Wirtschaft

56 unzuverlässige Reaktoren Frankreich - Atomnation mit Stromproblem

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Das Atomkraftwerk Nogent-sur-Seine liegt idyllisch im Südosten von Paris. Reaktor 1 lief 2020 mehr als 360 Tage, Reaktor 2 war dagegen 181 Tage nicht am Netz.

(Foto: picture alliance / abaca)

Nur wenige Länder sind so gut auf eine Energieversorgungskrise vorbereitet wie Frankreich. 18 Kernkraftwerke erzeugen zuverlässig und unabhängig Strom - in der Theorie. Tatsächlich fällt ein Großteil der Kapazität regelmäßig aus. Vor allem das Alter der Meiler verursacht Probleme.

Anfang April wird der Strom in Frankreich mal wieder knapp. Der französische Netzbetreiber RTE ruft Bevölkerung und Wirtschaft deshalb zum Stromsparen auf. Unter anderem Carrefour zieht mit. Die Handelskette dimmt das Licht in ihren etwa 400 Supermärkten und senkt die Temperaturen in ihren Büros, obwohl in Frankreich eine Kältewelle tobt. Keine Ausnahme, erklärt Mycle Schneider im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". Teilweise sei die Situation so verheerend, dass Frankreich aus allen umliegenden Ländern Strom importieren müsse.

Dabei war Frankreich einst die Atomnation schlechthin. "Das Paradebeispiel für ein erfolgreiches Atomprogramm", sagt der Herausgeber des "World Nuclear Industry Status Report", des jährlichen Berichts zum Zustand der weltweiten Atomwirtschaft, kurz WNISR. 56 Reaktoren in 18 Kernkraftwerken ist die französische Flotte groß. Nur die USA und China erzeugen mehr Atomstrom, aber nicht mit der gleichen Bedeutung für die nationale Energieversorgung: Auf dem Höhepunkt ihrer Leistungskraft waren die französischen Kernkraftwerke 2005 für beinahe 80 Prozent des französischen Strombedarfs verantwortlich, damals 430 Terawattstunden (TWh). Sicher, zuverlässig und unabhängig - so wirbt auch der französische Energieversorger EDF auf seiner Webseite für die Atomkraft.

Noch. Denn ihr Anteil am französischen Energiemix sinkt seit Jahren. Für dieses Jahr erwartet EDF, dass die produzierte Leistung etwa ein Viertel geringer ausfällt als beim Rekord vor 17 Jahren. Nur noch 295 bis 315 TWh oder zwei Drittel des französischen Stromverbrauchs sind möglich, weil mehr als die Hälfte der Reaktorkapazität regelmäßig nicht zur Verfügung steht. "Da fragt man sich schon, was aus der 24/7-Versorgung geworden ist", kritisiert Atomexperte Schneider die Rund-um-die-Uhr-Versorgung.

6465 Tage außer Betrieb

Ursache für die hohen Ausfallzeiten ist vor allem das fortgeschrittene Alter des Kraftwerkparks: Im Schnitt sind die französischen Atomkraftwerke bereits 37 Jahre alt. Nach vielen Jahren Dauerbetrieb offenbaren die 56 Reaktoren Abnutzungserscheinungen, die Stromversorger EDF beheben muss. Hinzu kommen ungeplante technische und andere Probleme, die eine Abschaltung erfordern - mit weitreichenden Konsequenzen, wie Mycle Schneider erklärt: "Wenn EDF heute ein Atomkraftwerk abstellt, weiß das Unternehmen nicht mehr, wann es zurück ans Netz geht."

Deutlich wird dies an den steigenden Ausfallzeiten der französischen Reaktoren. Im Corona-Jahr 2020 haben sie zusammengerechnet an 6465 Tagen keinen Strom produziert. Das sind im Schnitt 115,5 Tage, den jeder einzelne Reaktor ausfällt. Vor allem waren es aber auch 44 Prozent mehr Ausfalltage als von EDF geplant, betont WNISR-Herausgeber Schneider. "Erst wird mit drei Wochen geplant, dann mit zwei weiteren, dann nochmal mit zwei Monaten. Es gibt Fälle, wo das Ankopplungsdatum 40 Mal verschoben wurde."

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Ein Grund dafür sind fehlende Ersatzteile für Wartung und Reparatur. Denn EDF hat vor 15 Jahren begonnen, keine mehr vorzuhalten. Eine Sparmaßnahme, die zum gefährlichen Bumerang wird: Repariert man die defekte Pumpe mit einer alten Dichtung? Mit einer, die dafür nicht vorgesehenen ist? Oder besser gar nicht? Riskiert man die Sicherheit der Anlage oder doch lieber die stabile Energieversorgung?

