Wirtschaft

Hightech-Farm auf 26 EtagenChina züchtet Schweine in riesigen Hochhäusern

29.03.2026, 11:13 Uhr c-ammeVon Caroline Amme
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Im Schweinehotel in der ostchinesischen Provinz Zhejiang leben etwa 10.000 Zuchtschweine. (Foto: IMAGO/Xinhua)

In China wird Massentierhaltung auf die Spitze getrieben. Zuchtbetriebe halten Hunderttausende Schweine in gigantischen, 26-stöckigen Hochhäusern. Mit den hoch technisierten Anlagen soll der Hunger nach Fleisch gestillt werden. Nun exportiert die Volksrepublik die Methode sogar in andere Länder.

Von außen sehen die beiden rot-grauen Hochhäuser aus wie ganz normale Wohnblöcke. Drinnen wohnen aber keine Menschen, sondern Schweine. Schweinezuchtanlagen in Hochhäusern boomen in China.

Die Anlage in der Stadt Ezhou in der zentralchinesischen Provinz Hubei ist eine der höchsten der Volksrepublik: In zwei Hochhausblöcken leben auf jeweils 26 Stockwerken 650.000 Tiere, auf einer Fläche von 800.000 Quadratmetern. Sie ist Ende 2022 eröffnet worden. Die riesige Schweinemastanlage ist ein extremes Beispiel für Massentierhaltung. Sie produziert 1,2 Millionen Schweine pro Jahr. Um die Tiere kümmern sich mehr als 800 Mitarbeiter. Noch dieses Jahr soll eine Schlacht- und Verarbeitungslinie dazukommen.

Die Schweine werden über ein ausgeklügeltes System versorgt. Das Futter für die Tiere wird mit einem Förderband auf das Dach transportiert und von dort etagenweise verteilt. An rund 30.000 automatischen Futterstellen bekommen die Tiere per Knopfdruck ihr Futter. Wie viel, das richtet sich nach Größe, Gewicht und Rasse. "Das zentrale Steuerungssystem im ersten Stock steuert und überwacht Wasser, Strom, Gas und die Belüftung", erklärt Geschäftsführer Jin Lin in einem Video der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua.

Für jede Phase der Schweinezucht gibt es eigene Bereiche: Trächtige Sauen, Ferkel und die heranwachsenden Schweine sind getrennt untergebracht. Das macht die Schweinehaltung sauberer, sagt der Betreiber Zhongxin Kaiwei - eigentlich ein Zementunternehmen.

Mehrstöckige Tierhaltung seit 2019 erlaubt

Warum Schweine ausgerechnet im Hochhaus gezüchtet werden, hat einen einfachen Grund. Land ist begrenzt und in China teuer. Schweinefleisch wird in China immer beliebter. Daher bauen die Züchter in die Höhe.

2019 hat die Regierung offiziell mehrstöckige Gebäude für die Tierhaltung genehmigt, um sie effizienter zu machen. Ein Jahr später hat die erste Farm dieser Art eröffnet: eine Anlage mit 21 sechsstöckigen Gebäuden. In denen werden nicht nur Tiere gehalten, sondern auch Futter produziert und geschlachtet. Inzwischen gibt es in China über 2000 solcher Massen-Schweinezuchtprojekte in fast 4500 Hochhäusern.

Durch die Afrikanische Schweinepest sind seit 2018 Millionen Tiere in China gestorben. Es gab deshalb weniger Schweinefleisch, die Preise in China und weltweit sind angestiegen. Um sie wieder zu drücken, hatte die Regierung damals sogar ihre tiefgefrorene strategische Schweinefleischreserve freigegeben. 

Großmacht China braucht effiziente Landwirtschaft

Doch die Seuche hinterließ bleibende Folgen, die Schweinehaltung im Land ist grundlegend umgebaut worden. Die kleinen Zuchtbetriebe mit weniger als 500 Schweinen werden seltener - heute gibt es davon noch rund 20 Millionen, das entspricht 75 Prozent weniger als noch vor einigen Jahren. Die Regierung fördert größere Anlagen, die besser kontrolliert werden, mit einem niedrigeren Krankheitsrisiko.

Damit will sich die Volksrepublik von Importen wie Schweinefleisch aus anderen Ländern unabhängiger machen, sagt der China-Korrespondent der "Neuen Zürcher Zeitung" Matthias Kamp im Podcast NZZ Akzent. "Die Regierung unter Präsident Xi Jinping will, dass China autark wird und hat sich daran gemacht, die ganze Landwirtschaft auf Effizienz zu trimmen. Dahinter steht der Gedanke: nur wer bei der Nahrungsmittelversorgung autark ist, kann auch eine wirkliche Großmacht sein."

Schweinefleisch ist ein Grundnahrungsmittel in China: Chinesinnen und Chinesen essen weltweit das meiste Schweinefleisch. Und in der Volksrepublik werden auch die meisten Schweine weltweit gehalten, über die Hälfte aller Bestände. 

Das war aber nicht immer so, sagt Agrarexpertin Mindi Schneider in der ARD. "Früher haben die Menschen in China einmal im Jahr Schweinefleisch gegessen. Dann kamen die Reformen, und es gab mehr Fleisch. Der Erfolg der Regierung hängt also auch davon ab, ob die Menschen genug günstiges Schweinefleisch kaufen können. So kann die Regierung zeigen: Schau, es geht uns immer besser."

