Wirtschaft

Neuer Partner gegen US-ZölleEU und Indien planen den Befreiungsschlag

26.01.2026, 19:41 Uhr
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Schätzungen der EU-Kommission gehen davon aus, wonach der Handel je nach Szenario und Höhe der gegenseitigen Zollsenkungen um 50 bis 80 Prozent steigen könnte. (Foto: picture alliance / Pacific Press)

Die EU und Indien stehen kurz vor einem historischen Freihandelsabkommen. Im Interview erzählt IW-Ökonomin Samina Sultan, warum beide Seiten den Deal dringend brauchen, welche Branchen profitieren und wo stärkere Konkurrenz aus Indien droht.

ntv.de: Der EU-Indien-Gipfel soll den Abschluss der 20-jährigen Verhandlungen für ein Freihandelsabkommen markieren. Wer ist momentan mehr darauf angewiesen, dass es unterzeichnet wird?

Samina Sultan: Sowohl die EU als auch Indien sind stark von der erratischen US-Zollpolitik betroffen. Indien gehört zu den Ländern, die mit besonders hohen US-Importzöllen in Höhe von 50 Prozent belegt wurden. Zugleich sieht sich die EU mit wachsenden Belastungen konfrontiert, da das transatlantische Bündnis zunehmend Risse bekommt. Von den Herausforderungen durch das chinesische Exportmodell sind ebenfalls sowohl die EU als auch Indien betroffen. Insofern sind beide Seiten sehr daran interessiert, ihre Handelspartnerschaften zu diversifizieren und zu einem Abschluss zu kommen.

Welche Branchen in der EU könnten am meisten profitieren?

Indien hat teilweise noch sehr hohe Zollschranken, die durch ein Freihandelsabkommen schrittweise reduziert werden würden. Studien zeigen, dass davon in der EU insbesondere der Automobilsektor, der Maschinenbau, und die chemische Industrie profitieren könnten, da sie ihre Exporte nach Indien signifikant steigern könnten.

Dr. Samina Sultan_IW
Samina Sultan ist Ökonomin und arbeitet beim arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Sie ist auf europäische Wirtschaftspolitik und Außenhandel spezialisiert.

Und wo droht stärkere Konkurrenz aus Indien?

Indien hat zwar eine wachsende pharmazeutische Industrie, aber es produziert vor allem Generika, während wir eher auf innovative Medikamente spezialisiert sind. Insofern sehe ich dort keine besonders starke Konkurrenz. Im Textilbereich könnte es hingegen tatsächlich zu Verdrängungseffekten kommen. Das wäre weniger ein Problem für Deutschland, aber wenn man etwa an die italienische oder spanische Textilindustrie denkt, könnten dort durchaus Wettbewerbsnachteile entstehen.

Welche Vorteile bringt das Abkommen für Indien?

Indien strebt danach, sich stärker zu industrialisieren. Zwar verfügt das Land über einen sehr starken Dienstleistungssektor, insbesondere im Bereich der IT-Dienstleistungen. In der industriellen Fertigung ist es bislang jedoch weniger stark aufgestellt. Genau hier möchte Indien aufholen und rechnet sich durch den Zugang zu neuen Märkten zusätzliche Exportchancen aus, gerade in arbeitsintensiven Sektoren wie der Textilbranche. Zudem soll das Abkommen auch Elemente eines Fachkräfteabkommens enthalten. Angesichts einer wachsenden, vergleichsweise jungen Bevölkerung und begrenzter Beschäftigungsmöglichkeiten im Inland erhofft sich die indische Regierung, neue Perspektiven für indische Arbeitskräfte in Europa zu schaffen. Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung hierzulande liegt dies durchaus auch in unserem Interesse.

Was bedeutet das Abkommen für Verbraucher in der EU: Werden bestimmte Produkte günstiger, vielfältiger – oder eher teurer durch neue Regeln, etwa beim Klimaschutz?

In der Tendenz führt die Öffnung von Märkten dazu, dass Preise sinken, da das Angebot steigt. Zudem dürfte mit der Marktöffnung für indische Produkte auch die Produktvielfalt zunehmen. Ein zentrales Ziel des Handelsabkommens ist zudem die Diversifizierung. Lieferketten können so resilienter werden, wenn man nicht mehr nur von einem Anbieter abhängig ist, sondern zusätzliche Bezugsquellen hat. Dadurch werden Lieferketten insgesamt stabiler, was im Krisenfall das Risiko von Unterbrechungen reduziert. Solche Abbrüche wirken sich häufig preissteigernd aus, wie wir während der Corona-Pandemie gesehen haben.

