Wirtschaft

Von Monstermais und Frankenfood Die Hassliebe zu Monsanto

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Proteste von Greenpeace auf einer Sojabohnenfarm in Iowa.

Genfood ist zum großen Teil eine Glaubensfrage. Es muss nicht jedem schmecken. Aber wer es nicht essen will, muss Alternativen liefern.

Greenpeace und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) spucken Gift und Galle, wenn sie den Namen Monsanto in den Mund nehmen. Trotzdem ist der Saatgut-Bösewicht heiß begehrt. Bayer zum Beispiel leckt sich gerade die Finger nach ihm.

Auch Anleger sind heiß auf Monsanto. An der Wall Street wird der Hersteller von Genmais und Glyphosat mit knapp 38 Milliarden Euro bewertet – das ist so viel wie Thyssen, die Deutsche Bank und die Commerzbank zusammen! Trotzdem gibt es kaum ein Unternehmen, das mehr gehasst wird.

Dabei ist eine Welt ohne Monsanto nicht mehr denkbar. Gäbe es Monsanto nicht, müsste man es erfinden. Die Welt hat sich verändert. Vor hundert Jahren ernteten Getreidebauern in Deutschland je Hektar kaum ein Viertel der Menge, die die Landwirte heute einfahren. Dank des medizinischen Fortschritts ist die Bevölkerung gewachsen, die Menschen müssen ernährt werden. Dank der Pflanzenzüchter aus der Agrarindustrie ist das möglich. Sie haben das Saatgut robuster und ertragreicher gemacht.

Bauern wünschen sich hohe Erträge, Verbraucher die Sicherheit, dass sie was zum Beißen haben und die Garantie, dass es haltbar und ansehnlich ist. Umweltschützer gehen auf die Barrikaden: Unkontrollierbare Genmanipulationen, riskante Unkrautvernichter mit dem gefährlichen Wirkstoff Glyphosat. Was dabei herauskommt, ist Monstermais und Frankenfood. Es ist eine Zwickmühle: Viele auf der Welt wollen nicht mit Monsanto, können aber auch nicht ohne. Sie brauchen es und hassen es zugleich.

Anleger der Dax-Konzerne Bayer und BASF teilen die Abneigung. Sie straften die Unternehmen Bayer und BASF bereits knallhart ab für die Idee, Monsanto zu kaufen. Bis hin zum Ausnahmezustand an der Börse: Als die Bayer-Aktie um fünf Prozent abgestürzt war, musste der Handel unterbrochen werden.

Göttlicher Olymp oder Tal der Idioten?

Deutschland will im Gen-Geschäft nicht mitmischen. Das hat gesellschaftliche und politische Gründe. Wir wollen die Insel der Glückseligen sein: Was auf den Tisch kommt, soll pur und rein sein. Gifte, die direkt in das Erbgut der Pflanze eingefügt werden, um Krankheiten abzuhalten, sind Teufelszeug.

Ist Deutschland jetzt deswegen der Olymp? Oder leben wir hier im Tal der Idioten? Kleinbäuerlichen Vorstellungen aus dem 19. Jahrhundert nachzutrauern, ist romantisch, aber nicht zielführend. Die Realität ist eine andere. Auch von Unternehmensseite her hat Bayer im Grunde keine andere Wahl, als bei Monsanto anzudocken. In der Branche grassiert das Fusionsfieber. Es gibt nur sechs Anbieter von Rang und Namen. Und alle feiern Hochzeit: DuPont mit Dow Chemical, Chemchina mit Syngenta.

Dass deutsche Chemiekonzerne wie BASF oder Bayer wegen der politischen und gesellschaftlichen Großwetterlage so weit zurückgefallen sind, ist auf Dauer keine Lösung. Das dämmert offenbar auch der Unternehmensführung. Die Konzerne riskieren ihren Absturz, während andere die grüne Gentechnikwelle reiten. Die Aktionäre auf der Bayer-Hauptversammlung haben Druck gemacht. Bayer allein ist in Zukunft zu klein.

Das Hassobjekt Monsanto wäre sogar ein Glücksgriff. Der Konzern bietet einen gigantischen Vorteil: Die Amerikaner könnten einen in der Genforschung komplett zurückgefallenen Konzern um Lichtjahre in die Zukunft katapultieren. Monsanto mischt schon längst nicht mehr nur bei genetisch verändertem Mais ganz vorne mit.

Und die Weltbevölkerung wird weiter wachsen. Ihre Ernährung wird mit der Klimaveränderung und den absehbaren Dürren nicht einfacher. Den Kuchen werden sich andere teilen. Übernimmt Bayer Monsanto, würden die Leverkusener mit einem Schlag zum weltweit größten Saatguthersteller aufsteigen; sogar die Schweizer Syngenta vom Spitzenplatz unter den Pflanzenschutzanbietern ablösen. Strategisch ist es nicht nur sinnvoll, sondern notwendig.

Die Uhr lässt sich nicht zurückdrehen

Es ist Zeit zu fragen, warum Monsanto eigentlich der Bösewicht der Branche ist. Ist Monsanto das Objekt des Hasses oder die Industrie? Es gibt viele Sünden aus der Vergangenheit: Der Konzern mischte bei jeder Chemie-Schweinerei mit: bei PCB, Dioxin und beim Entlaubungsmittel im Vietnam-Krieg, Agent Orange. Hinzu kommen die Monopol-Stellung und die Geschäftspraktiken, die Lizenzgebühren für Erbgut-Patente fordert. Das alles spricht gegen Monsanto. Die Unternehmensführung lässt sich ändern. Hinter den Vorbehalten könnte aber auch eine grundsätzliche Aversion gegen Gen-Forschung und den Eingriff in die Schöpfung stecken. Wer Genfood ablehnt, muss bereit sein, den Preis dafür zu zahlen. Und im Zweifel Hunger und Krankheiten auf der Welt in Kauf nehmen.

Die Gentechnik für medizinische Zwecke wurde auch abgelehnt. Die Kritik ist verstummt. Auf der Strecke hat Deutschland diese Technik aber verloren. Die Unternehmen sind abgewandert. Heute erzeugen die deutschen Pharma-Konzerne ihre genveränderten modernen Arzneien gegen Krebs oder Diabetes im Ausland.

Quelle: ntv.de