"Arbeiter dürfen nur alle zwei Monate raus"

Ein Team der ARD hat sich 2023 so ein Schweinehochhaus im Süden Chinas von innen angesehen. Die Journalisten mussten mehrere Desinfektions-Schleusen passieren, bevor sie die Anlage betreten durften. Kein Keim soll an die Schweine kommen.

Die Zuchtsauen sind eng eingepfercht in Kastenständen. Nur alle vier Monate dürfen sie sich eine Stunde lang frei bewegen, erzählt ein Mitarbeiter den Reportern. Jede Sau hat eine eigene automatisierte Versorgung mit Futter und Wasser. Fünf Arbeiter sind für 1000 Tiere verantwortlich. Die Automatisierung spart Personal. 

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Eingesperrt leben auch die Mitarbeiter. Sie sind auf dem Gelände in einem Wohnheim untergebracht, es gibt Freizeitangebote wie Sportplätze, Fitnessstudios und Karaoke. Oft bleiben sie mehrere Monate dort. Viele sind jung, unter 30 Jahre alt. Auch sie müssen durch die Desinfektions-Strecke.

Für Arbeiter in solchen Schweinezucht-Blocks gelten strenge Vorschriften, sagt NZZ-Korrespondent Kamp. "Sie dürfen nur alle zwei Monate raus. Wenn sie wieder reinwollen, müssen sie vorher fünf Tage Quarantäne machen." Das gelte auch für Besucher. Daher habe er sich gegen den Besuch in den 26-stöckigen Schweinehochhäusern in Ezhou entschieden.

Hauptsache, Schweinefleisch bleibt günstig

Dafür hat sich Kamp unter den Anwohnern der Zuchtanlage umgehört. Sie berichten von teils üblem Geruch. Wenn der Wind ungünstig stehe, könnten sie es im Freien nicht aushalten und flüchteten in ihre Häuser. Zwar habe der Betreiber Filteranlagen versprochen, passiert ist anscheinend aber nichts.

Der China-Korrespondent hat trotzdem kaum Kritik am Betreiber gehört. Ein Großteil der Chinesinnen und Chinesen sehe es ganz pragmatisch. "Alles, was Hightech und technologischer Fortschritt ist, wird von den Chinesen umarmt. Das ist anders als bei uns in Westeuropa, wo es ethische und moralische Bedenken gibt. Und am Ende schauen sie auch auf den Geldbeutel: wenn dadurch Schweinefleisch erschwinglich und einigermaßen preisgünstig bleibt. Warum nicht?" 

Die Anlagen werden als biosicher, effizient und nachhaltig angepriesen - es gebe aber kaum Beweise dafür, dass diese Intensivanlagen diese Vorteile tatsächlich haben, sagt der Umweltwissenschaftler Matthew Hayek von der New York University im britischen "Guardian" über die Schweinehochhäuser. Dasselbe gelte auch für US-amerikanische Indoor-Anlagen.

Die Tiere leben auf engstem Raum. Wenn es ein Keim in die Anlage schafft, kann sich die Krankheit schnell ausbreiten. Je höher die Tierdichte, desto höher das Risiko.

DDR-Schweinehochhaus in den Schlagzeilen

Außerhalb Chinas sind solche Schweinehochhäuser selten. In Deutschland hat es früher einmal eines gegeben. In Maasdorf in Sachsen-Anhalt wurden zu DDR-Zeiten auf sechs Etagen Schweine gezüchtet. Gebaut wurde es Anfang der 1970er-Jahre - damals war es ein Vorzeigeobjekt für moderne Tierhaltung.

In Wirklichkeit sind die Tiere dort aber gequält worden. Das hat die Tierrechtsorganisation Deutsches Tierschutzbüro zwischen 2013 und 2018 mit versteckten Kameras heimlich dokumentiert, erzählte der Vorsitzende Jan Peifer 2018 bei ntv. "Im Schweinehochhaus werden Gesetze gebrochen. Über 500 Stunden Videomaterial liegt uns vor, das zeigt, wie brutal die Mitarbeiter mit den Tieren umgehen. Hier werden Tiere misshandelt, sie werden totgeschlagen."

Noch im selben Jahr ist das Schweinehochhaus nach den Tierschützer-Protesten geräumt worden. Seit 2023 hat der Betreiber keine Betriebserlaubnis mehr.

Letzter Hochhausstall Europas - in Estland

Eine baugleiche Kopie des deutschen Hochhaus-Stalls steht in Estland: der letzte seiner Art in Europa und die größte Schweinemastanlage im Baltikum. Sie ist ebenfalls in den 1970er-Jahren gebaut worden und noch in Betrieb. Bis zum Ende der Sowjetunion hat sie die Region rund um St. Petersburg versorgt. Heute werden dort im Jahr 280.000 Ferkel geboren und 50.000 Schweine gemästet.

Der Stall ist zwar nicht so groß wie die in China, aber genauso modern: mit computergesteuerter Fütterung, Belüftungssystem, Einlassschleusen und einer Biomethan-Anlage nebenan.

Auch andere Länder schielen auf die Hightech-Ställe. Bald sollen solche Hochhaus-Zuchtanlagen auch in Südkorea und Vietnam entstehen. Jeweils in Zusammenarbeit mit chinesischen Firmen. Vertikale Farmen werden in Südostasien immer wichtiger, um die wachsende Nachfrage nach Fleisch zu bedienen - und gleichzeitig das Platzproblem und das Seuchenrisiko in den Griff zu bekommen.

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Redaktion: Caroline Amme, Christian Herrmann, Kevin Schulte

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Quelle: ntv.de

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