Welche Stolpersteine könnten das Abkommen noch in Gefahr bringen? Indien will etwa besonders seine Landwirte vor der Konkurrenz aus Europa schützen.

Nach meinem Verständnis ist der landwirtschaftliche Bereich vom Abkommen ausgenommen, da sowohl Indien als auch Europa in der Landwirtschaft ausgeprägte protektionistische Tendenzen haben. Entsprechend dürfte dieser Sektor nur eingeschränkt oder gar nicht Teil des Abkommens sein.

Gibt es noch andere offene Punkte, bei denen Verhandlungsbedarf besteht?

Die EU drängt darauf, die Kontingente für Automobilexporte nach Indien auszuweiten, während sie zugleich den europäischen Markt stärker vor indischen Stahlimporten schützen möchte. In den vergangenen Jahren sind die Einfuhren aus Indien deutlich gestiegen. Jedoch fühlt sich Indien teilweise durch die Umweltauflagen der EU benachteiligt. Dazu zählt etwa der CO₂-Grenzausgleichsmechanismus, der Abgaben etwa auf Stahl und Aluminium vorsieht, wenn er nicht den Auflagen der EU entspricht. Das ist aus indischer diskriminierend. Indien strebt hier Sonderregelungen an.

Wie kann ein Abkommen mit Indien langfristig funktionieren, wenn Korruption und Bürokratie zu den größten Standortproblemen zählen?

Bürokratiekosten sind auch in der EU ein zentrales Thema. In Indien hat es in den vergangenen Jahren Fortschritte gegeben, etwa durch Reformen im Steuer- und Arbeitsrecht, die Verfahren vereinfachen sollen. Dennoch bleibt Indien ein schwieriger Markt, und Korruption ist weiterhin ein Problem – allerdings auch in Teilen Europas. Insofern erscheint es sinnvoller, durch Zusammenarbeit weitere Verbesserungen zu fördern, statt den Kontakt zu meiden.

Welche kurzfristigen und langfristigen Effekte erwarten Sie auf den bilateralen Handel?

Schätzungen der EU-Kommission gehen davon aus, wonach der Handel je nach Szenario und Höhe der gegenseitigen Zollsenkungen um 50 bis 80 Prozent steigen könnte – das ist schon eine Hausnummer.

Indien wird schon länger für den Westen als Alternative zu China gehandelt. Kann dieses Abkommen die Abhängigkeit europäischer Lieferketten kurzfristig spürbar reduzieren?

Das hängt stark vom Produkt ab. Bei pharmazeutischen Produkten oder Elektronik lassen sich Produktionsverlagerungen wahrscheinlich schneller umsetzen, weil Indien hier schon über Fertigung verfügt. In der Chipindustrie ist das deutlich komplizierter, da die Produktion ein komplettes Ökosystem von Zulieferern benötigt – hier dauert es länger. Mittelfristig sehe ich jedoch großes Potenzial, dass Indien China in vielen Bereichen teilweise ersetzen kann. Das liegt an der großen Arbeitskräftebasis, während China demografisch schrumpft und die Arbeitskosten steigen. Voraussetzung ist allerdings, dass Indien bei Ausbildung, Bürokratieabbau und Korruptionsbekämpfung weiter aufholt. Erste Reformen wurden zwar umgesetzt, aber das Niveau erreicht noch nicht das Chinas. Zudem ist Indien – anders als China – föderal organisiert, was den Markt vielfältiger, aber auch komplexer macht.

Woran würden Sie als Ökonomin in fünf bis zehn Jahren messen, ob dieses Abkommen ein Erfolg oder ein Fehler war?

Zwischen dem Abschluss des Vertragstextes und dem tatsächlichen Inkrafttreten liegen leider oft Jahre, wie die jüngsten Beispiele zeigen. Für mich wäre das Abkommen schon ein Erfolg, wenn es in fünf oder zehn Jahren tatsächlich gilt und wir einen vertieften Austausch im Handel, bei Investitionen und beim Arbeitskräfteaustausch mit Indien erreicht haben.

Mit Samina Sultan sprach Juliane Kipper

Quelle: ntv.de

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