Wirtschaft

John Cryans schwerer Kampf Deutsche Bank blickt Dürrejahr entgegen

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Es gibt viel aufzuräumen.

(Foto: AP)

Eine "bessere Deutsche Bank" will John Cryan schaffen - weg von den Skandalen der vergangenen Jahre. Der Vorstandschef kämpft um das Vertrauen der Investoren und Anleger. Der Brite wählt dabei die Flucht nach vorn.

Die Deutsche Bank kämpft gegen den Kursverfall und wirbt wie nie zuvor um das Vertrauen der Investoren. Seitdem John Cryan das Ruder übernommen hat, ist die Glaubwürdigkeit der Führung bereits gestiegen. Doch nachhaltig wird die Bank Anleger nur wieder anziehen können, wenn sie ihre Versprechen hält. Viele Investoren sind bereits abgesprungen. Jetzt geht es darum, die verbrannte Erde wegzutragen und eine Grundlage für Neues zu schaffen. Oder, wie Cryan es selbst ausdrückt, für eine "bessere Deutsche Bank".

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Wie kaum ein anderer Vorstand der Deutschen Bank legt der Brite Cryan die Finger in die Wunde. Ihm bleibt nach dem Vertrauensverlust bei den Anlegern keine andere Wahl als die Flucht nach vorn an. Die bisherige Führung ist mit ihrer Salamitaktik und vielen, nicht eingehaltenen Versprechen gescheitert. Gerne versprühte Cryans Vorgänger, Anshu Jain, bei Präsentationen vor Investoren, Analysten und Journalisten eine unerschütterliche Zuversicht, um dann letzten Endes doch zu enttäuschen. Kapitalerhöhungen, rekordhohe Strafen im Libor-Skandal und eine Serie von Skandalen waren das ernüchternde Resultat.

Cryan spricht dagegen Klartext: Die nächsten beiden Jahre werden hart und stehen im Sinne des längst notwendigen radikalen Umbaus der Bank. Investoren, die bereits reichlich Geld verloren und keine Toleranz für weitere Kurseinbußen haben, wollen die kommende Dürrezeit nicht mitmachen und sind daher bereits ausgestiegen. Der Kurs der Deutschen Bank ist seit August kräftig gefallen.

Als Cryan im Juli das Ruder übernommen hatte, war die Aktie noch von 27 Euro auf 32 Euro gestiegen. Davon ist nichts mehr übrig. Im Dezember kostete die Aktie zuletzt nur noch 23 Euro und konnte beim Jahresendspurt des Deutschen Aktienindex nicht mithalten. Zum Vergleich: Vor Ausbruch der Finanzkrise zu Beginn des Jahres 2007 hatte die Aktie der Deutschen Bank im Hoch noch 102 Euro gekostet.

Mammutaufgaben und Eitelkeiten

Wann Cryans Rosskur erste Erfolge zeigen wird, ist nicht abzusehen. Der Brite hat mit der neuen Führungsriege viel Verstärkung und Mitkämpfer. Sie haben die Mission, auf Befindlichkeiten in der Bank wenig Rücksicht zu nehmen und Prozesse zu verbessern. Doch der Berg an Arbeit ist gewaltig.

Als ob Mammutaufgaben wie die vielen Rechtsstreitigkeiten und die Digitalisierung der Bank nicht genug Kraft erfordern, kommen laut Insidern Intrigen und Machtkämpfe erschwerend hinzu. Jeder Häuptling verteidige sein kleines Königreich innerhalb der Bank aufs Schärfste, erzählen Deutschbanker. Da gehe es mehr darum, die eigene Stellung zu verteidigen als die Bank nach vorn zu bringen. Selbst hartgesottene Mitarbeiter im Investmentbanking erzählen, sie hätten die Intrigenkultur schon vor Jahren nicht mehr ausgehalten und wären daher lieber zur Konkurrenz gegangen. Kein gutes Klima für Veränderungen.

Cryan selbst strahlt das Gegenteil dieser Sucht nach Geld und Status aus: Nach eigener Aussage zieht er seinen Ansporn nicht aus Bonuszahlungen. Zwar hat er als mehrjähriger Top-Manager finanziell ohnehin ausgesorgt, doch selbstverständlich ist seine Haltung dennoch nicht. Cryan pflegt einen ruhigen Ton. Seine Stimme ist im Gegensatz zu vielen, sich betont kantig gebenden Vorstandskollegen, ungewohnt sanft. Sein Blick ist besorgt. Umso stärker ist die Wirkung seiner ganz und gar unsanften Maßnahmen.

