Bilanz zeigt RekorddefizitDeutscher Handel mit China wird immer einseitiger
Von Lukas Wessling
Anfang der Woche erwägen Bundeskanzler Merz und der französische Präsident Macron öffentlich, unliebsame Handelspartner notfalls aus dem europäischen Markt auszuschließen. Die deutschen Außenhandelszahlen zeigen, warum China dabei im Mittelpunkt steht: Das Ungleichgewicht wächst ungebremst.
Seit März 2020 bezieht Deutschland aus keinem anderen Land der Welt mehr Waren als aus China. Das Land führt die Importliste bis heute durchgängig an. Es stand an der Spitze, als der Wert der Einfuhren im April 2022 mit 17,8 Milliarden Euro seinen bisherigen Höchststand erreichte. Und auch als die Importe im Januar 2024 ein zwischenzeitliches Tief erreichten, blieb die Volksrepublik führend.
Zuvor hatte Europa damit begonnen, seine Abhängigkeit vom Systemrivalen schrittweise zu verringern. "Abhängigkeiten in kritischen Bereichen wollen wir verringern, um von ihnen ausgehende Risiken zu mindern", erklärte das Auswärtige Amt 2023. In der Folge allerdings zogen die Einfuhren wieder an und erreichten im vergangenen Monat ihren zweithöchsten Wert jemals.
In welche Richtung die deutsch-chinesische Handelsbeziehung sich entwickelt, wird noch deutlicher, setzt man die Importe aus China ins Verhältnis zu den deutschen Exporten: 2019 lag das monatliche Defizit im Handel mit China zeitweise noch unter einer Milliarde Euro. Im August 2026 erreichte es mit 10,9 Milliarden Euro einen Rekord. Damit überstieg das Defizit in diesem Jahr zum zweiten Mal die Marke von zehn Milliarden Euro. Zwar verkauften deutsche Unternehmen im August 4,7 Prozent mehr nach China als im Juli. Doch über das gesamte bisherige Jahr schrumpften die Ausfuhren gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 12,9 Prozent. Die Einfuhren aus China stiegen dagegen um 10,1 Prozent.
Bundesregierung und EU hatten diese Entwicklung zuletzt offen mit unfairen Handelspraktiken der Chinesen begründet. Sie sprachen von Überkapazitäten, marktverzerrenden Subventionen oder ungleichem Zugang zu Handelsplätzen. Anfang der Woche schrieben Bundeskanzler Friedrich Merz und der französische Präsident Emmanuel Macron der EU-Komission einen Brief: Sie wollen ihr erlauben, schneller und härter gegen Handelsverzerrungen vorzugehen. Sie schlugen sogar vor, den europäischen Markt für Drittstaaten ganz zu sperren, wenn diese faire Wettbewerbsbedingungen verhindern und den Binnenmarkt schwer verzerren.
Deutsche Unternehmen investieren Milliarden in China
Zur Debatte stehen auch Obergrenzen für die Einfuhr kritischer Rohstoffe und Waren aus einzelnen Ländern. In ihrem Brief nennen Merz und Macron China nicht. Der Vorstoß fällt aber mitten in die Verhandlungen mit Peking über das wachsende Handelsungleichgewicht. EU-Handelskommissar Maros Sefcovic sagte, er wolle vor Ort Fortschritte erzielen, um das "untragbare" Handelsdefizit der EU mit China zu verringern. Die angedrohte Marktsperre könnte helfen, bei diesen Gesprächen Zugeständnisse zu erreichen.
Deutschlands Wettbewerbsnachteil und Chinas wachsende Dominanz zeigen sich nicht nur im Handel zwischen beiden Ländern. Auch auf anderen Märkten kämpfen deutsche Autohersteller, Maschinenbauer und Chemiekonzerne mit chinesischer Konkurrenz. Hohe US-Zölle verschärfen den Druck. Waren, die früher auf dem US-Markt gelandet wären, konkurrieren in Europa und anderswo mit deutschen Exporten. Wo chinesische Anbieter Käufer gewinnen, verlieren deutsche Unternehmen im Zweifel. Chinas Marktmacht nimmt so direkt und indirekt Einfluss auf die deutsche Exportbilanz.
Trotz dieses Drucks hob die Bundesregierung ihre Wirtschaftsprognose für dieses Jahr an. Sie begründete dies unter anderem mit positiven Impulsen aus dem Exportgeschäft. Fachleute sehen genau hier einen Grund für bestenfalls verhaltenen Optimismus.
Die Außenhandelsbilanz zeigt Chinas Bedeutung für die deutsche Wirtschaft - aber nicht das ganze Bild. Volkswagen, BASF und andere deutsche Konzerne erweitern ihre Werke vor Ort teilweise massiv. Sie produzieren verstärkt "in China für China". Diese Geschäfte tauchen in der deutschen Außenhandelsbilanz nicht auf, denn die Waren bleiben vor Ort. Laut Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) investierten deutsche Unternehmen im ersten Halbjahr diesen Jahres 5,6 Milliarden Euro in China - ähnlich viel wie im Vorjahreszeitraum. Wollten sie auf dem chinesischen Markt bestehen, bliebe den Firmen kaum eine andere Wahl, schreibt das IW.