Wirtschaft

Wut auf chinesischen Modemüll"Die Altkleidercontainer sind voll mit diesem Schrott"

05.02.2026, 13:07 Uhr
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Altkleidercontainer verkommen seit Jahren zu Müllhalden für unbrauchbare Kleidung. "Die Anbieter müssen Insolvenz anmelden, weil sie diese Mengen nicht mehr sortieren können", sagt Carsten Schneider. (Foto: picture alliance / SULUPRESS.DE)

Jeden Tag landen zwölf Millionen Pakete aus China in der EU. Viele stammen von Billiganbietern wie Shein und enthalten minderwertige Kleidung. "Diese Produkte taugen nichts", sagt Umweltminister Schneider im Interview. "Die Altkleidersammlungen gehen wegen dieses Schrotts pleite."

Der SPD-Politiker kann sich in den eigenen vier Wänden vom Modemüll überzeugen: "Meine Tochter gehört zur Kernzielgruppe", berichtet er im "Klima-Labor" von ntv. "Bei uns klingeln die Paketboten öfter mal." Jetzt möchte Schneider gemeinsam mit der EU zurückschlagen: Ab Juli wird eine pauschale 3-Euro-Gebühr auf Billigpäckchen fällig. Außerdem will er Hersteller an den Entsorgungskosten beteiligen und Händlern das Wegwerfen von nicht verkauften Waren verbieten. Klamottenflut? "Die müssen sich was anderes einfallen lassen."

ntv.de: Haben Sie selbst schon einmal bei Temu oder Shein bestellt?

Carsten Schneider: Ich nicht, aber meine Tochter gehört mit 17 Jahren zur Kernzielgruppe. Deshalb habe ich das bereits vor ein paar Jahren wahrgenommen. Bei uns zu Hause klingeln die Paketboten tatsächlich öfter mal.

War etwas Sinnvolles dabei?

Meine Meinung ist nicht gefragt (lacht). Aber man sieht: Die Qualität ist wahnsinnig schlecht. Für so wenig Geld gibt es keine gute Kleidung, aber dafür existierte vor zwei, drei Jahren kein Bewusstsein. Bei mir in der Familie nicht und bei vielen anderen auch nicht, denn: Es ist ja erlaubt, das so günstig zu machen. Wo ist das Problem?

Ist es eins?

Natürlich. Diese Produkte taugen nichts. Sie können sie nicht mal waschen. Im Zweifel muss man also immer wieder neue Sachen kaufen. Manche Leute werden deshalb shoppingsüchtig. Diese Anbieter fluten den Markt. Unsere Altkleidercontainer sind voll mit diesem Schrott. Deswegen gehen die Altkleidersammlungen pleite. Die Anbieter müssen Insolvenz anmelden, weil sie diese Mengen nicht mehr sortieren können und auch nichts finden, was sie verwerten können. Die aktuelle Prognose ist, dass Ende des Jahres sieben von zehn Anbietern verschwunden sein könnten. Darunter leiden Menschen mit wenig Geld, die auf das Altkleidersystem angewiesen sind. Die bekommen nichts mehr. Dafür möchte ich das Bewusstsein schärfen.

Haben Sie mit Ihrer Tochter darüber gesprochen, und wenn ja, wie war die Reaktion?

Mit klärenden Gesprächen in der Pubertät ist das so eine Sache (lacht) … Ich versuche einfach, bewusst zu machen, dass ein Oberteil nicht fünf Euro kosten kann. Meine Tochter näht selbst. Sie kennt die Grundstoffe. Sie weiß, wie viel Arbeit in einem Kleidungsstück steckt.

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Carsten Schneider im "Klima-Labor von ntv": Der Umweltminister verspricht eine neue Finanzierungsquelle für das Recycling und die Altkleidersammlung. (Foto: ntv)

Bei Ihnen zu Hause hat die Paketflut also wieder abgenommen?

