Wirtschaft

Neue KriegsstrategieHinter Kiews Angriffen auf Wildberries steckt mehr als nur Logistik

06.08.2026, 16:38 Uhr DSCF1383-2Von Jan Gänger
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Der Krieg erreicht Russlands Versandhandel. (Foto: IMAGO/ZUMA Press)

Wildberries ist nicht nur Russlands größter Onlinehändler, sondern auch einer der größten Kreditnehmer des Landes und eng mit Staatsbanken verbunden. Durch ihre Drohnenangriffe auf dessen Lager versucht die Ukraine, eine wirtschaftliche Kettenreaktion auszulösen.

Mit ihren Drohnenangriffen auf den russischen Onlinehändler Wildberries verfolgt die Ukraine eine Strategie, die weit über die Zerstörung einzelner Logistikzentren hinausgeht. Aus den brennenden Lagerhallen soll wirtschaftlicher Druck entstehen - auf den Konzern, auf Banken, auf den Staatshaushalt und letztlich auch den Kreml selbst. 

Mit Angriffen auf Raffinerien und Treibstofflager versuchte Kiew bereits, Russland die Finanzierung des Kriegs zu erschweren. Die Folgen waren Benzinknappheit, lange Schlangen an Tankstellen und steigende Kraftstoffpreise. Mit Wildberries geht die ukrainische Führung nun den nächsten Schritt. 

Wildberries wickelt rund die Hälfte des russischen Onlinehandels ab. Hunderttausende Händler verkaufen ihre Waren über die Plattform, täglich bestellen dort Millionen Menschen in elf Zeitzonen. Für viele Russen - vor allem außerhalb Moskaus und St. Petersburgs - ist Wildberries weit mehr als ein Onlinehändler. Das Netz aus Abholstationen reicht bis in kleine Städte und Dörfer und ist vielerorts zu einem festen Bestandteil des täglichen Lebens geworden. 

Im vergangenen Jahr wurden über Wildberries Waren im Wert von umgerechnet knapp 70 Milliarden Euro gehandelt - das entspricht fast drei Prozent des russischen Bruttoinlandsprodukts. Gleichzeitig finanzierte der Konzern seine rasante Expansion weitgehend über Kredite und ist eng mit staatlichen Banken wie der VTB verflochten. Diese Kombination aus wirtschaftlicher Bedeutung, hoher Verschuldung und politischen Verbindungen bis in den Kreml macht Wildberries aus ukrainischer Sicht zu einem idealen Angriffsziel. 

Immenser Schaden

Hinzu kommt ein weiterer Faktor: Die Angriffe treffen Russland in einer Phase, in der die Wirtschaft bereits unter erheblichem Druck steht. Der Krieg belastet den Staatshaushalt, hohe Zinsen bremsen Investitionen und Konsum, die Industrieproduktion außerhalb der Rüstung schwächelt und selbst russische Ökonomen warnen vor zunehmenden Risiken im Bankensektor. Die Ukraine versucht Druck auf ein System zu erhöhen, das bereits Risse zeigt. 

Offiziell begründet Kiew die Angriffe damit, dass über Wildberries auch Güter verkauft werden, die von der russischen Armee genutzt werden - etwa Drohnenkomponenten, Navigationsgeräte und Schutzwesten. Präsident Wolodymyr Selenskyj verweist außerdem auf russische Angriffe gegen die eigene Logistikinfrastruktur, insbesondere gegen den Paketdienstleister Nova Poshta. 

Ukrainische Vertreter nennen inzwischen offen weitere Ziele. Präsidentenberater Mychajlo Podoljak sagte, eine Schwächung von Wildberries könne die kreditgebenden Banken treffen, die Steuereinnahmen des Staates schmälern und zusätzlichen gesellschaftlichen Druck erzeugen. Die Angriffe sollten zugleich Menschen erreichen, "die sich aus der Politik heraushalten und einfach ihren Lebensunterhalt verdienen", und der russischen Elite zeigen, dass auch sie die Folgen des Krieges zu spüren bekomme. 

Für zahlreiche Händler auf der Plattform sind die Angriffe zu einer Existenzfrage geworden. Tausende verloren innerhalb weniger Minuten ihre eingelagerten Waren. Die Schäden werden auf  umgerechnet rund drei Milliarden Euro beziffert. Eine Verkäuferin berichtete, 4000 Pelzmäntel im Wert von mehr als 200.000 Euro seien in einem der Lager verbrannt. Andere sprechen von Warenbeständen, die über Jahre aufgebaut wurden und nun vollständig verloren seien. Da Wildberries Drohnenattacken kurz vor Beginn der Angriffswelle als "höhere Gewalt" einstufte, besteht kein rechtlicher Anspruch auf Entschädigung. 

