wie man sie macht

Security Robotics-4.jpg

Der Promobot hällt die Stellung an der Tür oder mischt sich unter Gäste.

(Foto: kwe)

Wie schlau sich ein Roboter anstellt, hängt letztendlich von den Menschen ab, die sie programmieren. Künstliche Intelligenz ist genau genommen maschinelles Lernen mittels mathematischen Modellen, mit dem die Roboter für ganz bestimmte Situationen trainiert werden.

Die Patrouillenwege kann man Spot und Argus vorgeben, sie sind aber auch in der Lage, sich auf unbekanntem Terrain selbstständig zurechtzufinden. Spot kann sich dabei an nahezu jedes Gelände anpassen, er ist aber nicht in der Lage, ein neues, dauerhaftes Hindernis auf seiner programmierten Route vorab auszuweichen. Es wird für ihn auch bei der hundertsten Begegnung neu sein und er weicht ihm jedes Mal erst nach der Konfrontation aus. Argus dagegen erinnert sich an ein Hindernis, wenn in seinem Modell durch wiederholte Begegnungen ein Schwellenwert überschritten wird.

Kameras und Lautsprecher statt Bewaffnung

Tokarev und sein Team trainieren die Roboter derzeit auch darauf, dass sie verdächtige Bewegungen von normalen unterscheiden können. Ebenso sollen sie selbstständig im Vorbeigehen oder -fahren auf größere Entfernungen ein Loch im Drahtzaun wahrnehmen können.

Die Roboter folgen Eindringlingen zwar, sind aber nicht in der Lage, sie zu stellen. Bei Höchstgeschwindigkeiten von 5 bis 6 Kilometern pro Stunde könnte sich ein Dieb oder Spion auf der Flucht viel Zeit lassen. Und selbst wenn sie schneller wären, könnten sie ihn nicht angreifen, da die Montage von Waffen auf den Robotern von Herstellern und Gesetzen in Deutschland streng verboten ist. Spot und Argus verfolgen unbefugten Personen vor allem mit hochauflösenden Kameras, deren Bilder an die Zentrale geschickt werden. Sie können zusätzlich Alarm geben und Ansagen machen.

Promobot übernimmt die Tür

Eher sympathisch als gefährlich wirkt der Promobot, der wie ein großer Spielzeugroboter aussieht. Er kann über Spracherkennung und Lautsprecher beispielsweise auf Messen oder Ausstellungen Fragen in mehreren Sprachen beantworten oder Informationen auf seinem Bildschirm anzeigen. Es ist allerdings auch möglich, ihn in ein Sicherheitskonzept einzubinden. So ist der Promobot unter anderem in der Lage, Zutrittsausweise auszudrucken, die Spot und Argus "kontrollieren" können. Er kann aber auch via Gesichtserkennung ungebetene Gäste erkennen und ihre "Steckbriefe" an seine Roboterkollegen übergeben.

Die Zukunft wartet

Mehr zum Thema

Die Möglichkeiten von Spot & Co. sind groß, die Angst vor ihrem Einsatz dagegen scheint maßlos übertrieben zu sein. Zumindest in Deutschland setzen ihnen Gesetze oder auch die Datenschutzgrundverordnung enge Grenzen, die sie kaum gefährlicher als eine vernetzte Überwachungskamera an der Haustüre machen.

Die Polizei hat jedenfalls keine Berührungsängste, in NRW testet sie im Innovation Lab in Duisburg, ob sie mit "Spot" oder ähnlichen Robotern etwas anfangen kann. "Niemand sagt, den brauchen wir jetzt akut; aber wir testen hier, in welchen Bereichen der Roboter uns in der Zukunft nutzen könnte", sagte Innenminister Herbert Reul bei der Eröffnung am 19. Januar.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen