Wirtschaft

Unternehmer zu Lira-Absturz "Exporteure profitieren, aber die Arbeiter leiden"

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Die angeschlagene türkische Währung ist in den letzten Monaten gegenüber US-Dollar und Euro auf ein Allzeittief gefallen. Präsident Erdogan besteht darauf, dass die Zinsen trotz steigender Verbraucherpreise immer weiter gesenkt werden.

(Foto: picture alliance/dpa/AP)

Die türkische Notenbank ist vergangene Woche wieder dem Kurs des Staatspräsidenten Erdogan gefolgt und hat den Leitzins weiter gesenkt. Firmen, die am Bosporus aktiv sind, sind alarmiert. Die türkische Lira befindet sich im freien Fall. Zum Dollar ist die Währung nur noch halb so viel wert wie vor einem Jahr. Was bedeutet das für die Unternehmen und Menschen im Land? Osman Öz ist Chef von Anatolia AS, einem in zweiter Generation geführten mittelständischen Familienunternehmen, das Nüsse und Trockenfrüchte exportiert. ntv.de spricht mit ihm über Gewinner und Verlierer, die von Erdogan gesteuerte Geldpolitik, darüber, wie ein türkischer Unternehmer Vorsorge trifft und was er sich für die Zukunft wünscht.

ntv.de: Die türkische Notenbank hat es wieder getan und den Leitzins nun auf 14 Prozent abgesenkt. Erdogans Niedrigzinspolitik sorgt für immer mehr Druck auf die Lira, das gefährdet die türkische Wirtschaft. Als Exporteur gehören Sie zu den Gewinnern der Krise. Die Börse feiert den Exportsektor. Sind Sie zufrieden?

Osman Öz: Was gerade passiert, ist nicht leicht. Aber für Exporteure ist es in der Tat kein großes Problem, wir profitieren. Ich übe meinen Beruf seit über 40 Jahren aus und in der Zeit habe ich viele ähnliche Situationen erlebt. Ich erinnere mich an 1980. Damals wurde die Lira abgewertet, es gab keinen freien Wechselkurs. Von 35 runter auf 1 US-Dollar, dann auf 77 über Nacht. Dasselbe 1994: Die Lira stand damals bei 14,7 und ging rauf auf 32. Im Jahr 2001 noch mal eine ähnliche Situation. Ich will damit sagen, wir sind daran gewöhnt. Das passiert nicht alle Jahre, aber häufig.

Das heißt, Ihnen ist es egal, wie viel die türkische Lira wert ist?

Uns Exporteure trifft es nicht so hart, weil die Arbeitskosten in der Türkei so niedrig sind. Letztes Jahr lag der Mindestlohn für die Beschäftigten bei umgerechnet 385 Dollar. Mit der Abwertung hat sich das Einkommen in Dollar gerechnet nahezu halbiert. Das heißt, es sind die Arbeiter und Arbeiterinnen, die leiden. Sie können weniger für ihr Geld kaufen, das ist ein wirklich großes Problem. Wir hoffen, dass sich die Lage ab dem 1. Januar 2022 entspannt, wenn der Mindestlohn um 50 Prozent angehoben wird. Das würde den Wertverlust der Lira nicht komplett ausgleichen, aber die Menschen würden mehr erhalten, als sie derzeit für ihr Geld bekommen.

Können Sie beziffern, wie sich der Währungsverlust in Ihrem Unternehmen bemerkbar macht?

Unsere Einkaufspreise in der Türkei lagen im September bei umgerechnet 1300 Dollar je Tonne, heute zahlen wir 1100 Dollar für dieselben Produkte. Gleichzeitig sind die Verkaufspreise ins Ausland für uns gesunken. Haselnüsse zum Beispiel verkaufen wir statt für sieben Dollar nur noch für sechs Dollar das Kilo. Das ist also ungünstig für uns. Wir können unseren Absatz durch niedrigere Preise auch nicht steigern. Es werden nicht mehr Nahrungsmittel bestellt, wenn sie billiger sind. Warum? Weil nicht mehr davon gegessen wird. Außerdem warten die Kunden ab, weil sie damit rechnen, dass der Wert der Lira noch weiter sinkt. Aber insgesamt betrachtet ist das kein großes Problem für uns.

Schwierig wird es, wenn Unternehmen in der Türkei Vorprodukte wie Verpackungen in Dollar oder Euro bezahlen müssen. Bei dem derzeitigen Lira-Kurs sorgt das offenbar schon bei einigen für finanzielle Schieflagen. Wie ist das bei Ihnen?

Rohstoffe, ob Papier oder flexibles Folienmaterial, sind in den vergangenen Jahren insgesamt teurer geworden. Dieser Anstieg hat aber alle gleichermaßen getroffen - nicht nur die Türkei. Wenn nun aber die türkische Lira immer schwächer wird, macht das wichtige Rohstoffe, die die Türkei importieren muss, noch teurer. Das ist ein ernstes Problem für die Türkei.

Wie legen Sie bei einer derartig schnell verfallenden Währung Preise für die Kunden fest?

