Wirtschaft

Kalte Reise der Corona-Vakzine DHL schwört auf Trockeneis und "Ulf"

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Vorsicht, es wird kalt: Der Biontech-Impfstoff muss bei minus 70 Grad Celsius transportiert werden.

(Foto: REUTERS)

Biontech, Pfizer, Moderna - die ersten Impfstoffe im Kampf gegen das Coronavirus sind nah. Aber nach ihrer Zulassung und Produktion müssen manche bis zur Injektion auch noch bei minus 70 Grad gelagert werden. DHL baut deshalb seinen "Ulf"-Vorrat aus.

Es ist der Hoffnungsschimmer im Kampf gegen die Corona-Pandemie. Das deutsche Unternehmen Biontech hat zusammen mit dem US-Pharmakonzern Pfizer einen Impfstoff gegen das Virus entwickelt, der schon bald zum Einsatz kommen soll. Auch das Präparat der US-amerikanischen Firma Moderna steht kurz vor der Zulassung. Geben die Behörden grünes Licht, müssen die Vakzine nur noch zu den Menschen in die Impfzentren gelangen.

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Der Transport bei solch niedrigen Temperaturen geht nur mit Schutzkleidung, wie die deutsche Firma Va-Q-Tec aus Würzburg zeigt.

(Foto: REUTERS)

Für die Logistikbranche ist das eine Herkulesaufgabe. Die Branche rechnet in den nächsten zwei Jahren mit zehn Milliarden Impfdosen, die verschickt werden müssen. Den Großteil des Geschäfts werden Fedex, UPS, Kühne + Nagel und natürlich die Deutsche-Post-Tochter DHL übernehmen. "Wir sind in der heißen Phase der Vorbereitungen. Das heißt, wir sprechen zum einen mit den Herstellern, zum anderen natürlich auch mit Regierungen und NGOs, um diese Vakzine rechtzeitig zu den Menschen zu bringen", sagt Katja Busch, Chief Commercial Officer bei DHL, im ntv-Podcast "Wieder was gelernt".

Knackpunkt beim Transport ist die Kühlung der Impfstoffe. Das Präparat von Biontech und Pfizer muss bei mindestens minus 70 Grad gelagert werden, bevor es Menschen verabreicht werden kann. So kalt ist es nicht einmal in der Arktis. DHL hat deshalb bereits Hunderte sogenannter Ultra-Tiefkühlschränke gekauft. Damit habe man gute Erfahrungen gemacht, erzählt Katja Busch - zum Beispiel im niederländischen Nijmegen, wo man ein Zentrum für Pharmalogistik betreibe. "Dort kommen Kühlschränke zum Einsatz, die wir 'Ulf' nennen. Das sind Ultra Low Freezer. Die können solche Temperaturen sicherstellen." 58 solcher Ultra-Tiefkühlschränke sind unweit der deutschen Grenze im Einsatz, für die Corona-Herausforderung hat DHL bereits mehrere Hundert weitere gekauft.

Kühlung bei minus 70 Grad

Im Flugzeug und auf Lkw werden die Präparate in Kunststoffboxen mit Trockeneis, also gefrorenem CO2, transportiert. "Dann wird die Verpackung aufgemacht und es kommt neues Trockeneis herein. Auch das sollte kein Problem sein, denn es gibt genug Trockeneis und genug Verpackungen", erzählt DHL-Managerin Busch. Man arbeite aktuell sogar an einem Konzept, wie man diese Verpackungen wieder retour bringen könne. "Denn es kann ja nicht sein, dass Millionen von teuren Thermoverpackungen irgendwo auf dem Müll landen."

