Wirtschaft

Katerstimmung an der Chip-Front Boom-Branche erwartet schlimmsten Rückschlag seit Jahren

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Vorboten eine langen Flaute?: Die Lieferungen von Desktop-Prozessoren sind so stark zurückgegangen wie seit fast 40 Jahren nicht mehr.

(Foto: picture alliance / dpa)

Während die Autoindustrie noch über Lieferengpässe klagt, bricht die Chipnachfrage an anderen Stellen drastisch ein. Dem Halbleiter-Boom wird ein abruptes Ende prognostiziert. Ausgerechnet, nachdem viele Staaten milliardenschwere Investitionsprogramme aufgelegt haben.

Gefühlt bekommt die Welt nie genug von Halbleitern. Chips für elektronische Steuerungen werden überall gebraucht: bei Autos, Haushaltsgeräten, Smartphones oder Unterhaltungselektronik. Seit Ausbruch der Pandemie bestimmen Klagen über Engpässe und Mangelwirtschaft die Schlagzeilen. Unfertige Autos mussten bereits auf Parkplätzen abgestellt werden, unterm Weihnachtsbaum fehlten sehnlichst erwartete Spielekonsolen. Nach der Panik um den Chipmangel kündigt sich nun überraschend eine ebenso schnelle Korrektur an.

Der chronische Chipmangel scheint seinen Höhepunkt - zumindest in bestimmten Bereichen - überschritten zu haben. Die Hinweise auf eine Korrektur mehren sich: Nvidia, einer der größten Entwickler von Grafikprozessoren und Chipsätzen für PCs, Datencenter-Server und Spielkonsolen, meldete vor einer Woche desaströse Zahlen. Der Umsatz im Kerngeschäft brach um mehr als 40 Prozent ein. Intel erging es nicht besser. Lieferanten von Computerchips schätzen, dass ihre Erlöse im Jahr 2022 bis zu 50 Prozent einbrechen werden.

Zu schaffen mache der Branche nicht nur die auslaufende Corona-Pandemie und die schrumpfende Nachfrage nach Computern, weil Beschäftigte in die Büros zurückkehren, wie die Fachzeitschrift "PC Games Hardware" schreibt. Auch der neuerliche Kryptocrash hinterlässt tiefe Spuren in den Bilanzen. Der Absatz von Grafikkarten unter anderem zum Schürfen von Digitalwährungen dürfte nach Branchenangaben um die Hälfte schrumpfen. Intel und Nvidia haben ihre Versand- und Umsatzprognosen für das Jahr 2022 entsprechend angepasst.

Schlechtes Timing für Milliardeninvestitionen

Auch Micron, der größte Hersteller von Speicherchips in den USA, warnte bereits vor einem Nachfrageeinbruch. Die Hiobsbotschaft wurde ausgerechnet an dem Tag verkündet, als US-Präsident Joe Biden den "Chips and Science Act" mit staatlichen Hilfen in Höhe von 52 Milliarden US-Dollar unterzeichnete, um die heimische Produktion anzukurbeln. "Es ist irgendwie schwarzhumorig", kommentiert Sanford C. Bernstein-Analystin Stacy Rasgon das Timing gegenüber der US-Finanzagentur Bloomberg. "Die Politik wird herausfinden, wie schnell sich Engpässe lösen können, wenn die Branche dreht."

Nicht nur die USA, sondern auch Europa, China und Japan werden möglicherweise die Erfahrung machen. Denn sie alle haben wegen der Lieferkettenproblematik in der Corona-Krise und geopolitischen Spannungen große Investitionsprogramme beschlossen, um die Chip-Produktion anzukurbeln. Zumindest kurzfristig bestehe das Risiko, "in Produktionskapazitäten zu investieren, die auf einen wirtschaftlichen Abschwung zusteuern", zitiert Bloomberg den Fitch-Experten Jason Pompeii.

Dass Katerstimmung angesagt ist, bestätigen auch die jüngsten Branchendaten aus China, nach denen die Produktion von integrierten Schaltkreisen nach der coronabedingten Sonderkonjunktur im Juli um 17 Prozent eingebrochen ist.

Vorboten einer jahrzehntelangen Flaute

Erst Ende vergangener Woche berichtete die "Financial Times" über abrupte Stornierungen beim größten chinesischen Halbleiterhersteller Semiconductor Manufacturing International Corporation (SMIC). Laut Konzernchef Haijun Zhao ist die Nachfrage nach Chips, die in Smartphones und Unterhaltungselektronik verwendet werden, am stärksten zurückgegangen. Die Verkäufe chinesischer Smartphone-Hersteller seien im ersten Halbjahr um die Hälfte geschrumpft, hieß es. Stabil seien dagegen die Nachfrage nach Chips für industrielle Steuerungen oder Automobilanwendungen. Als Gründe führte er nicht nur die Inflation und einen zyklischen Nachfragerückgang, sondern indirekt auch die Zuspitzung im Taiwan-Konflikt an.

Die Expertenprognosen sind düster. Citigroup-Analyst Christopher Danely erwartet, dass der Rückschlag für die Branche der schlimmste seit mindestens 10 Jahren, möglicherweise sogar 20 Jahren sein könnte. Wahrscheinlich werde jedes Unternehmen und jede Chip-Kategorie darunter leiden.

Die größten Käufer von Chips sind PC-Hersteller. Dass die Gesamtlieferungen von Desktop-Prozessoren im Jahresvergleich so stark zurückgegangen sind wie seit fast 40 Jahren nicht mehr, ist laut Bloomberg ein Vorbote "dunkler Zeiten". Für die Halbleiterbranche ist ein Boom-und-Bust-Zyklus- erst ein großer Hype, gefolgt vom Platzen der Blase -, jedoch kein Novum. Die Branche hat solche Achterbahnfahrten in ihrer Geschichte mehrmals erlebt.

Quelle: ntv.de, ddi

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