Wirtschaft

"Wir sind im Orbit"Deutsche Trägerrakete Spectrum startet erfolgreich ins All

05.09.2026, 22:40 Uhr
00:00 / 02:34
image
Spektakuläre Bilder vom norwegischen Weltraumbahnhof Andøya. Die Isar Aerospace Rakete startete dort um 22.12 Uhr. (Foto: dpa)

Die Spectrum-Rakete des deutschen Herstellers Isar Aerospace startet zu ihrem zweiten Testflug. Diesmal läuft alles glatt. Es ist das erste Mal, dass eine privat entwickelte Rakete vom europäischen Kontinent aus den Orbit erreicht.

Das bayerische Raumfahrt-Start-Up Isar Aerospace hat erfolgreich eine Trägerrakete vom norwegischen Weltraumbahnhof Andoya gestartet. Die unbemannte Rakete vom Typ "Spectrum" erreichte wie erhofft die Erdumlaufbahn - der erste Orbitalflug, der von europäischem Boden ausging. Der Start um 22.12 Uhr wurde per Livestream übertragen. Nach zehn Minuten riss die Videoübertragung zum Boden ab, nachdem die Rakete die maximale Reichweite der Verbindung überschritten hatte. Beim ersten Versuch im März 2025 waren nur 30 Sekunden bis zum Absturz vergangen.

"Wir sind im Orbit! Und haben Europäische Geschichte geschrieben", teilte Isar Aerospace auf X mit. Das in Ottobrunn bei München ansässige Unternehmen feierte damit nach monatelangen Verzögerungen und viermaliger Verschiebung des zweiten Testflugs einen großen Erfolg. Knapp vier Minuten nach dem Start erreichte die Rakete eine Flughöhe von etwa 100 Kilometern über dem Erdboden - die sogenannte Karman-Linie, die die gedachte Grenze zum All markiert. Bei der Live-Übertragung war unter anderem das Abstoßen der ersten Stufe zu sehen. Als Nutzlast hatte die 28 Meter lange Spectrum-Rakete fünf wissenschaftliche Satelliten mehrerer Universitäten und ein wissenschaftliches Experiment an Bord. Transportieren kann sie bis zu einer Tonne.

Ursprünglich hätte die Rakete schon im Januar abheben sollen. Doch der erste Termin wurde wegen eines defekten Ventils verschoben, beim zweiten Anlauf im März kam ein norwegischer Fischer dazwischen, der mit seinem Boot die Sicherheitszone in den Gewässern vor der Startbasis nicht rechtzeitig verlassen hatte. Im April wurden die Startvorbereitungen wegen eines leckenden Druckbehälters abgebrochen, im Juni gab es erneut ein Problem. Isar Aerospace will in diesem Jahre weitere Starts folgen lassen, der Bau der dritten Spectrum-Rakete ist bereits weit fortgeschritten.

"Deutschland kann Raumfahrt", teilte Bundesforschungsministerin Dorothee Bär am Abend mit. Dass erstmals eine deutsche Trägerrakete den Erdorbit erreicht habe, sei ein Meilenstein, der die Innovationsfähigkeit und das technische Wissen Deutschlands unter Beweis stelle, so die CSU-Politikerin.

Derzeit läuft fast nichts ohne SpaceX

Die Spectrum soll nach der Serienreife zivile und militärische Satelliten in erdnahe Umlaufbahnen wenige hundert Kilometer über dem Erdboden bringen. Geplant ist die Produktion von 40 Raketen im Jahr. Sowohl die Bundesregierung als auch EU und andere europäische Staaten haben ein strategisches Interesse am Erfolg des Unternehmens mit seinen guten 400 Mitarbeitern. Isar Aerospace hat nach Firmenangaben bislang über eine halbe Milliarde Euro Investorengelder eingeworben. Zuletzt hatte das Jungunternehmen einen Vertrag über 200 Millionen Euro mit der Europäischen Weltraumbehörde ESA unterzeichnet - Teil eines ESA-Programms, das die Entwicklung europäischer Trägerraketen beschleunigen soll.

Grund ist die derzeitige weitgehende Unfähigkeit Europas, Satelliten mit eigener Technik ins All zu schießen. Seit langem wird die große Mehrheit der europäischen Satelliten von SpaceX ins All befördert. Das ist bei europäischen Raumfahrtunternehmen nicht zuletzt deswegen unpopulär, weil die Auftraggeber in den USA die technischen Spezifikationen ihrer Satelliten offenlegen müssen. Nach Angaben von Isar Aerospace starteten die USA im vergangenen Jahr 198 Raketen, Europa lediglich acht.

Rund 60 Prozent der Anfragen an Isar Aerospace kommen mittlerweile aus dem militärischen Bereich, hatte Vorstandschef Daniel Metzler im Frühjahr berichtet. Demnach ist Isar Aerospace jetzt schon mit Aufträgen über mehrere hundert Millionen Dollar bis zum Jahr 2028 ausgebucht, obwohl die Rakete nicht serienreif ist.

Größere Höhen im All wird die bayerische Spectrum-Rakete jedoch auch dann nicht ansteuern können, wenn sie eines Tages die Serienreife erreicht. Daran arbeitet die französisch-deutsche ArianeGroup, die in diesem Jahr insgesamt sieben bis acht Raketen des jahrelang verzögerten Typs Ariane 6 starten lassen will. Bisher gab es nach Zählung des Fachportals "European Spaceflight" vier Ariane-Starts in diesem Jahr. Anders als die Spectrum ist die Ariane eine große Trägerrakete, die weit schwerere Nutzlast auch in geostationäre Umlaufbahnen knapp 36.000 Kilometer über dem Erdboden befördern kann.

Quelle: ntv.de, ino/dpa

ESASpaceXRaumfahrtStart-upsDorothee BärWeltraum