Wirtschaft

"It's crunchtime" Crash oder Rally: Wie wird das Börsenjahr 2022?

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Rauf, runter? 2022 werden die Aktienmärkte schwankungsanfälliger, wie Experten voraussagen.

(Foto: picture alliance / dpa)

2021 kennt der Aktienmarkt nur eine Richtung: nach oben. Der Dax überspringt erstmals die 16.000er-Marke, obwohl er zu Jahresbeginn gerade so über 13.000 Punkten notiert. Aber wie sieht es 2022 aus? Experten sagen, wohin die Reise gehen könnte, nennen Risiken, bestimmende Themen, Branchen und Aktien, die man im Blick haben sollte.

Der Dax beendet den ersten Handelstag 2021 mit 13.727 Punkten. Zwischenzeitlich hat der deutsche Börsenleitindex in diesem Jahr die 16.000er-Marke übertroffen, markiert bei 16.290 Zählern sein neues Allzeithoch. Aktuell tendiert der Dax knapp unter 16.000 Punkten und kommt somit noch immer auf einen prozentual zweistelligen Zuwachs in diesem Börsenjahr. Kein Wunder also, dass sich die Experten einig sind: "2021 war ein gutes Börsenjahr - nicht nur gemessen an der prozentualen Rendite, sondern auch was die Schwankungsbreite, die Volatilität betrifft", sagt etwa Benjamin Feingold von Feingold Research. "Diese hielt sich in Grenzen, abgesehen von ein, zwei verhältnismäßig kleinen Rücksetzern war es ein sehr ruhiges Börsenjahr - im Vergleich etwa zum Corona-Jahr 2020", erläutert der Finanzmarktexperte.

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"2020 hat uns die Grenzen des Prognostizierbaren offenbart", blickt Marco Herrmann, Geschäftsführer der Fiduka Depotverwaltung, noch einmal kurz zurück und spricht dann auch von einem "guten Börsenjahr 2021". Er schränkt aber ein: "Trotz der zweistellig prozentualen Zuwächse hinkt der Dax im Vergleich zu Dow Jones und S&P-500 oder auch anderen europäischen Indizes deutlich hinterher." Er erläutert: "Das hängt auch mit dem Branchenmix zusammen: Im deutschen Börsenleitindex gibt es wenig Banken und Finanzwerte, die allgemein in diesem Jahr sehr gut gelaufen sind. Zudem hat der Dax mit SAP und Infineon nur zwei richtige Tech-Titel. Das reicht dann am Ende nicht, um den Dax auch im Vergleich mit anderen Indizes nach oben zu hieven."

"Big Player" als Zugpferde

"International waren die Big Player gefragt", führt Carsten Riehemann, geschäftsführender Gesellschafter bei der Vermögensverwaltung Albrecht, Kitta & Co. aus. "Dieser Trend, der sich bereits kurz nach dem Corona-Schock im Frühjahr 2020 ausgebildet hat, konnte sich 2021 fortsetzen: Die ganz großen Unternehmen mit ordentlich Cash in den Taschen waren erneut die maßgeblichen Treiber der Weltbörsen - und letzten Endes auch des Dax." Riehemann verweist auf Apple, Alphabet oder auch Microsoft.

Ähnlich sieht es auch Michael Gollits, Vorstand der Vermögensverwaltung Von der Heydt, der ebenfalls von einem "ordentlichen Dax-Plus" spricht: "Wenn man Chip-Krise und Lieferketten-Probleme betrachtet, kann sich die Dax-Performance durchaus sehen lassen", sagt er. "Gleichzeitig sollte aber nicht vergessen werden, dass es nur wenige Unternehmen waren, die richtig gepusht haben. Beispiel Nasdaq: Die Hälfte der Gewinne kam von nur fünf Aktien, den üblichen Tech-Verdächtigen, den Befeuerern des digitalen Lebens."

2022: Anschnallen und festhalten

Ob die "Big Ones" auch dem Börsenjahr 2022 ihren Stempel aufdrücken? Auch da sind sich die Experten einig: Das dürfte schwierig werden, auch wegen der hohen Bewertungen: "Apple ist mittlerweile so groß wie der gesamte deutsche Aktienmarkt oder auch der britische", sagt Finanzmarktexperte Riehemann und spricht von "Giga-Konzernen".