Baufehler, Probleme, Sicherheitsmängel

Auch die Standardisierung der französischen Atomflotte wird immer häufiger zu einem Problem. Die 18 Kernkraftwerke wurden in den 70er und 80er Jahren in nur drei großen Baulinien von 900, 1300 und 1450 Megawatt errichtet. Das hat damals Zeit und Geld gespart, bedeutet aber auch: Hat sich vor 50 Jahren ein Fehler in den Bauplänen oder Bauteilen eingeschlichen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er heute gleich in mehreren Kraftwerken auftritt.

Der französische Kraftwerkspark

Frankreich verfügt über 18 Kernkraftwerke, die vom Stromkonzern EDF betrieben werden. Die 56 Reaktoren verteilen sich auf drei große Baulinien:

  • 32 mit einer Leistung von 900 Megawatt
  • 20 mit einer Leistung von 1300 Megawatt
  • 4 mit einer Leistung von 1450 Megawatt

"In genau der Situation befinden wir uns", sagt Mycle Schneider im "Wieder was gelernt"-Podcast. Im Dezember 2021 wurden in den vier neuesten und größten Atomkraftwerken Risse in den Not-Einspeisesysteme entdeckt. "Das ist ein elementares Sicherheitssystem", erklärt der Nuklearexperte. "Es springt ein, wenn es ein Leck im primären Kühlsystem gibt. Diese Reaktoren wurden sofort abgestellt. Das hat mitten im Winter zu einem Ausfall in der Größenordnung von sechs Gigawatt geführt, ein Zehntel der installierten Kapazität war auf einen Schlag weg. Dann kamen drei weitere Reaktoren dazu. Das heißt, dieser Fehler wurde inzwischen bei sieben identifiziert, bei weiteren ist er wahrscheinlich."

"Und das ist noch nicht alles", betont Schneider weiter: "In einem anderen Kühlkreislauf für die Nachwärme-Abfuhr tritt möglicherweise derselbe Fehler auf."

Eine Sicherheitslücke, der AKW-Betreiber EDF mit viel Aufwand in jedem seiner Reaktoren nachgehen, die er in jedem überprüfen und notfalls reparieren muss. Eine zeitraubende Aufgabe, selbst wenn Personal und Bauteile vorhanden sind. Dennoch bleiben immer mehr Reaktoren immer länger und häufiger außer Betrieb. Die Ausfallzeiten sind der Hauptgrund dafür, dass Frankreich vom europäischen Stromexporteur zum Importeur geworden ist. Eine Entwicklung, die sich durch den Klimawandel und steigende Temperaturen weiter verstärken dürfte: Alle französischen Reaktoren werden mit Wasser gekühlt, das bei Hitzewellen dafür oftmals zu warm und bei Dürren oftmals gar nicht ausreichend dafür vorhanden ist. Zwischen 2015 und 2020 verzeichnete Netzbetreiber RTE witterungsbedingt bereits 166 Ausfalltage.

Die Zukunft existiert nur bei Power-Point

Dennoch setzt der französische Präsident neben dem Ausbau der Erneuerbaren Energien auch auf eine "Renaissance der Atomkraft". Bis 2050 wünscht sich Emmanuel Macron mindestens sechs EPR-Reaktoren der neuesten Generation namens EPR-2. Außerdem forciert er mit Frankreich die Entwicklung der SMR-Technologie - neuartiger Minireaktoren.

Das Problem aber ist in beiden Fällen: Sowohl der EPR-2, die zweite Version des Europäischen Druckwasserreaktors, als auch die SMR-Technologie existieren bisher nur auf dem Papier. "Es sind Power-Point-Reaktoren", sagt Mycle Schneider. Weiße Elefanten, die sinnbildlich für die weltweite Atomindustrie stehen, in der so gut wie alle Projekte deutlich später und deutlich teurer fertig werden als ursprünglich geplant, wenn überhaupt.

Denn schon seit 2007 baut Frankreich an Flamanville-3. Der neueste Reaktor der französischen Flotte, der erste des EPR-1, sollte 3,3 Milliarden Euro kosten und ab 2012 Strom liefern. Zehn Jahre später ist er immer noch nicht fertig. Der französische Rechnungshof kalkuliert inzwischen mit Kosten von knapp 20 Milliarden Euro.

"Wieder was gelernt"-Podcast

"Wieder was gelernt" ist ein Podcast für Neugierige: Bekommt die Deutsche Bank ihr Geld von Donald Trump zurück? Warum bezahlen manche Berufspiloten Geld für ihren Job? Warum ziehen Piraten von Ost- nach Westafrika? Hören Sie rein und werden Sie dreimal die Woche ein bisschen schlauer.

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Quelle: ntv.de

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