Wirtschaft

Immobilienverbandschef Mattner "Diese Regulierung macht uns den Garaus"

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"Wir könnten für eine Konjunkturexplosion sorgen, wenn man uns nur ließe", sagt Branchenverbandschef Mattner.

(Foto: picture alliance / Norbert Schmidt)

Die Immobilienbranche steht am kommenden Wochenende doppelt im Scheinwerferlicht. Bei der Wahl zum Bundestag und zum Berliner Abgeordnetenhaus ist die Wohnungsnot in vielen deutschen Städten ein Hauptthema. Zudem stimmen die Berliner über die Vergesellschaftung großer Wohnungsbestände ab. Der Präsident des Spitzenverbands Zentraler Immobilienausschuss (ZIA) Andreas Mattner sieht vor allem die großen Wohnungskonzerne zu Unrecht an den Pranger gestellt und fürchtet im ntv.de-Interview den "Garaus" für seine Branche.

ntv.de: Was bereitet Ihnen und der Immobilienbranche in diesen Tagen mehr Kopfzerbrechen: Die Bundestagswahl, deren Ergebnis eine neue Regierung mit neuen Regulierungsvorhaben wie Mietenstopp sein könnte, oder der Volksentscheid in Berlin, der die Vergesellschaftung großer Wohnungsbestände fordert?

Andreas Mattner: Wahl und Volksentscheid sind zwei punktuelle Ereignisse. Was uns bewegt, ist das ewige Thema Regulierung, das hinter beiden steckt. Geradezu zwanghaft rufen manche Parteien und Politiker nach immer mehr Regulierung als scheinbar einfache Antworten auf komplizierte Fragen. Unsere systemrelevante Branche könnte ein Anker für die Konjunktur gerade in Krisenzeiten sein. Aber das Ausmaß an Regulierung, das gefordert wird, macht uns den Garaus.

Den Garaus? Ist das nicht etwas drastisch angesichts der hohen Gewinne gerade der Wohnungskonzerne in den vergangenen Jahren?

Seit 1990 hat sich allein die Zahl der Bauvorschriften vervierfacht. Dazu kommen solche Dinge wie Mietpreisbremse und eventuell Mietenstopp oder gar Wohnungsenteignungen infolge des Volksentscheids in Berlin. Ein Beispiel für die Folgen solcher völlig misslungener Regulierungen ist der gescheiterte Mietendeckel in Berlin. Nach dessen Inkrafttreten hatte sich das Angebot an Mietwohnungen in Berlin halbiert. So etwas überall zu machen, wäre katastrophal. Regulierungswut hat noch nie zu etwas Positivem geführt. Eigentlich stimmen doch alle überein, dass wir viel mehr Wohnungen bauen müssen. Überbordende, einseitige Regulierung führt aber zum Gegenteil.

Sie argumentieren, dass Investoren durch Mietendeckel oder drohende Enteignung abgeschreckt würden. Aber ist in der Realität nicht das Gegenteil zu beobachten? Trotz allem stürzen sich Investoren auf Berliner Immobilien. Viele Kritiker sagen, es sei zu viel, nicht zu wenig Kapital im Wohnungsmarkt.

Dass das Kapital da ist, ist doch erst mal positiv. Geld ist in der Tat im Moment nicht das Problem. Aber die Frage ist doch, ob und wie wird es etwa für den Neubau von Häusern eingesetzt? In Berlin fließt immer weniger in den Wohnungsneubau. Stattdessen gehen die Investoren in den Speckgürtel oder ins weiter entfernte Umland. In Deutschland werden etwa 90 Prozent aller Wohnungen von privaten, meist kleinen Investoren gebaut. Wenn wir, wie es unter anderem die Bundesregierung als Ziel ausgegeben hat, 400.000 Wohnungen im Jahr bauen wollen in Deutschland, dann geht das nur mithilfe dieser privaten Bauherren. Gerade kleine Investoren und Privatpersonen finden aber immer weniger Platz in diesem überregulierten Markt. Die Debatte über Enteignungen wie jetzt in Berlin schreckt die weiter ab.

Welche Folgen befürchten Sie, wenn der Volksentscheid in Berlin Erfolg haben sollte?

Um die geschätzt 243.000 betroffenen Wohnungen zu enteignen, müsste Berlin nach Einschätzung des Senats zwischen 28 und 36 Milliarden Euro an Entschädigung zahlen. Zum Glück verhindert unsere Verfassung ja entschädigungslose Enteignungen. Für dieses Geld, für 30 Milliarden Euro, könnte die Stadt unseren Berechnungen zufolge 137.000 durchschnittliche Mietwohnungen neu bauen. Fehlt dieses Geld und werden Private durch die Enteignung gleichzeitig abgeschreckt, sind die Ziele für den Wohnungsneubau schlicht nicht erreichbar. Allerdings ist fraglich, ob der Volksentscheid umgesetzt werden kann, selbst wenn er bei der Abstimmung am kommenden Sonntag Erfolg haben sollte. Nicht nur das Grundgesetz, sondern auch die Berliner Landesverfassung, die noch restriktivere Regeln für Enteignungen enthält, sprechen dagegen.

