Wirtschaft

60.000 Monteure gesucht "Heizungsindustrie hat Reserven, aber es fehlen Hände"

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Rund die Hälfte der 21 Millionen Heizungsanlagen in Deutschland sind veraltet.

(Foto: IMAGO/blickwinkel)

Steigende Rohstoffpreise und drohende Versorgungsengpässe lassen einen langen, kalten Winter befürchten. Viele Verbraucher wollen deshalb jetzt so schnell wie möglich weg von Gas und Öl. Frederic Leers vom Heizungsverband BDH erklärt Capital.de, warum es an der Umsetzung hapert, und warum Wärmepumpen nicht die einzige Alternative sind.

Herr Leers, in welcher Verfassung treffen wir Ihre Branche derzeit an?

Wir erleben seit über einem Jahr eine deutliche Marktbelebung, die wir so seit 20 Jahren nicht gesehen haben. Wir haben bisher rund 600.000 bis 700.000 neue Anlagen pro Jahr in Deutschland abgesetzt, im letzten Jahr waren es über 900.000. Das hat vor allem mit der verbesserten Förderkulisse zu tun, aber auch mit dem gesteigerten Bewusstsein, welche Einsparpotentiale mit einer modernen Heizung verbunden sind, wenn sie dem Stand der Technik entspricht. Das Thema Energiesparen und Heizungsanlagen ist in jedem Fall im Fokus der Öffentlichkeit angekommen, das ist auch nötig: Wir haben in Deutschland einen veralteten Anlagenbestand: Von den 21 Millionen Heizungsanlagen sind elf Millionen Geräte technisch veraltet, also rund die Hälfte. Der Anlagenbestand muss schnellstmöglich modernisiert werden – denn die Wärmewende wird im Bestand entschieden. Das hat gerade jetzt nochmals an Bedeutung gewonnen.

Viele Besitzer merken das und wollen wegen der Gaskrise schnell erneuern. Geht das derzeit überhaupt?

Die Heizungsindustrie hat noch Reserven in Hinblick auf die Produktionskapazitäten, aber es gibt aktuell eine Reihe von Herausforderungen: vor allem die fehlenden Hände im Handwerk und die teilweise unterbrochenen Lieferketten. Dazu kommen politische Herausforderungen: Die Politik plant, dass ab 2024 möglichst jede neue Heizungsanlage mit 65 Prozent erneuerbaren Energien betrieben werden soll. Die Debatte darüber sorgt beim Verbraucher und in der gesamten Branche für zusätzliche Unsicherheit.

Was hieße das generell für die Branche?

Wir erleben derzeit eine Fokussierung der Politik auf die Wärmepumpe. Sie wird eine zentrale Rolle bei der Umsetzung der Wärmewende spielen. Klar ist aber auch, dass die Wärmewende nur gelingen wird, wenn wir alle technischen Optionen auf Basis eines breiten erneuerbaren und CO2-freien Energiemixes nutzen werden.

Aber die Wärmepumpe soll ja Schlüsseltechnologie der heimischen Energiewende werden.

Das ist das erklärte Ziel der Bundesregierung, aber auch die Versorgungssicherheit und den Netzausbau auf der Stromseite gilt es in den Blick zu nehmen - das gesamte Energiesystem. Auch hybride Systeme können da eine Lösung sein, also eine Kombination von unterschiedlichen Technologien und Energieträgern. Das sind zum Beispiel Brennwertheizungen in Kombination mit einer Wärmepumpe oder Solarthermie. Oder die Nutzung von Wohnungslüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung. Oder der Einsatz von grünen Energieträgern wie Biomethan und Wasserstoff in vorhandenen Heizungen. All das leistet einen Beitrag zur CO2-Minderung.

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Wie realistisch ist das Ziel, bis 2030 bereits über sechs Millionen Wärmepumpen in diesem Land installiert zu haben?

Die BDH-Hersteller unterstützen dieses Ziel der Bundesregierung. Aber der Zentralverband Sanitär Heizung Klima hat auch vorgerechnet, dass wir kurzfristig rund 60.000 zusätzliche Monteure benötigen, um diese sechs Millionen Wärmepumpen in Deutschland zu installieren.

Mit Frederic Leers sprach Nadine Oberhuber

Das Interview erschien zuerst bei Capital.de

Quelle: ntv.de

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