Die Preise werden ständig angepasst, wie auf dem Spotmarkt. Wir machen auch langfristige Verträge, die sind dann aber mit Währungskontrakten abgesichert.

Einigen Produzenten und Lieferanten in der Türkei geht es offenbar nicht so gut wie Ihnen. Es gibt deutsche Händler, die bereits die Sorge geäußert haben, dass eine Pleitewelle bevorstehen könnte. Was sagen Sie dazu?

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Osman Öz absolvierte ein Ingenieursstudium in Großbritannien, 1979 trat er in das Familienunternehmen ein. Nach 10 Jahren in der Trockenobstbranche gründete er 1989 das Unternehmen Anatolia. 2017 erwarb er Whitworths Ltd. - den Branchenführer in Großbritannien.

(Foto: Osman Öz)

Ich denke nicht, dass es eine Pleitewelle geben wird. Wenn die Unternehmen keine Auslandsschulden haben, sollte es keine Probleme geben. Derzeit ist Risikominimierung wichtig, man muss sich zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses sofort mit den Liefermengen eindecken, die mit dem Kunden vereinbart sind. Das nennt man Back-to-back-Beschaffung. Für langfristige Verträge muss man Preisaufschläge verlangen, um sich abzusichern.

Wegen der hohen Inflation nehmen die Spannungen in Ihrem Land zu. Die Menschen gehen auf die Straße und protestieren. Sie haben in der Türkei 350 Angestellte. Die Situation für Ihre Beschäftigten sei schlimmer als für Ihr Unternehmen, sagen Sie. Versuchen Sie zu helfen?

Wir versuchen zu helfen, so gut es geht. Zu den anstehenden Feiertagen verteilen wir große Körbe mit Nahrungsmitteln an die Angestellten. In der Fabrik servieren wir auch Mittagessen, wir sorgen für den Transport unserer Angestellten. Wir versuchen das, was der Wettbewerb erlaubt.

Zinsgegner Erdogan

Der türkische Staatschef setzt die Notenbank unter extremen Druck, die Zinsen immer weiter zu kappen. Bei stark steigenden Preisen halten die meisten Experten dagegen höhere Zinsen für ein geeignetes Gegenmittel. Sie würden Kredite teurer machen und die Nachfrage dämpfen. Höhere Zinsen machen eine Währung auch attraktiver für Investoren. Würde der Lira-Kurs steigen, würden die meist in Dollar oder Euro gehandelten Importe zudem wieder günstiger - was ebenfalls die Inflation bremsen würde.

Warum erhöhen Sie nicht die Gehälter?

Wenn ich die Gehälter erhöhe, bin ich nicht mehr wettbewerbsfähig. Außer, meine Wettbewerber erhöhen ebenfalls die Gehälter. Wie gesagt, wenn die Regierung die Mindestlöhne um die Hälfte erhöht, sollte das die Lage entspannen.

Die türkische Notenbank hat vergangene Woche den Druck auf die Lira durch eine weitere Zinssenkung erhöht. Was sagen Sie dazu?

Ich weiß nicht, warum die Regierung diesen Weg eingeschlagen hat. Sie ist es, die die Notenbankentscheidungen kontrolliert. Es ist nicht gesund und es hilft den Menschen nicht. Während sich in Europa und den USA Zinserhöhungen ankündigen, läuft es der Türkei leider genau andersherum. Ich kenne kein anderes Land, das die Zinsen senkt. Das ist schade, weil es die Inflationsrate nach oben treibt. Im November lag sie bei über 21 Prozent. Der Hauptgrund, warum die Lira kollabiert ist, sind die Zinsentscheidungen. Wenn es keinen Zinsschritt gegeben hätte, hätte man hoffen dürfen, dass sich die Lira ein bisschen erholt. Diese Hoffnung ist nun verpufft.

Der geldpolitische Kurs hat sich bislang als falsch erwiesen. Warum bleibt die Regierung dabei?

Die Regierung argumentiert, dass die Importe damit gebremst werden und ausländisches Kapital ins Land kommt. Das Haushaltsdefizit soll getilgt werden und damit die Inflationsrate wieder sinken. Das ist die Theorie, bestätigt hat sich die aber bislang nicht und ich glaube auch nicht, dass es funktionieren wird. Wir Unternehmer nehmen auf diese Entscheidungen aber keinen Einfluss.

Worauf hoffen Sie?

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Dass die EU-Länder möglichst viel in der Türkei kaufen. Wenn wir mehr exportieren, steigt die Produktivität und wir können mehr Jobs schaffen und die Türkei wird als Wirtschaftsnation reicher. Ein Container aus China kostet über 10.000 Dollar, aus der Türkei kostet der Transport vielleicht 2000 Dollar. Das ist ein Grund, warum der Export aus der Türkei wächst. Die Europäer versuchen wegen der hohen Frachtkosten in Regionen zu kaufen, die näher liegen. Wir hoffen, das bleibt so.

Mit Osman Öz sprach Diana Dittmer

Quelle: ntv.de

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