Wir wohnen in einem Mehrfamilienhaus - ganz unten. Es klingelt bei uns immerzu und ich nehme sehr oft Pakete für unsere Nachbarn an. Bei uns steht also noch einiges rum - Gott sei Dank nicht alles von uns.

Aber wenn das selbst in Ihrem Haushalt ein Problem ist, wie wollen Sie andere Menschen davon überzeugen, Billiganbieter zu meiden? Das Thema ist ja nicht neu. Früher gab es dieselbe Diskussion bei Primark. Ultragünstige Mode hat offenbar einen besonderen Reiz.

Trotzdem haben wir ein Wertefundament. Wir tragen Verantwortung für unser Leben, für unsere Umwelt und für unsere Gesellschaft. Ich hoffe, dass dieses Bewusstsein wieder wächst. Es geht ja nicht nur um den Müll. Diese Kleidung muss produziert werden. Dafür benötigt man viel Wasser und Rohstoffe für die künstlichen Fasern. Die Frage ist auch: Wie funktioniert die Herstellung bei diesen Preisen eigentlich ohne Ausbeutung? Wie niedrig muss ein Gehalt sein, damit man diese Produkte für wenige Euro verkaufen kann? Sind Kinder an der Herstellung beteiligt?

Und Ihre Lösung für das Problem heißt: Wir machen es teurer.

Damit fangen wir an, ja. Diese Produkte schaffen hierzulande keine Wertschöpfung. Die werden billig importiert, weggeschmissen und zerstören das Recyclingsystem. Deshalb erhebt die EU ab Juli eine Zollgebühr von 3 Euro auf alle Pakete mit einem Warenwert von unter 150 Euro. Das frisst bei so günstigen Artikeln einen Großteil der Marge auf.

Wo finde ich das "Klima-Labor"?

Dieses Interview ist eigentlich ein Podcast, den Sie sich anhören können: "Das Klima-Labor von ntv" finden Sie auf ntv.de und überall, wo es Podcasts gibt: RTL+, Amazon Music, Apple Podcasts, Spotify, RSS-Feed.

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Drei Euro mehr verhindern die große Klamottenflut? Wäre es nicht besser, das viel kritisierte Lieferkettengesetz neu anzuschieben und damit die Ursache des Problems zu lösen?

Das deutsche Lieferkettengesetz gilt weiterhin. Das sorgt für die Einhaltung von Menschenrechten - etwa den Schutz vor Kinderarbeit und den Schutz der Umwelt - und für faire Löhne. Mitte 2029 folgt die europaweite Regelung. Die wird für große Unternehmen gelten. Was das Lieferkettengesetz aber nicht reguliert, ist die Menge. Für den Modebereich möchte ich ganz simpel sagen, dass grundsätzlich weniger produziert und weggeschmissen werden muss. Das fängt bei uns Verbrauchern an, aber auch die Hersteller tragen eine Verantwortung. Deshalb führen wir zum 30. Juni die Zollgebühren für Pakete aus dem außereuropäischen Ausland ein. Bis zum Sommer wird mein Ministerium ein neues Textilgesetz vorlegen. Das neue Gesetz wird die Hersteller an den Entsorgungskosten beteiligen: Alle Unternehmen, die bei uns Kleidung verkaufen wollen, müssen sich registrieren und ihren Anteil für die ordnungsgemäße Entsorgung zahlen. Damit gibt es eine neue Finanzierungsquelle für das Recycling und die Altkleidersammlung. Daneben wurde den Händlern bereits auf EU-Ebene verboten, dass sie nicht verkaufte Waren am Ende der Saison verbrennen oder wegwerfen. Die müssen sich etwas anderes einfallen lassen.

Und wo kaufen die Menschen mit weniger Geld ein?

Ich bin mit Second-Hand-Kleidung aus dem An- und Verkauf groß geworden. Das ist nicht jedermanns Sache, aber bei uns war das so. Dort kann man für wenig Geld einkaufen. Dafür muss die Kleidung aber auch eine gute Qualität haben. An dieser Stelle möchte ich ansetzen: Regelungen wie das Wegwerfverbot werden die Warenmenge begrenzen. Ich möchte zusätzlich verhindern, dass billige Wegwerfklamotten überhaupt in die EU eingeführt werden können.

