Wirtschaft

Blamage für deutsche Ingenieure BER begrüßt die Welt im Retro-Look

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Die Fluggastbrücke für das Mega-Flugzeug A380 am BER. Vor Jahren hat sie die Augen der Verantwortlichen zum Leuchten gebracht. Das war einmal.

(Foto: imago images/Bernd Friedel)

In der Bauzeit hagelt es Hohn und Spott für den BER. Das "Monster" Brandschutz oder geheime Unterlagen im Berliner Müll machen fassungslos. Viele Jahre vergehen, aber eine Comeback-Story wird er nicht mehr. Gerade eröffnet, stehen schon die nächsten Turbulenzen an.

Von Euphorie oder Freude, dass der BER endlich ans Netz geht, dringt wenig nach außen. Es ist eher ein Ereignis der leisen Töne. Nach einer großen Party ist Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup nicht zumute. Das hat er rechtzeiig wissen lassen. Die vermurkste Entstehungsgeschichte hat Narben hinterlassen - am Bau, den beteiligten Firmen und bei den Verantwortlichen. Köpfe sind gerollt, Firmen Pleite gegangen. Was die Welt über die Jahre ebenso schockiert wie erheitert hat, war vor allem ein riesiger Kraftakt.

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Werbekampagne aus dem Jahr 2012: Prominenter Namensgeber des neuen Flughafens "Berlin Brandenburg" ist Willy Brandt.

(Foto: picture alliance / dpa)

Wegen chronischen Missmanagements musste der Neubau in den vergangenen Jahren von Grund auf saniert werden. Was folgt, ist eine nicht enden wollende Flughafen-Saga mit vielen Rückschlägen, die wertvolle Zeit kosten. Am Ende bezahlt sie der Flughafen auch noch damit, dass er den Anschluss an fortschrittliche Technologien und modernes Design verliert:

Da ist das Kabelgewirr: Tausende Kabel müssen neu gezogen werden. Arbeiter hatten die Trassen völlig planlos und ohne Absprache vollgepackt. Die Folge: Überhitzungsgefahr. Dann wird der Brandschutz das große Sorgenkind der Baustelle. Die Feuer-Sprinkler tröpfeln nur, die Entrauchungsklappen sind nicht zu steuern, der Plan der Architekten, den Rauch unter den Flughafenhallen abzuleiten, entpuppt sich als irreparabler Konstruktionsfehler. Irgendwann heißt der Brandschutz nur noch das "Monster". Unfreiwillig werden die Mängel auch immer komischer.

Es folgt die Dübel-Panne: Weil Metalldübel an den Tragsystemen für Kabel plötzlich nicht mehr der Norm entsprechen, müssen sie ersetzt werden oder brauchen - Dübel für Dübel - Sondergenehmigungen. Auf den Plätzen folgen die zu kurz geratenen Rolltreppen, falsch gepflanzte Bäume, unauffindbare Räume und nicht zu vergessen, das Licht, das sich nicht ausschalten lässt. "Am BER funktioniert nicht einmal der Lichtschalter", spotten die Gazetten 2013 in ihren Überschriften.

Mit überbordender deutscher Bürokratie - wie zu der Zeit häufig behauptet wird - hat das nicht viel zu tun. 2014 werden ordnerweise vertrauliche Unterlagen in einem Abfallcontainer auf offener Straße in Berlin gefunden. Hochstapelei und Schmiergeld-Affären fliegen auf. Die politisch Verantwortlichen haben die Kontrolle verloren: Ohne Generalunternehmer, mit gigantischen Umplanungen und viel zu knapp kalkulierten Terminen. All das kostet wertvolle Zeit.

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Pausenlos Licht an: Findet da jemand den Schalter nicht?

(Foto: picture alliance / dpa)

Viele Jahre werden in der Bauphase vertan. Der BER, als Prestigeprojekt der Region geplant, verkommt zum Treppenwitz der Nation. "Wir deutschen Ingenieure haben uns geschämt", sagt Flughafenchef Lütke Daldrup rückblickend. Angesichts des wachsenden Chaos wächst die Fassungslosigkeit. "Wir planen ja keine Mondlandung", stellt Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke 2017 etwas ratlos fest. Auch das Ausland hat eine Meinung zu diesen Peinlichkeiten: Der Flughafen "besudelt den guten Ruf Berlins!", höhnt zum Beispiel der britische "Telegraph" 2018.

*Datenschutz

Die endgültige Freigabe des BER durch die Baubehörde war ein "langer, schwieriger Weg", fasst Lütke Daldrup seine Arbeit der vergangenen Jahre zusammen, "eine mühsame, sehr kleinteilige Arbeit". Nicht umsonst sind viele vor ihm an dem verkorksten Vorhaben gescheitert.

Selbst ein Haudegen wie Hartmut Mehdorn, dem man sehr viel zugetraut hatte, musste kapitulieren. Nach sechs geschassten Geschäftsführern und Bauleitern sowie sechs geplatzten Eröffnungsterminen gebührt dem ehemaligen Stadtplaner Lütke Daldrup der Ruhm. Er hat aufgearbeitet, was vor ihm verbockt wurde. Er hat das "Monster" bezwungen.

Über eins kann der späte Sieg jedoch nicht hinwegtäuschen: Der Zahn der Zeit hat schwer am Bau genagt. Modern wäre der Flughafen in den Nuller Jahren gewesen, als er geplant wurde. Was hier am Ende fertig geworden ist, ist ein Retro-Modell, kein Flughafen der Zukunft. Nicht nur, weil es in den Wartebereichen nicht mal genügend Steckdosen für die stromhungrigen Passagiere und ihre Smartphones gibt. Selbst die extragroße Fluggastbrücke für die A380, die einst der Stolz der Planer war und für die sogar die Baupläne während der laufenden Arbeiten umgeworfen wurden, ist mittlerweile museumsreif.

Die riesige Perlenkette, die damals als Schmuck und Zeichen der Exklusivität des Flughafens an den Bau gehängt wurde, wirkt heute deplatziert. Denn die A380 wird - wenn überhaupt - nur noch selten andocken, wie in der Branche zu hören ist. Das Riesenflugzeug bekomme man in Berlin gar nicht mehr voll, heißt es. Die große Zeit der A380 ist vorbei, Airbus will bald keine mehr bauen.

So darf am neuen Hauptstadtflughafen auf absehbare Zeit also weiter auf Sicht herumgewerkelt werden. Noch 2018 hatten die Verantwortlichen den BER als große "Comeback-Story" gepriesen. Die Zeiten haben sich geändert. Nicht nur für die Riesen-Fluggastbrücke, auch für das für Billigairlines errichtete Terminal 2 hat die Flugbranche derzeit keine Verwendung. Es wird aus Kostengründen und weil die zusätzlichen Kapazitäten nicht benötigt werden, vorerst geschlossen bleiben. Normalerweise - ohne Corona - wäre Terminal 1 zu klein gewesen. Eine richtige "Comeback-Story" sieht anders aus. Zum Glück hat man am Flughafen gelernt zu improvisieren. Das könnte in diesen Zeiten noch eine wertvolle Fähigkeit werden.

Quelle: ntv.de