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Wirtschaft steckt in der Falle Chinas fette Jahre sind vorbei

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Hausgemachte Krise: Der Einbruch des mit Schulden überladenen Immobilienmarktes belastet die chinesische Konjunktur.

(Foto: picture alliance / CFOTO)

Die chinesische Wirtschaft wächst so langsam wie seit Jahrzehnten nicht. Das ist weniger Ausdruck einer Krise als vielmehr einer neuen Normalität. Die Zeiten, in denen die kommunistische Führung Wachstum nahezu nach Belieben "herbeizaubern" konnte, sind vorbei.

Monatelange Lockdowns, die ganze Metropolen lahmlegten, zum Jahresende eine tödliche Corona-Welle, dazu eine geplatzte Immobilienblase, steigende Rohstoff- und Energiepreise sowie eine nachlassende Exportnachfrage im Zuge des globalen Abschwungs: Angesichts der gewaltigen Schocks für Chinas Wirtschaft im vergangenen Jahr ist es wenig überraschend, dass das von der kommunistischen Führung ausgegebene Wachstumsziel von 5,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) deutlich verfehlt wurde. Immerhin legte die Wirtschaftsleistung offiziellen Angaben zufolge allen Krisen zum Trotz um drei Prozent zu. Diese Zahl mag auf den ersten Blick hoffnungsvoll stimmen: Wenn schon in der akuten Krisensituation eine solche Entwicklung möglich ist, hat die chinesische Wirtschaft dann nicht beste Chancen, zum alten Wachstumstempo zurückzukehren, sobald die Schocks vorüberziehen?

Bei näherem Hinsehen erscheint das unwahrscheinlich. Das Wachstumstempo des vergangenen Jahres, das langsamste seit rund drei Jahrzehnten, ist weniger Ausdruck einer akuten Krise als einer neuen Normalität. "Die fetten Jahre sind damit definitiv vorbei", heißt es etwa in einer Analyse der deutschen Außenhandelsagentur GTAI über die Aussichten für Chinas Wirtschaft. Auch künftig werde das BIP "ohne Corona-Test-Sonderkonjunktur und geschönte Berechnung" nur noch zwei bis drei Prozent pro Jahr wachsen.

Das vergangene Jahr habe gezeigt, wo die wunden Punkte der chinesischen Wirtschaft lägen, sagt Max Zenglein, der Chefökonom des Mercator Instituts für Chinastudien. Da ist zum einen der aufgeblähte Immobiliensektor, der rund ein Viertel der gesamten chinesischen Wirtschaft stellt. Mehrere große und viele kleine Unternehmen sind unter der enormen Schuldenlast der Branche zusammengebrochen. Wohnungsverkäufe und -preise brachen ein. Dadurch sind Millionen von Immobilienbesitzern aus der Mittelschicht auf dem Papier ärmer geworden. Das wiederum trug zu deren Zurückhaltung beim Konsum bei.

"Arbeitslose Uni-Absolventen kann man nicht auf Baustellen schicken."

Job und Einkommensverlust im Zuge der Corona-Lockdowns taten ihr Übriges, um die Binnennachfrage zu schwächen. Gleichzeitig ließ auch die Nachfrage aus dem Ausland nach den Produkten der für China zentralen Exportindustrie spürbar nach. Was dabei offenbar wurde, ist, dass die chinesische Staatsführung seine Fähigkeit, die Wirtschaft zu steuern, und auch in Krisen "Wachstum herbeizuzaubern" verloren hat, wie Zenglein erklärt. So stemmte sich China mit gigantischen Ausgabenprogrammen vor allem für die Infrastruktur erfolgreich gegen die globale Wirtschaftskrise 2008. Doch heute verpuffen vergleichbare Initiativen weitgehend. "Chinas Wirtschaft hat sich weiterentwickelt und strukturell verändert", erklärt Zenglein. "Arbeitslose Uni-Absolventen kann man nicht auf Baustellen schicken."

Zudem hat sich Peking vorgenommen, bei der Wirtschaftsentwicklung mehr auf Qualität als auf Quantität zu achten. Das bedeutet unter anderem, dass weniger Wachstum auf Pump finanziert werden soll. Das ist zwar nachhaltiger als etwa der jahrzehntelang mit enormen Schulden aufgeblähte Scheinwohlstand durch den Immobiliensektor. Aber praktisch schränkt ein solcher Vorsatz die Möglichkeiten ein, etwa den zusammengebrochenen Wohnungsmarkt zu stabilisieren.

Auch hat sich in der Krise gezeigt, dass sich bei dem seit vielen Jahren erklärten Ziel, den Binnenkonsum als Stütze der Wirtschaft im Vergleich etwa zur Exportindustrie und zum Immobilienmarkt auszubauen, nicht viel getan hat. "Im Gegenteil, in dieser Hinsicht war das vergangene Jahr in Rückschlag", so Zenglein. Das liege auch daran, dass die kommunistische Führung ihre Kontrolle über die Wirtschaftsentwicklung teilweise abgeben müsste, wenn der Konsum eine größere Rolle spielte. "Im Vergleich zur Industrie und zum Infrastruktursektor beruht der Konsum stärker auf der autonomen Entscheidung einzelner Verbraucher und lässt sich entsprechend politisch weniger steuern. Damit tut sich die KP schwer."

Sich mit dem zu erwartenden, deutlich schwächeren Wachstum einfach zufriedenzugeben, dürfte für Chinas Führung unter Präsident Xi Jinping wohl keine Option sein. Nachdem China es geschafft hatte, das BIP pro Kopf zwischen 2010 und 2020 nach Plan zu verdoppeln, gilt offiziell das Ziel, die Wirtschaftskraft bis 2035 erneut zu verdoppeln. Dafür sind rechnerisch jährliche Wachstumsraten von knapp fünf Prozent notwendig.

Dies zu erreichen, erscheine außerordentlich schwierig, sagt Zenglein. China läuft weiterhin Gefahr in die "Falle der mittleren Einkommen" zu geraten. Dieses Phänomen, dass ein zunächst schneller Aufholprozess gegenüber den Industrieländern plötzlich ins Stocken kommt, ist auch in anderen Entwicklungsländern zu beobachten. "China trifft es aber besonders früh", so Zenglein. Auch in Südkorea gebe es derzeit eine ähnliche Entwicklung. Dort sei das BIP pro Kopf aber dreimal so hoch wie in China.

Quelle: ntv.de

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