Wirtschaft

Logistik in der Corona-Krise "Die Versorgungssicherheit ist gegeben"

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Über viele Dutzend Kilometer erstreckte sich der Grenzrückstau auf der A4 Richtung Polen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Ohne Gütertransport gibt es weder eine Grundversorgung noch eine Industrieproduktion. Der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) schlägt daher umfassende Maßnahmen vor. Im Gespräch mit ntv.de fordert der BGL-Vorsitzende Dirk Engelhardt Notfallzentren, das Aussetzen von Vorschriften, Geld und eine Betreuung für Kinder von Lkw-Fahrern.

ntv.de: In Deutschland sind vermehrt Hamsterkäufe zu beobachten. Die Politik versichert, die Grundversorgung sei gewährleistet. Können Sie das aus Sicht der Logistikunternehmen in Deutschland bestätigen?

Dirk Engelhardt: Im Moment ist die Versorgungssicherheit gegeben. Da haben wir im Moment keine Zweifel. Aber wenn jedes europäische Nachbarland eine eigene Lösung anstrebt, wirkt sich das schnell negativ aus. Zum Beispiel beschäftigen viele deutsche Unternehmen polnische Fahrer. Wenn ein polnischer Fahrer jetzt mit dem Pkw in sein Heimatland fährt, um dort seine Wochenruhezeit zu verbringen oder die Familie zu besuchen, wird er 14 Tage in Quarantäne gesteckt. Das kann zu Engpässen etwa in der Lebensmittellogistik führen.

Ihr Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) hat einen Forderungskatalog an die Politik aufgestellt. Was muss zur Gewährleistung der Versorgungssicherheit getan werden?

Wir fordern unter anderem, Notfallzentren einzurichten, um Überhänge umzuwidmen, die ja zwangsläufig auftreten werden, wenn die Automobilindustrie stillsteht. So vermeiden wir in anderen Bereichen Engpässe.

Geht eine Umwidmung so einfach?

Nein. Wer bisher Container aus China gefahren hat, braucht für andere Transportgüter auch andere Auflieger. Außerdem braucht er normalerweise gewisse Zertifikate. Die müssten für die Zeit der Krise ausgesetzt werden. Wir müssen vieles an Bürokratie abbauen, damit wir solche Transportkapazitäten umwidmen können.

Sind diese Überkapazitäten schon da?

Ja. Bis vor Kurzem erreichten noch Schiffe aus China Europa, die vor der Eskalation der Corona-Krise in See gestochen waren. Das ändert sich gerade. Aus China kommen deutlich weniger Güter an. Wir haben eine Umfrage unter unseren Mitgliedern gemacht. Im Seehafenhinterlandverkehr haben wir Einbrüche zwischen 50 und 80 Prozent.

Also doch eine Gefahr für die Grundversorgung?

Das sind hauptsächlich Güter, die für die Fertigung genutzt werden. Das sind nicht Lebensmittel. Da sind die Lager gut gefüllt.

Viele vorhandene Güter stauen sich jetzt verpackt auf den Lkw vor den Grenzübergängen. Funktioniert der Binnenmarkt in der Krise nicht?

Wir sind mit der EU und dem Bundesverkehrsministerium darüber im Gespräch, dass sogenannte Green Lanes eingeführt werden. Diese separaten Abfertigungsspuren an den Grenzen für den Lkw-Verkehr sollen die langen Rückstaus, die sich gestern über bis zu 60 Kilometern gebildet haben, vermeiden helfen. Wenn heute die EU-Verkehrsminister miteinander sprechen, wird das mit Sicherheit Thema sein.

Lkw-Fahrer setzen sich der Gefahr einer Corona-Ansteckung aus. Wie können da größere Personalausfälle vermieden werden?

Lkw-Fahrer sollen beim Be- und Entladen nicht beteiligt sein, sondern im Fahrerhaus bleiben. Die ersten Verlader und Industrieunternehmen fangen gerade an, das umzusetzen. Wir wollen auch über die Notfallzentren, die wir fordern, hygienische Maßnahmen kommunizieren und Reinigungsmittel zur Verfügung stellen, um Fahrzeuge entsprechend zu desinfizieren.

*Datenschutz

Gehören Lkw-Fahrer zur Gruppe der systemrelevanten Berufe, damit die Betreuung ihrer Kinder in Schulen und Kitas gewährleistet ist?

Das ist bis jetzt nicht der Fall, deswegen haben wir das beim Bundesverkehrsministerium hinterlegt. Das wird auch gerade geprüft.

Die Bundesregierung hat umfangreiche Hilfen auch für kleine und mittlere Unternehmen angekündigt. Wegen des Preiskampfs im Transportgewerbe haben viele Logistiker kaum Puffer. Reichen die versprochenen Hilfen?

Fakt ist, dass einige Unternehmen zu 100 Prozent vom Umsatzeinbruch betroffen sind. Da ruht das Geschäft komplett. Die brauchen keine Zwischenfinanzierung und auch keine Kredite, sondern unbürokratische Hilfe. Das hat der BGL sehr deutlich bei allen entsprechenden Ministerien hinterlegt.

Mit Dirk Engelhardt sprach Sebastian Huld

Quelle: ntv.de