Aber werden Haushalte mit weniger Geld nicht trotzdem abgestraft? Im Supermarkt sieht man doch: Biogemüse ist toll, aber im Zweifelsfall achten die Leute eher auf den Preis als auf die Umwelt und kaufen die günstigere, weil ungesündere oder schmutzigere Alternative. Die Gründerin der Berliner Tafel hat uns vor einigen Wochen erzählt: Die Tafel erhält und verteilt derzeit zu rund 40 Prozent Bioware, weil die Menschen offensichtlich kein Geld dafür ausgeben wollen.

Das Preissignal ist wichtig, aber gerade bei Mode darf das Ziel nicht sein, dass Einkaufen in einen Shoppingwahn ausartet. Wenn Kleidung Qualität hat, kann man sie sehr lange tragen. Man muss nicht alle drei Wochen etwas Neues bestellen.

Aber was machen Menschen, die jetzt einen Pullover benötigen und sich den hochwertigen für 150 Euro nicht leisten können? Die greifen natürlich zur 10-Euro-Alternative von Shein.

Ich bin Sozialdemokrat und preissensibel. Das ist ein berechtigter Punkt. Aber in dieser Preisklasse geht das nur mit Arbeitsbedingungen, die ich für nicht angebracht halte. Wer das kauft, unterstützt diese Bedingungen. Nachhaltige und langlebige Produkte müssen übrigens nicht teuer sein. Supermärkte und Discounter haben tolle Eigenmarken. Die sind sehr gut im Preis. So ähnlich ist es im Textilbereich: Die Marke auf dem Oberteil sorgt für höhere Margen, nicht für bessere Qualität.

Frankreich geht das Problem sehr viel strenger an. Ein neues Gesetz begrenzt die Anzahl an Produkten, die Anbieter wie Shein im Jahr auf den Markt bringen dürfen. Für Ultra-Fast-Fashion wurde außerdem ein Werbeverbot verhängt.

Wir gucken uns unterschiedliche Modelle an und ich spreche auch regelmäßig mit meiner französischen Kollegin über eine gemeinsame Regelung, aber ein Werbeverbot halte ich für einen sehr starken Eingriff in die Freiheitsrechte. Sollte ein Staat wirklich sagen, was man bewerben darf und was nicht? Die Regeln müssen natürlich auch kontrolliert werden. Ich wüsste gar nicht, ob wir die Leute dafür hätten. Klar ist: Derzeit kommen jeden Tag 12 Millionen Pakete aus China in die Europäische Union. Wir befinden uns in einer Marktwirtschaft, aber in einer sozialen. Das gilt auch für die Unternehmen. Die tragen eine Herstellerverantwortung und müssen für den Müll, den sie produzieren, geradestehen. Das machen wir in anderen Bereichen auch.

Das wäre nur eine deutsche Regelung, oder? Es wird mit Sicherheit bereits nach Schlupflöchern gesucht …

Die erweiterte Herstellerverantwortung für Textilien gilt künftig EU-weit. Daneben gibt es die neue Zollgebühr. Wenn diese ultragünstigen Waren aus dem Pfennigsegment ansatzweise fair bepreist werden, werden Geschäftsmodelle, die auf geringste Margen setzen, ganz schnell ausgemerzt. Das funktioniert nur, wenn sie die Leute alle vier, fünf oder sechs Wochen mit neuen Waren locken, die supergünstig sind.

Mit Carsten Schneider sprachen Clara Pfeffer und Christian Herrmann. Das Gespräch wurde zur besseren Verständlichkeit gekürzt und geglättet. Das komplette Gespräch können Sie sich im Podcast "Das Klima-Labor von ntv" anhören.

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Quelle: ntv.de

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