Einig sind sich die Experten auch, dass ein anderes Thema 2022 das Handeln der Anleger bestimmen wird: die Inflation. "Die Geldpolitik der Notenbanken wird das übergeordnete Thema bleiben", ist sich etwa Riehemann sicher. "Die ultralockere Geldpolitik wird Schritt um Schritt zurückgefahren, das 'Tapering' nimmt Fahrt auf und so heißt es jetzt: It's crunchtime! Wie geht es am Ende weiter ohne das billige Geld? Können die Märkte für sich gesehen und aus sich selbst heraus wachsen?" Riehemann meint, sie können es: "Erforderlich dafür ist aber eine breitere Aufstellung in den USA, sodass das Kursplus sich auf mehrere Schultern verteilt und nicht nur von fünf, sechs Werten getragen wird."

"Die Europäische Zentralbank", legt sich Fiduka-Geschäftsführer Herrmann fest, "wird auch 2022 weiter Anleihen in großen Stil kaufen. Das Ganze dann aber eher unter dem Mantel des 'Green Deals' und nicht mehr unter dem Stichwort Corona-Krise." Für Herrmann ist zudem klar, dass die US-Regierung unter Joe Biden "ausgabentechnisch" noch einmal alles versuchen wird, ehe ein "Durchregieren" durch die Zwischenwahlen vielleicht nicht mehr möglich sein könnte. "Zudem wird sich die weltweite Konjunkturerholung fortsetzen - allerdings wird auch das Thema Inflation nicht von der Agenda verschwinden", unterstreicht Herrmann.

Finanzmarktexperte Feingold sieht das genauso: "Ich rechne zumindest im ersten Halbjahr mit einer weiterhin hohen Teuerung", sagt er. "Dabei sind drei Zinserhöhungen in den USA eingepreist. Niedrigere Gewinnmargen drohen. Und die Frage wird sein: Können die Firmen den Kostendruck weitergeben?"

Ein Inflationstreiber dürften die hohen Rohstoffpreise bleiben. "Wenn sich die globale Konjunktur weiter erholt, worauf aktuelle Frühindikatoren hinweisen, bleibt auch die Nachfrage nach Rohstoffen hoch, die zudem durch den verstärkten Ausbau der erneuerbaren Energien diesseits und jenseits des Atlantiks befeuert wird", erläutert Von-der-Heydt-Vorstand Gollits. "In Europa wird sich die Inflationsdynamik in den kommenden Monaten aber abkühlen", unterstreicht er und verweist etwa auf den Basiseffekt der zwischenzeitlich gesenkten Mehrwertsteuer hierzulande, mit deren Hilfe der Konsum und auch die Wirtschaft in der Corona-Krise wieder in Schwung gebracht worden war. "Auch beim Ölpreis sollte ein Basiseffekt greifen", sagt Fiduka-Vorstand Herrmann und verweist darauf, dass 2020 die Preise "teilweise unter null" gelegen hatten und 2021 dann zeitweise bis über 80 Dollar je Barrel (159 Liter) gestiegen waren.

Alle Augen auf ...

"Preissteigerungen auf der Rohstoffseite könnten vor allem im Industriesektor und bei Zyklikern für Margendruck sorgen. Das könnte deren Aktienkurse belasten", kommentiert Börsenexperte Feingold. "In meinen Augen ist die Chip-Industrie einer der Favoritenbranchen für 2022, was die Kursperformance angeht: Zum einen pusht der Chip-Mangel die Preise. Zum anderen setzt sich der Digitalisierungstrend ungebremst fort und befeuert die Nachfrage."

"Den Gesundheitssektor sollten Anleger im Blick haben", sagt Fiduka-Vorstand Herrmann. "Da gibt es zum einen die sehr volatilen Profiteure der Corona-Krise und zum anderen aber auch zuletzt vernachlässigte Werte - wie etwa eine Merck", führt er aus. Auf Gollits' Liste steht zudem "alles, was mit Klimawandel und Digitalisierung zu tun hat" und bei Riehemann heißt es: "grüne Themen, Wasserstoff und Robotics".

Der geschäftsführende Gesellschafter von Albrecht, Kitta & Co. warnt Anleger aber davor, erneut ein so ruhiges Börsenjahr wie 2021 zu erwarten: "Größere Korrekturen sind nicht auszuschließen, auch weil Corona gekommen ist, um zu bleiben", sagt er. "Ich rechne aber eher mit Rücksetzern wie im vierten Quartal: Ein Schüttler und weiter geht es, auch weil Anleger die Kursverluste zum Einstieg genutzt haben."

Für Finanzmarktexperte Feingold ist klar, dass das Schlussquartal 2021 als "Blaupause für das kommende Börsenjahr dienen könnte": "Fakt ist, dass an Aktien weiterhin kein Anleger vorbeikommt, wenn es um Rendite geht." "Cash gibt's derzeit genug", betont Fiduka-Vorstand Herrmann. "Eine gute Voraussetzung für weiter steigende Kurse auch im Dax - und für ein weiteres gutes Börsenjahr."

Quelle: ntv.de

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