Sowohl was die Entschädigungshöhe als auch was die rechtliche Zulässigkeit angeht, sind die Initiatoren des Volksbegehrens natürlich anderer Meinung. Aber selbst wenn das Vorhaben in Berlin scheitern sollte: Weist nicht die hohe Zustimmung in der Bevölkerung weit über ein traditionell linkes Klientel hinaus auf eine grundsätzliche Verschiebung im Diskurs? Ist das nicht in jedem Fall ein Problem für Ihre Branche?

Das ist ein Problem, das immer größer wird durch falsche politische Signale. Die Berliner Politik hat das verschärft. Dass das nicht so sein muss, zeigt das Beispiel Hamburg. Auch dort regieren übrigens SPD und Grüne, allerdings ohne die Linke. Hamburg hat frühzeitig auf die sich abzeichnenden Probleme auf dem Wohnungsmarkt reagiert und ein Bündnis mit der Wirtschaft für den Neubau ins Leben gerufen. Heute werden in Hamburg rund 10.000 Wohnungen pro Jahr gebaut. Eine Enteignungsdiskussion gibt es dort nicht. Wenn sich die Lage dagegen aufgrund politischer Fehlentscheidungen so zuspitzt wie in Berlin, dann fallen die Menschen auf falsche Kampagnen herein.

Das heißt, für diese politische Stimmung ist hauptsächlich eine Kampagne verantwortlich? Tragen die Immobilienunternehmen und -Investoren, die in den vergangenen Jahren hohe Gewinne eingestrichen haben, keine Mitverantwortung? Jetzt kauft das Land Berlin beispielsweise 14.000 Wohnungen für einen Milliardenbetrag zurück zu einem Quadratmeterpreis, der ein Vielfaches über dem liegt, zu dem der Bestand vor 17 Jahren privatisiert worden war. Viele Menschen gewinnen den Eindruck, dass das Land, dass die Gesellschaft von den Immobilienkonzernen abgezockt wird.

Es hat in dieser Zeit eine Wertsteigerung auf dem Immobilienmarkt gegeben, mit der die Unternehmen doch nichts zu tun haben. Alle Bestände, auch die kleinen und die öffentlichen, sind im Wert massiv gestiegen. Zudem waren viele der zu der damaligen Zeit privatisierten großen Wohnungsbestände in schlechtem Zustand und sind inzwischen weiterentwickelt worden. Die Kritik an großen Wohnungsunternehmen ist völlig unberechtigt. Manches können die sogar besser als andere Vermieter. Die Konzerne haben zum Beispiel soziale Sicherungssysteme und Selbstverpflichtungen, die in der Pandemie dafür gesorgt haben, dass Mieter nicht wegen coronabedingter Rückstände ihre Wohnungen verloren haben. Sie können durch Synergien günstiger bauen und klimaschonend sanieren, ohne die Kosten auf die Mieter umzulegen. Die Mieten der großen Konzerne liegen meist unter dem Durchschnitt. Wenn Unternehmen in anderen Branchen, Autobauer zum Beispiel, Milliardengewinne machen, klopft man ihnen auf die Schultern. Wohnungskonzerne werden dafür verteufelt. Ich kann nicht nachvollziehen, warum hier mit zweierlei Maß gemessen wird.

Stellen wir uns vor, diese von Ihnen beklagte überbordende Regulierung würde abgeschafft: Wozu wäre Ihre Branche unter besseren Rahmenbedingungen fähig? Es gibt ja noch andere Hürden für den Wohnungsbau.

Wir könnten für eine Konjunkturexplosion sorgen, wenn man uns nur ließe. In den 90er-Jahren wurden in Deutschland zeitweise 700.000 Wohnungen pro Jahr gebaut. 400.000 sind absolut möglich. Natürlich sind die Baukosten seitdem gestiegen und aktuell gibt es teilweise Probleme mit dem Nachschub an Baumaterial. Die Bauunternehmen sind aber zuversichtlich, dass die Lieferketten im kommenden Jahr wieder normal funktionieren. Spätestens dann könnte der Wohnungsbau zu einem Konjunkturmotor werden.

Mit Andreas Mattner sprach Max Borowski

Quelle: ntv.de

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