Trockeneis fällt allerdings unter die Gefahrgutverordnung, deshalb gibt es Gewichtsbeschränkungen bei den Flugzeugen. Einen Engpass befürchtet Katja Busch aber nicht. Sie setzt auf enge Zusammenarbeit mit den Fluggesellschaften, anderen Logistik-Riesen und den Regierungen. "Dieses Projekt kann keiner alleine stemmen, dafür ist es einfach zu groß und zu fordernd." Es gehe in erster Linie darum, möglichst bald von den Regierungen zu wissen, wie die "Impfungen vonstattengehen". Erst dann könnten die Logistiker "in die feine Planung" gehen, sagt die Logistikexpertin. "Aktuell haben wir Szenarien auf dem Papier, jetzt sind wir auf Informationen von den Ländern angewiesen. Aber ich bin zuversichtlich, dass das in den nächsten Wochen passieren wird und dass wir tatsächlich im ersten Quartal des nächsten Jahres mit den Impfungen beginnen können."

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Katja Busch ist Chief Commercial Officer bei DHL.

(Foto: DHL)

Diesen Optimismus teilen auch die anderen Logistik-Riesen. Von UPS heißt es, man habe die große Nachfrage nach dem Impfstoff-Transport im Blick und bereite sich entsprechend darauf vor. Fedex teilt mit, man sei "gut aufgestellt" und "arbeite mit Herstellern, Verteilzentren und Behörden zusammen, um diese Logistik-Herausforderung zu bewältigen." Auch die Logistiker von Kühne + Nagel haben "Lösungen" parat, um Präparate auch unter extremen Minustemperaturen zu transportieren.

Diese "Lösungen" liefern verschiedene Unternehmen, darunter die deutsche Firma Va-Q-Tec aus Würzburg. Das börsennotierte Unternehmen stellt Thermocontainer her und hat zuletzt eine Vereinbarung mit einem "globalen Top-Pharmahersteller" bekannt gegeben. Das große Geschäft wittert auch Mecotec. Die kleine Firma aus Sachsen-Anhalt bezeichnet sich selbst als Marktführer im Bereich Kühlcontainer.

Deutsche Mittelständler profitieren

Mit dem Laborausrüster Binder rechnet ein weiterer deutscher Mittelständler mit hohen Umsätzen. Das Unternehmen aus Tuttlingen in Baden-Württemberg baut "Ulfs", wie DHL sie einsetzt. "Darin sind mehrstufige Kälte-Anlagen eingebaut, die in der Lage sind, das Temperaturniveau auf minus 90 Grad zu bringen. Die zweite starke Eigenschaft ist eine Art Super-Isolation. Dadurch hat der Schrank an der Außenseite Zimmertemperatur, aber im Inneren können es minus 90 Grad sein", erklärt CEO und Firmengründer Peter Michael Binder, wie sich ein Ultratiefkühlschrank von der klassischen Gefriertruhe unterscheidet.

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Peter Michael Binder vor einem Ultratiefkühlschrank.

(Foto: Binder GmbH)

Etwa 40.000 Impfdosen passen in einen Schrank des Laborausrüsters. Bei mehreren Millionen benötigter Impfdosen nur in Deutschland müssen eine Menge davon zum Einsatz kommen, die 450 Mitarbeiter von Binder haben alle Hände voll zu tun. In den vergangenen Wochen sei die Produktionsleistung um mehr als 200 Prozent gesteigert worden, erzählt der Firmenchef. "Die ganze Geschichte hat eine kolossale Dynamik entwickelt. Uns erreichen unzählige Anrufe und E-Mails, wo es eigentlich nur darum geht, wann man wie viele solcher Tiefkühlergeräte haben kann."

Langfristig erwartet Binder aber eine Normalisierung der Nachfrage-Situation. Es ergebe deshalb keinen Sinn, das Unternehmen auszubauen. "Wir werden keine neue Fabrik planen, um dort noch mehr Geräte herzustellen, und dann ist Corona in zwei, drei Jahren vorbei. Stattdessen tun wir jetzt alles, was mit relativ kurzfristiger Wirkung die Produktionszahlen nach oben bringt. Ich gehe davon aus, dass sich die Lage ab dem dritten Quartal 2021 beruhigen wird."

Auch, weil zum Beispiel der Impfstoff von Moderna anders als das Biontech-Pfizer-Präparat nicht bei extremen Minusgraden aufbewahrt und transportiert werden muss. Und es sind noch viele andere Vakzine in Arbeit. Je mehr, desto besser - die Logistiker sind vorbereitet.

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Quelle: ntv.de