Wilde Szenen an Tankstellen25 russischen Regionen gehen Benzin und Diesel aus
Von Christian Herrmann
Die Ukraine nimmt seit vielen Monaten russische Raffinerien, Öldepots und Treibstofflager ins Visier. Offenbar erfolgreich: Autofahrer sitzen an Tankstellen immer häufiger auf dem Trockenen. "Wir können die Landwirtschaft bald dichtmachen", warnt die Agrarindustrie.
Großstädte wie Moskau und St. Petersburg sind betroffen. Die zentralrussischen Oblasten Rjasan und Orjol laut dem unabhängigen russischen Exilmedium "The Bell" auch. Pskow und Nowgorod im Nordwesten des Landes ebenfalls. Auch Karelien an der finnischen Grenze und Murmansk am Polarkreis schränken den Treibstoff-Verkauf ein. Berichten zufolge wird Kraftstoff zudem in den russischen Grenzregionen Kursk, Belgorod und Woronesch knapp, aber auch in weit entfernten Gebieten wie Krasnojarsk und Tomsk in Sibirien sowie Kamtschatka im Fernen Osten.
Die Versorgungslage ist eindeutig: Russische Regionen melden reihenweise Einschränkungen beim Verkauf von Benzin und Diesel. Es sind keine kleinen Engpässe, sondern große Lieferschwierigkeiten. "In Irkutsk in Sibirien hat ein Abgeordneter der Kremlpartei Einiges Russland gesagt, dass man die Landwirtschaft dichtmachen könne, wenn man nicht jetzt Diesel bekomme", berichtet ntv-Korrespondent Rainer Munz aus Moskau. "Nicht nur in Sibirien, auch im Süden Russlands hat die Landwirtschaft Probleme."
"Schlimmste Treibstoffkrise seit 21 Jahren"
Die Kraftstoffkrise ist das Verdienst der ukrainischen Streitkräfte. Sie greifen seit Monaten Knotenpunkte der russischen Ölindustrie an, darunter Raffinerien, Treibstofflager und Ölterminals. Allein im Mai wurden acht der zehn größten Raffinerien beschädigt, wie das US-Wirtschaftsportal Bloomberg berichtet. Einige hat die Ukraine demzufolge gleich mehrfach angegriffen. Nach den Angriffen mussten die Anlagen ihre Produktion oder ihre Lieferungen teilweise oder vollständig einstellen - je nachdem, wie lange die Reparaturen dauern.
Die Auswirkungen sind enorm. Inzwischen haben 25 russische Regionen den Verkauf von Diesel und Benzin eingeschränkt. Auch in allen besetzten Regionen der Ukraine sind Kraftstoffe knapp. Schätzungsweise ist ein Drittel bis die Hälfte der russischen Bevölkerung von Rationierungen betroffen. "Igor Lipsiz, einer der sehr bekannten russischen Wirtschaftsexperten, sagt, ein Drittel von dem, was Russland produzieren und raffinieren kann, ist weg", sagt Munz. "Er spricht von der schlimmsten Treibstoffkrise in Russland seit 21 Jahren."
Tankstellen bestätigen Obergrenze
In den staatlichen russischen Nachrichten wird das Thema nicht erwähnt, aber die Auswirkungen lassen sich nicht länger totschweigen. Einwohner der Industriestadt Samara, 1000 Kilometer südöstlich von Moskau, berichten etwa dem russischen Nachrichtenkanal "Ostorozhno Novosti" auf Telegram, dass es an vielen Tankstellen der Tatneft-Kette seit einigen Tagen kein Benzin mehr gibt. Dort, wo Kraftstoff verfügbar war, wurde der Verkauf auf wenige Liter pro Kunde begrenzt. Ähnlich soll es in anderen Millionenstädten wie Kasan oder Nischni Nowgorod aussehen.
Tatneft ist die fünftgrößte Tankstellenkette Russlands. Auf Nachfrage der französischen Nachrichtenagentur AFP hat das Unternehmen die Obergrenzen bestätigt: Autofahrerinnen und Autofahrer dürfen an allen 800 Tankstellen im Land vorerst nur noch 30 Liter Benzin oder 60 Liter Diesel tanken. Wie lange die Beschränkungen gelten werden, sei unklar.
Benzin in wenigen Sekunden ausverkauft
Verglichen mit der Lage auf der Krim scheinen die Auswirkungen auf russischem Staatsgebiet dennoch gering: Auf der annektierten Halbinsel im Schwarzen Meer haben die russischen Besatzungsbehörden den Benzinverkauf bereits Ende Mai eingeschränkt. An den Tankstellen spielten sich anfangs wilde Szenen ab. Wer rechtzeitig und mit ausreichend Geld an einer geöffneten Tankstelle auftauchte, hat so viel Benzin oder Diesel gekauft wie möglich. Teilweise waren die Vorräte demnach nach einer Stunde aufgebraucht.
Um das Chaos in den Griff zu bekommen, hat die Besatzer-Regierung der Krim wenig später ein spezielles Coupon- oder Voucher-System eingeführt: kein Coupon, kein Kraftstoff. Aber auch mit Coupon gab es nur 20 Liter. Das System war kein Erfolg: Am 4. Juni hat die Besatzer-Regierung mitgeteilt, dass auf absehbare Zeit keine Coupons mehr ausgegeben oder verkauft werden.
Ähnlich sind die Erfahrungen der Hafenstadt Sewastopol auf der Krim. Sie wollte, dass Autofahrer im staatlichen russischen Messengerdienst Max einen QR-Code generieren, der zum sofortigen Kauf von Benzin oder Diesel berechtigt, damit man nicht erst an der Tankstelle erfährt, ob überhaupt Kraftstoff verfügbar ist. Der Engpass scheint allerdings so groß, dass die tägliche Benzinquote innerhalb von Sekunden ausverkauft war. Laut dem unabhängigen Exilmedium "The Bell" fahren einige Krim-Bewohner inzwischen zum Tanken 300 Kilometer weit nach Krasnodar.
"Außerplanmäßige Wartung"
Die Kraftstoffkrise schlägt sich auch im Tourismus nieder. Die Krim ist im Sommer bei den Russen ein beliebtes Urlaubsziel. "Kommersant" berichtet unter Berufung auf Branchenexperten, dass in diesem Jahr drei bis vier Millionen Touristen wegbleiben werden. Die Moskauer Wirtschaftszeitung schreibt von zahlreichen Stornierungen und rückläufigen Buchungszahlen. Als Grund für die Absagen wird demzufolge auch die fehlende Verfügbarkeit von Kraftstoff genannt.
Eine Lösung für die Krise scheint nicht in Sicht. Auf dem Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg räumte der für Energiefragen zuständige stellvertretende russische Ministerpräsident Alexander Nowak Anfang Juni ein, dass die russische Ölförderung derzeit niedriger ausfällt als üblich. Ihm zufolge liegt dies allerdings an der "außerplanmäßigen Wartung" mehrerer Raffinerien, nicht an ukrainischen Angriffen. Dennoch wurde ein neuer Stab im russischen Energieministerium eingerichtet, um die stabile Versorgung des Landes sicherzustellen.
Ob dies helfen wird, die Kraftstoffkrise zu bewältigen, ist unklar. Fest steht bisher nur, dass die Ukraine es den zweiten Sommer in Folge geschafft hat, in Russland eine Benzinknappheit auszulösen. Im vergangenen Sommer fielen die Auswirkungen mit dem Höhepunkt der russischen Urlaubssaison im August zusammen. Dieses Mal beginnen die Probleme deutlich früher.