Wirtschaft
EZB-Chef Mario Draghi.
EZB-Chef Mario Draghi.(Foto: REUTERS)
Donnerstag, 20. Juli 2017

"Keine Vollbremsung": Die Zinswende kommt

Von Jan Gänger

Wann kommt es zum Einstieg in den Ausstieg aus der ultra-lockeren Geldpolitik? Die Europäische Zentralbank wird die so genannte Zinswende wohl bald einleiten. EZB-Chef Draghi ebnet bereits den Weg.

Von den einen gefürchtet, von den anderen ersehnt: Die Europäische Zentralbank bereitet den Anfang vom Ende der ultra-lockeren Geldpolitik vor. Stellt sich die Frage: Wann ist es soweit? Derzeit deutet vieles darauf hin, dass die EZB im Herbst den Ausstieg einleiten wird - indem die Notenbank dann beschließt, ab Januar kommenden Jahres ihre billionenschweren Anleihenkäufe zurückzufahren. An den Märkten wird auch damit gerechnet, dass die EZB dann im Laufe des Jahres die Zinsen etwas erhöht, seit März 2016 liegen die Leitzinsen auf dem Rekordtief von 0,0 Prozent.

EZB-Präsident Mario Draghi hielt sich nach der jüngsten Ratssitzung bedeckt. "Wir sind uns einig gewesen, dass wir keinen Termin festlegen, an dem wir Änderungen besprechen", sagte er - und ergänzte, Diskussion darüber sollen "im Herbst geführt werden". Im September liegen den Währungshütern die neuesten Prognosen der Notenbank zur Entwicklung der Konjunktur und der Teuerungsrate im Euroraum vor.

Für einen baldigen Schritt in Richtung Normalisierung der Geldpolitik spricht vor allem, dass die Wirtschaft in der Eurozone nennenswert wächst. "Alle Zeichen deuten nun auf eine Festigung und Verbreiterung der Erholung hin", hatte Draghi Ende Juni gesagt. Im ersten Quartal war das Bruttoinlandsprodukt in der Eurozone um 0,6 Prozent gewachsen - und damit doppelt so stark wie in den USA, wo die Notenbank Fed die Nullzins-Politik bereits beendet hat.

Außerdem nähert sich die Inflation in der Eurozone der Zielmarke von zwei Prozent. Zwar waren die Verbraucherpreise im Juni mit 1,3 Prozent so schwach gestiegen wie nie zuvor in diesem Jahr. Die Inflation sei noch nicht auf einem stabilen Trend hin zum EZB-Ziel, sagte EZB-Direktorin Sabine Lautenschläger Anfang des Monats. Aber alle Voraussetzungen dafür seien gegeben. "Genau deswegen sollte die Geldpolitik sich schon jetzt darauf vorbereiten, den Weg in die Normalität anzutreten."

"Fuß vom Gas nehmen"

Mit anderen Worten: Sobald sich die Konjunkturerholung nachhaltig in den Inflationsraten widerspiegelt, wird die EZB die Geldpolitik wieder straffen. Allerdings wird sie die Sache sehr vorsichtig angehen. Oder wie es Bundesbank-Präsident Jens Weidmann ausdrückt: "Da geht es dann erst mal nicht darum, eine geldpolitische Vollbremsung zu vollziehen, sondern den Fuß etwas vom Gas zu nehmen."

Und das heißt, dass die EZB vor einer Zinserhöhung zunächst das Anleihe-Kaufprogramm beenden wird. Die Zentralbank und die nationalen Euro-Notenbanken kaufen seit März 2015 in großem Stil Staatsanleihen und andere Wertpapiere. Pro Monat liegt der Kaufumfang derzeit bei 60 Milliarden Euro. Das Programm soll nach den bisherigen Planungen noch bis mindestens Ende Dezember laufen.

Das Kaufprogramm ist ein wichtiges Instrument der Notenbank gegen eine zu schwache Inflation. Durch den massiven Kauf von Staatsanleihen sinkt tendenziell das aktuelle Zinsniveau quer durch alle Anlageklassen - das soll die Wirtschaft ankurbeln. Zugleich drücken niedrigere Zinsen im Euroraum tendenziell den Eurokurs. Das hilft Exporteuren, da ihre Produkte außerhalb des Währungsraumes billiger werden.

Doch nicht nur Konjunkturerholung und Inflationserwartungen sprechen für eine langsame Abkehr von der ultra-lockeren Zinspolitik.

Ein weiterer Grund ist, dass die US-Notenbank den Leitzins mittlerweile auf 1,25 Prozent erhöht und weitere Zinsschritte angekündigt hat. Der Markt geht davon aus, dass bis Ende 2018 noch drei Leitzinserhöhungen in den USA folgen - und das erhöht den Druck auf die EZB, nachzuziehen.

Das liegt unter anderem daran, dass ein Stillhalten der EZB von US-Präsident Donald Trump als Währungsmanipulation interpretiert werden dürfte. Denn dann würde der Euro zum Dollar tendenziell weiter abwerten, weil Anlagen im Dollar-Raum attraktiver werden. Und ein niedriger Euro verbilligt europäische Waren in den USA und macht im Gegenzug US-Produkte in der Eurozone noch teurer - das würde nicht nur eine unter dem Motto "Amercia first" angetretene US-Regierung als problematisch empfinden.

Bank-Branche stöhnt

Für eine allmähliche Abkehr von der derzeitigen Geldpolitik und eine erste Zinserhöhung spricht auch, dass der angeschlagene europäische Bankensektor unter den Mini-Zinsen leidet. Für die Gewinne der Banken ist die so genannte Zinsmarge entscheidend, also die Differenz zwischen Zinserträgen über die Zinsaufwendungen. Viele europäische Banken haben es nach jahrelangen Mini-Zinsen bitter nötig, hier wieder mehr Geld zu verdienen.

Zudem: Die EZB muss auch deshalb wieder in Richtung Normalität, um auf eine konjunkturelle Schwäche der Eurozone mit geldpolitischen Mitteln - das sind in der Regel Zinssenkungen - reagieren zu können. Bevor die nächste Rezession kommt, muss sie sich Spielraum verschafft haben.

All das heißt nicht, dass die EZB die Geldpolitik radikal verschärfen wird. Sie wird sich mit Trippelschritten langsam vortasten. Denn das Wachstum der Eurozone ist noch immer gering, die Arbeitslosigkeit in vielen Ländern weiterhin sehr hoch. Eine verfrühte Zinserhöhung könnte die konjunkturelle Erholung der Eurozone abwürgen.

Für einen behutsamen Kurs der EZB sprechen auch die Erfahrungen während des Höhepunkts der Euro-Krise, als die Anleihemärkte verrückt spielten, und Staaten plötzlich nicht mehr in der Lage waren, sich zu bezahlbaren Bedingungen Geld zu leihen. Das größte Risiko ist derzeit Italien: Die Staatsschulden belaufen sich auf 2,2 Billionen Euro, das sind knapp 133 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Bei diesem Volumen hat selbst ein geringer Zinsanstieg eine große Wirkung. Der EZB dürfte deshalb sehr daran gelegen sein, dass die drittgrößte Volkswirtschaft der Eurozone nicht in Finanzierungsschwierigkeiten gerät.

Quelle: n-tv.de