Wirtschaft

Erst Rezession, dann Deflation? Angst vor der nächsten Plage

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Modehändler in Düsseldorf werben mit Rabattaktionen um Kunden. Noch liegt die Teuerungsrate in Deutschland bei 1,4 Prozent.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Eurozone wird von den nächsten Schreckgespenstern heimgesucht. Nach der jüngsten Hiobsbotschaft aus Griechenland wittern Experten Deflationsgefahren auch in anderen Euroländern. Wie gefährlich so ein Preisverfall auf breiter Front werden kann, zeigt Japan. Die Regierungen sollten unbedingt Gas geben und nicht bremsen, lautet der Rat.

Kaum sind die Inflationsgespenster einigermaßen gebannt, beginnen die Deflationsgespenster ihr Unwesen zu treiben. Spätestens seit dem Datenschock aus Griechenland wächst in der Eurozone die Angst vor einem Preisverfall auf breiter Front: In dem Krisenstaat fielen die Verbraucherpreise zum ersten Mal seit 45 Jahren. Ökonomen fürchten eine ähnliche Entwicklung in anderen Sorgenländern. Um eine Abwärtsspirale wie in Japan zu vermeiden, fordern sie eine Lockerung der harten Sparpolitik und ein Eingreifen der Europäischen Zentralbank (EZB).

"Deflation ist eine Gefahr, die ernst genommen werden muss", warnt der Europa-Chefvolkswirt von Nordea, Holger Sandte. "Wir haben es mit einer Krise zu tun, die nicht einfach so ausgeschwitzt wird, sondern etwas Zerstörerisches hat." Deutlich wird das an Griechenland, wo die Schuldenkrise ihren Anfang nahm. Dort dürfte die Wirtschaftsleistung 2013 das fünfte Jahr in Folge einbrechen, die Arbeitslosenquote auf 27 Prozent steigen und die Löhne sinken.

Griechenland droht weiter Deflation

Das schlägt immer stärker auf die Verbraucherpreise durch: Im März fielen sie um 0,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat und damit erstmals seit 1968, weil die Unternehmen in diesem Umfeld keine Preiserhöhungen durchsetzen können, sondern Zugeständnisse machen müssen. "Die Deflationsentwicklung dürfte für den Rest des Jahres anhalten", sagt Eurobank-Ökonom Platon Monokroussos. Die EU-Kommission geht sogar davon aus, dass sich der Rückgang 2014 fortsetzen wird.

Eine Abwärtsspirale mit sinkenden Preisen auf breiter Front gilt als viel gefährlicher als eine Inflation. Warnendes Beispiel ist Japan: Die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt kämpft nun schon seit zwei Jahrzehnten gegen die Deflation an. Fallen die Preise erst einmal, setzen Verbraucher darauf, dass Waren und Dienstleistungen immer günstiger werden und halten sich mit ihren Ausgaben zurück. Die Firmen bleiben auf ihren Produkten sitzen, verlieren Umsatz und müssen Mitarbeiter entlassen, was den Konsum weiter drückt.

Auch der IWF warnt

So weit ist es in der Eurozone jedoch noch nicht. Dort liegt die Teuerungsrate derzeit bei 1,7 Prozent, im April dürfte sie nach Prognose der Commerzbank auf 1,3 Prozent fallen. In einigen Ländern deutet sich jedoch ein Preisrückgang an: In Portugal stagnierten die Preise im März. In Spanien liegt die Inflationsrate derzeit zwar noch bei rund 2,5 Prozent. "Doch das liegt vor allem daran, dass der Staat durch höhere Abgaben und Steuern an der Preisschraube dreht", sagt Nordea-Experte Sandte. "Ohne diesen Effekt läge die Inflationsrate nur bei 0,7 Prozent." In Ländern wie Italien sehe es ganz ähnlich aus.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) warnte bereits im Sommer 2012 vor dieser Entwicklung. "In den schneller wachsenden Euro-Ländern ist die Deflationsgefahr zwar gering, aber an der Peripherie signifikant", so die IWF-Ökonomen. "Dort überdecken die vom Staat durchgesetzten Steuer- und Abgabenerhöhungen den verstärkten Deflationsdruck."

"Gas geben und nicht bremsen"

Diesen dürfe die EZB nicht länger unterschätzen, rät Ökonomin Lena Komileva von G+ Economics. Während die Notenbanken in den USA, Japan und Großbritannien ihren Leitzins längst nahe Null gedrückt haben und aggressiv riesige Summen in die Wirtschaft pumpen, haben die Währungshüter um ihren Chef Mario Draghi noch Spielraum. Der Leitzins liegt bei 0,75 Prozent. Viele EZB-Beobachter erwarten inzwischen, dass er weiter gesenkt wird. Das würde die Zinskosten der Regierungen drücken und die Rekapitalisierung der Banken verbilligen. "Wir sind zum Handeln bereit", erklärte Draghi auf seiner jüngsten Pressekonferenz und öffnete damit die Tür für eine Zinssenkung.

Experten raten aber auch den Regierungen, frühzeitig etwas gegen steigende Deflationsgefahren zu unternehmen. "Sie treten etwas zu stark auf das Bremspedal, sie sollten nicht zu stark sparen", sagt Nordea-Chefvolkswirt Sandte angesichts der Dauer-Rezession in einigen Krisenländern, die nach Meinung vieler Experten durch Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen noch verschärft wird. "Wenn man eine Deflation riecht, muss man Gas geben und nicht bremsen."

Quelle: ntv.de, rts