Mit harter Hand

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John Cryan greift durch.

(Foto: REUTERS)

In den ersten sechs Monaten seiner Amtszeit hat Cryan sowohl die erste als auch zweite Führungsebene ausgewechselt. Die Änderungen werden sich laut Insidern auch in den darunter liegenden Ebenen fortsetzen. Die Bank baut zudem 9.000 Arbeitsplätze sowie 6000 Stellen bei externen Dienstleistern ab. Hinzu kommt die Trennung von der Postbank. Sie schließt Filialen und beendet die Präsenz in einigen Ländern. Er tue das "nicht leichten Herzens", sagte Cryan. Aber es ginge nicht anders.

Die Zahl der Kunden in Global Markets und CIB wird um die Hälfte reduziert, insbesondere in Ländern mit höheren Risiken. Hintergrund ist auch, dass nur ein Drittel der Kunden 80 Prozent der Erträge in diesen Geschäftsbereichen erwirtschaften. Die veraltete IT wird erneuert und 90 Rechtseinheiten abgebaut.

Zu den Aufräumarbeiten gehörte auch, die notwendigen Rückstellungen vorzunehmen. Im dritten Quartal bedeutete das einen Verlust von sechs Milliarden Euro. Rechtsstreitigkeiten und Abschreibungen hatten die Deutsche Bank wieder einmal in die Miese getrieben. Die Sonderbelastungen beliefen sich auf stolze 7,6 Milliarden Euro. So musste die Bank rund 5,8 Milliarden Euro auf den Geschäfts- oder Firmenwerts im Investmentbanking und im Privatkundengeschäft abschreiben. Regulatorische Kapitalanforderungen auf die Bewertung dieser Bereiche machen der Bank zu schaffen. Außerdem musste das Finanzhaus mit Blick auf den Verkauf der Postbank die Erwartungen deutlich senken.

Wie geht es weiter?

Für Aktionäre gab es im abgelaufenen Jahr also keinen wirklich überzeugenden Grund, die Aktien der Deutschen Bank zu kaufen. Die Erleichterung über Anshu Jains Weggang war groß, aber der Wechsel kam für viele zu spät.

Wie geht es nun weiter? Cryan muss die Scherben von jahrelangem Missmanagement wegräumen. Er versucht den Spagat, die Bank gesund zu schrumpfen, ohne den Anschluss an die globalen Wettbewerber zu verlieren.

Erst wenn sich die Erfolge von Cryan in Zahlen niederschlagen und keine weiteren Skandale auftauchen, werden die Investoren Vertrauen fassen. Für Letzteres stehen die Chancen gut. Jeder Mitarbeiter, der auf dumme Gedanken kommt, riskiert mehr denn je seinen Job. Sollten noch unbekannt Sünden aus der Vergangenheit auftauchen wird Cryan aller Voraussicht nach offener damit umgehen als sein Vorgänger.

Schwieriger ist es dagegen, gute Zahlen zu liefern. Hier müssen sich die Anleger noch gedulden. Die Ziele, angefangen bei den Kostensenkungen bis hin zur Rendite und Kapitalquote, sind allesamt für die Jahre 2018 und teils sogar erst für 2020 angesetzt. Auf eine Dividende müssen die Anleger im Dürrejahr 2016 verzichten.

Extravaganzen reizen die leidgeplagten Investoren

Umso genervter reagieren Investoren auf alte Zöpfe, die die Bank noch nicht abgeschnitten hat. Hierzu gehören auch bereit stehende Büros für jeden, der mal eine Vorstandsfunktion bei der Deutschen Bank hatte und jetzt bei Veranstaltungen die Bank repräsentiert. Die Bank erklärt dies damit, dass die Herren noch Aufgaben für die Bank übernehmen. Aber ob ihnen in Zeiten von Milliardenverlusten und Dividendenstreichungen auch ein Chauffeur zur Verfügung gestellt werden muss, stünde auf einem anderen Blatt, murren Investoren. Die Wirkung nach außen ist jedenfalls negativ.

Cryan will laut Insidern lieber heute als morgen mit derlei Extravaganzen abschließen. Aber es gebe nun einmal viele Baustellen. Er und sein Team arbeiteten so viel es geht ab, hieß es. Damit haben sie nächstes Jahr alle Hände voll zu tun.

Quelle: ntv.de, Madeleine Nissen, DJ

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