Zwar kündigte Unternehmenschefin Tatjana Kim Hilfszahlungen für besonders betroffene Händler an. Viele Händler bezeichnen diese jedoch als unzureichend und fordern staatliche Unterstützung. Erschwert wird ihre Lage häufig durch Schulden. Schätzungen zufolge hangeln sich rund 60 Prozent der Verkäufer auf Wildberries von Kredit zu Kredit und müssen hohe Zinsen zahlen. Russische Banken bieten inzwischen zwar Umschuldungen und Zahlungsaufschübe an, die Regierung prüft Hilfen für betroffene Händler. Viele befürchten aber, dass auch das sie nicht retten wird. 

Expansion auf Pump

Problematisch ist die Lage auch für Wildberries selbst. Die Angriffe sorgen für Milliardenverluste. Nach russischen Schätzungen verlor Wildberries inzwischen fast ein Fünftel seiner Lagerkapazität. Hinzu kommen Kosten für Ersatzlager, den Wiederaufbau und den Umbau der gesamten Logistik.

Dabei ist Wilberries bereits hoch verschuldet. Der Konzern hatte den Boom des russischen Onlinehandels nach Beginn des Angriffskrieges für eine beispiellose Expansion genutzt. Er investierte Milliarden in neue Logistikzentren und baute sein Geschäft weit über den Onlinehandel hinaus aus.

2024 billigte Präsident Wladimir Putin persönlich die Fusion von Wildberries mit dem Außenwerbekonzern Russ. Dahinter stand ein ambitioniertes Projekt. Aus dem neuen Konzern sollte nicht nur ein internationaler E-Commerce-Anbieter entstehen, sondern auch ein eigenes Zahlungssystem, das Russland von dominierten Finanzstrukturen unabhängiger machen sollte.

Danach kaufte Wildberries unter anderem eine Kosmetikkette, einen Reiseveranstalter, Hotels in der Türkei und Ägypten, einen Flughafen in Inguschetien sowie Anteile an der usbekischen Post. Bis 2030 soll zudem der mit fast 400 Metern höchste Wolkenkratzer im Moskauer Geschäftsviertel entstehen. Finanziert wurde dieses Wachstum vor allem durch Pump. Innerhalb nur eines Jahres stiegen die kurzfristigen Verbindlichkeiten der wichtigsten Betreibergesellschaft von umgerechnet 1,1 Milliarden auf 8,6 Milliarden Euro. Hinzu kamen langfristige Schulden. Das Unternehmen räumte selbst ein, gegen Kreditauflagen verstoßen zu haben.

Nach Schätzungen könnte die Gesamtverschuldung inzwischen mehr als 14 Milliarden Euro betragen. Rund 5 Milliarden davon sollen allein auf die staatliche VTB-Bank entfallen. Gleichzeitig verfügt Wildberries nach Einschätzung des Analyseportals Riddle nur über geringe finanzielle Reserven, um eine länger anhaltende Krise ohne staatliche Hilfe zu überstehen.

Wildberries zählt zu den größten Kreditnehmern Russlands. Gerät der Konzern ins Wanken könnten Banken gezwungen sein, höhere Rückstellungen für ihre Kredite zu bilden und mögliche Verluste zu verkraften. Die Sberbank hat bereits angekündigt, die Risikovorsorge für Kredite an Online-Marktplätze zu überprüfen. Nach Einschätzung von Riddle würde eine Rettung von Wildberries und seinem Händlernetzwerk zudem den ohnehin knappen finanziellen Puffer des russischen Bankensystems weiter aufzehren.

Verbindungen zur Machtelite

Die wirtschaftliche Bedeutung von Wildberries ist jedoch nur ein Teil. In den vergangenen Jahren rückte der Konzern auch politisch immer näher an den Kreml heran. Personell bestehen enge Verbindungen zur Machtelite. Exilrussische Medien bringen Teile der Eigentümerstruktur mit dem Oligarchen Sulejman Kerimow sowie hochrangigen Beamten der Präsidialverwaltung in Verbindung. Unabhängig davon ist die finanzielle Verflechtung offensichtlich: In diesem Jahr übernahm die staatliche VTB fünf Prozent an der konzerneigenen WB Bank und vereinbarte eine strategische Partnerschaft mit Wildberries.

Ob die ukrainische Strategie tatsächlich eine Banken- oder gar Finanzkrise auslösen kann, bleibt allerdings offen. Wildberries gilt wegen seiner Größe als "too big to fail". Wahrscheinlicher ist, dass der russische Staat gemeinsam mit den Staatsbanken eingreift, um einen Zusammenbruch zu verhindern.

Aus ukrainischer Sicht könnte jedoch genau darin bereits der Erfolg liegen. Jede staatliche Rettungsmaßnahme kostet Geld, belastet den ohnehin angespannten Haushalt und vergrößert den finanziellen Druck auf ein Wirtschaftssystem, das bereits unter den Folgen des Krieges, hohen Zinsen und einer schwächelnden Konjunktur leidet. Eine unmittelbare Finanzkrise muss dafür gar nicht eintreten. Entscheidend ist aus Sicht Kiews, die wirtschaftlichen Kosten des Krieges für Russland weiter zu erhöhen. 

Quelle: ntv.de

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