Warum Pekings Umland friertChinas Energiewende hat überraschende Widersprüche
Von Christian Herrmann
China ist der Gigant der erneuerbaren Energien. Allein 2025 installiert die Volksrepublik dreimal so viele Solaranlagen, wie Deutschland insgesamt hat. Aber auch Kohlekraftwerke schießen wie Pilze aus dem Boden. Im Umland von Peking darf aber nicht mit Kohle geheizt werden.
Das schmutzige China? Das war einmal. Während die USA an Öl und Erdgas kleben, investiert die Volksrepublik massiv in Wind, Solar und Batterien. Nirgendwo sonst sind schon jetzt so viele Elektroautos unterwegs. China ist der globale Vorkämpfer der Energiewende. Der weltweit erste "Elektrostaat". Eine "aufsehenerregende" Vision, sagt Kevin Tu im "Wieder was gelernt"-Podcast von ntv. "Aber die Realität ist komplizierter."
Kevin Tu ist Direktor der Denkfabrik Agora Energy China. Sein Weg in die Energiebranche war gewissermaßen vorgezeichnet. Bereits sein Vater verdiente sein Geld in der Energiewirtschaft. Er arbeitete für die großen chinesischen Ölkonzerne CNPC und Sinopec.
Auch Tu begann seine Karriere in der Branche, als Bauleiter in der Öl- und Gasindustrie. Dort allerdings hat er die Auswirkungen der fossilen Industrien auf die chinesische Umwelt gesehen. Er entschied sich, in Kanada Ressourcenmanagement zu studieren und sich mit Fragen der Energie- und Klimapolitik zu beschäftigen.
Erst Exporteur, jetzt Importeur
Seitdem hat sich die chinesische Energieindustrie komplett gewandelt. "Um das chinesische Wirtschaftswachstum aufrechtzuerhalten", wie Tu im Podcast sagt. "Früher war die chinesische Ölindustrie ein wichtiger Exporteur für den Weltmarkt. Inzwischen ist China der größte Importeur von Öl und Gas auf der Welt."
Auch im Kohlebereich sind die Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte offensichtlich. Früher hat die chinesische Wirtschaft fast ausschließlich auf Kohle als Energiequelle gesetzt. Durch den Ausbau der erneuerbaren Energien ist der Kohle-Anteil am Energiemix inzwischen auf knapp 50 Prozent geschrumpft.
Viele neue Kohlekraftwerke
Die Ausbauzahlen verdeutlichen den Wandel. Seit 2021 hat China Bloomberg zufolge so viele neue Energiequellen zugebaut, wie die USA insgesamt besitzen. Allein im vergangenen Jahr sind in der Volksrepublik 543 Gigawatt neu entstanden - über alle Technologien. Nur die neuen Stromquellen können zwölf Prozent mehr Strom erzeugen als alle indischen Stromquellen und Kraftwerke (509 GW) insgesamt.
Die größte Zubau-Last trägt wie in vielen anderen Staaten die Photovoltaik: Allein 2025 hat China Solaranlagen mit einer Leistung von 315 Gigawatt installiert. Alle installierten Solaranlagen in Deutschland haben derzeit eine Leistung von 117 Gigawatt.
Nach wie vor baut die Volksrepublik allerdings auch viele neue Kohlemeiler: 95 Gigawatt waren es im vergangenen Jahr. Weitere 291 Gigawatt werden bereits gebaut, befinden sich in der Planung oder wurden schon genehmigt.
Ein Widerspruch aus Sicherheitsgründen, wie Kevin Tu sagt. "Ich bin Ingenieur für Petrochemie und Ingenieure sind von ihrer Ausbildung her relativ konservativ. Wenn sie gebeten werden, ein Problem zu lösen, denken sie immer an Sicherheitsmargen, weil sie kein systemisches Versagen riskieren wollen. Auch die chinesischen Entscheidungsträger haben seit den späten 19070er-Jahren in erster Linie einen ingenieurwissenschaftlichen Hintergrund. Diese Denkweise erklärt, warum das chinesische Energiesystem tendenziell eher konservativer geplant wird geplant."
Abgeschlagene Atomkraft
Im chinesischen Strommix dominiert Kohle nach wie vor. Die sauberen Energieträger beginnen erst, ihre Wirkung zu entfalten: Wasserkraft erzeugte 2025 insgesamt 14 Prozent des chinesischen Stroms. Solarenergie und Windkraft folgten mit einem Anteil von jeweils 11 Prozent auf den Plätzen drei und vier. Die Atomkraft war voriges Jahr für weniger als 5 Prozent des Stroms verantwortlich.
Trotzdem haben die sauberen Energien dafür gesorgt, dass die chinesischen CO2-Emissionen 2025 erstmals gesunken sind. Das freue die chinesische Bevölkerung, sagt Kevin Tu im Podcast. Auch diejenigen Menschen, die wie sein Vater in der Öl- oder in der Kohleindustrie gearbeitet haben oder immer noch dort arbeiten. "Sie sehen die Auswirkungen der fossilen Brennstoffe auf die chinesische Umwelt. Der Ausbau der erneuerbaren Energien wird grundsätzlich landesweit wirklich unterstützt."
Aber wie in Europa geht die Energiewende auch in China nicht ohne Probleme über die Bühne. Die Volksrepublik möchte 2060 klimaneutral sein. Noch befindet sich der Kohleverbrauch durch die wachsende Wirtschaft jedoch auf einem Allzeithoch. 2,6 Millionen Menschen verdienen ihren Lebensunterhalt in der Branche - und müssen sich Gedanken über ein Leben danach machen.
Das gilt auch für die betroffenen Provinzen, denn mit dem Ende der Kohleförderung brechen eines Tages nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch Steuereinnahmen weg. Sie müssen wichtige Fragen der Versorgungssicherheit, des Wirtschaftswachstums und der sozialen Stabilität klären.
Kampf um den blauen Himmel
Dass das auch in China nicht immer gelingt, zeigen Berichte aus den vergangenen Wochen. Die kommunistische Führung hatte 2017 angeordnet, dass in der Provinz Hebei im Winter nicht mehr mit schmutzigen Energieträgern wie Kohle geheizt werden darf. Stattdessen wurden Gasheizungen installiert. Denn die 74-Millionen-Einwohner-Provinz umschließt die Hauptstadt Peking und hat sie früher in der kalten Jahreszeit in Smog gehüllt.
Damit sollte Schluss sein: erfolgreich. Anfang Januar gab die städtische Umweltbehörde bekannt, dass Peking 2025 nur einen einzigen Tag mit starker Luftverschmutzung verzeichnet habe. Das entspreche einem Rückgang von 98 Prozent gegenüber 2013. Der "Kampf um den blauen Himmel" wurde gewonnen.
Hebei muss frieren
Doch Heizen mit Gas ist in China deutlich teurer als Heizen mit Kohle. Die "New York Times" berichtet, dass Rentner im Umland von Peking seit dem Kohleverbot ungefähr ein Drittel ihrer monatlichen Rente für Heizkosten einplanen müssen. Der britische "Economist" schreibt, dass die Heizkosten in ländlichen Regionen die jährliche Rente sogar übersteigen können.
In den Vorjahren haben die lokalen Behörden die Heizkosten deshalb subventioniert. Doch die chinesische Wirtschaft kränkelt, viele Kassen sind leer, die Schulden in vielen Fällen hoch. Deshalb haben viele Regionen ihre Subventionen zurückgefahren oder komplett gestrichen. Die Bewohner von Hebei mussten im vergangenen Winter eine Entscheidung treffen: Einige haben heimlich weiter Holz oder Kohle verbrannt, um nicht zu frieren. Wer keinen Ärger mit lokalen Behörden haben und kein Bußgeld riskieren wollte, hat sich lieber in Decken eingemummelt.
Nicht nur westliche Presse hat über das frierende Hebei berichtet, auch staatliche chinesische Medien griffen das Thema auf. Die Menschen in den sozialen Netzwerken ohnehin: Sie riefen dazu auf, die Heizregeln zu lockern oder neue Subventionen einzuführen. Nur wie, wenn das Geld knapp ist?
Kevin Tu sagt: Subventionen sind keine Patentlösung. Die Heizfrage müsse ganzheitlich gedacht werden, auch technologisch. Ihm zufolge können etwa Wärmepumpen oder Biomasse eine Option sein - in einigen Fällen jedenfalls: "Wenn sie richtig eingesetzt wird, hat eine Wärmepumpe einen Wirkungsgrad von weit mehr als 100 Prozent", sagt der Direktor von Agora Energy China. Ihm zufolge verfügen speziell in ländlichen Regionen aber viele Häuser über keinerlei Dämmung. Das wird bei extrem niedrigen Temperaturen schwierig. Eine andere Herausforderung ist der vergleichsweise hohe Preis. Obwohl die niedrigen Betriebskosten Wärmepumpen auf lange Sicht wirtschaftlicher machen, sind die Anschaffungskosten für viele Haushalte eine große Hürde. In dieser Frage ähnelt die chinesische Debatte erstaunlich der deutschen.
Frage der Einstellung
China legt bei der Energiewende ein gewaltiges Tempo vor. Die Volksrepublik ist der Gigant im Bereich der erneuerbaren Energien. Gleichzeitig bleibt das Land weltweit der größte Kohleverbraucher. Niemand stößt mehr Treibhausgase in die Atmosphäre.
Für diese Herausforderung gibt es keine einfache Lösung. Es seien unterschiedliche politische, wirtschaftliche und technologische Ansätze notwendig, sagt Kevin Tu. Oftmals sei es eine Frage der Denkweise und Einstellung. Auch in diesem Punkt ist die chinesische Energiewende der deutschen ganz nah.