Wirtschaft

Von London nach Paris? Hollande wirbt massiv um Finanzwirtschaft

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London ist bisher das unbestrittene Finanzzentrum Europas. Doch was passiert nach dem Brexit?

(Foto: REUTERS)

Die ersten Banken denken über die Verlegung von Arbeitsplätzen nach, auch andere Firmen könnten Großbritannien verlassen. Frankreichs Präsident Hollande kann sich Paris als neues Finanzzentrum vorstellen. Aber es gibt andere Bewerber.

Nach dem Brexit-Votum bringt Frankreichs Staatschef François Hollande Paris in Stellung, um London als wichtigsten Finanzplatz Europas zu beerben. "Wir müssen unsere Regeln, darunter die steuerlichen, anpassen, um den Finanzplatz Paris attraktiver zu machen", sagte Hollande der französischen Wirtschaftszeitung "Les Echos". Seinen Landsleuten stellte der Sozialist erneut Steuersenkungen im kommenden Jahr in Aussicht.

Da Großbritannien nach einem EU-Austritt "ein Drittstaat" werde, könnten in London ansässige Banken nicht mehr automatisch in der gesamten Eurozone operieren, sagte Hollande. Bislang habe Großbritannien auch als Nicht-Euro-Land bei Finanzgeschäfte in Europa von Ausnahmeregelungen profitiert. Nach einem Austritt aus der EU werde das "nicht mehr möglich sein".

"Es ist legitim und logisch, dass die französischen Banken sich folglich organisieren und vorbereiten", sagte Hollande der Zeitung. Es gehe nicht darum, britischen Investoren einen "roten Teppich auszurollen", beteuerte der Sozialist. "Aber Frankreich muss in der Lage sein, alle Talente und alle Investitionen zu empfangen."

Städte buhlen um Finanzwirtschaft

Paris hofft davon zu profitieren, dass Banken und Fonds bei einem Brexit ihre Geschäfte teilweise weg von der Londoner City auf das europäische Festland oder nach Irland verlagern dürften, um weiterhin den gleichen Zugang zum europäischen Markt zu haben. Allerdings hofft nicht nur die französische Hauptstadt auf ein Stück vom Finanzkuchen: Auch Frankfurt am Main, Standort der Europäischen Zentralbank (EZB), sowie Dublin und Luxemburg mit ihren liberalen Steuergesetzen könnten die Finanzbranche anlocken.

FDP-Chef Christian Lindner sieht dagegen den Finanzplatz Europa insgesamt in Gefahr. "Die Äußerung von Präsident Hollande zeigt, dass er kein Vertreter der Marktwirtschaft ist", sagte Lindner. Es sei "illusorisch" zu glauben, dass der Brexit ein Gewinn für Paris oder auch Frankfurt sei. "Es ist eher zu befürchten, dass die Standorte insgesamt geschwächt werden, dass der Finanzplatz Europa geschwächt wird, weil eher New York und Singapur profitieren könnten."

Der Brexit birgt aus Hollandes Sicht neben Chancen auch Gefahren für die französische Wirtschaft. Ein Austritt Großbritanniens aus der EU werde sich zwar vor allem in dem Land selbst auswirken, eine Rezession im Königreich könnte aber auch "ein Risiko für die Eurozone und Frankreich" bedeuten, sagte Hollande "Les Echos". Um diese Gefahr einzudämmen, müsse es eine "rasche und klare europäische Antwort" auf das britische Referendum der vergangenen Woche geben. "Je kürzer die Phase der Unsicherheit über den Platz Großbritanniens in Europa, umso begrenzter werden die Auswirkungen des Brexit sein", mahnte Hollande.

Hollande prognostiziert Erholung

Der französische Präsident prognostizierte für dieses Jahr eine bessere Wirtschaftsentwicklung als zunächst erwartet. Statt um 1,5 Prozent werde die französische Wirtschaft um 1,6 Prozent wachsen, wodurch mindestens 200.000 neue Jobs geschaffen werden könnten. "Es gibt durchaus eine Erholung in Frankreich und den Beginn einer Umkehr der Arbeitslosenkurve", sagte Hollande. Dies sei "ein unbestreitbarer Fakt".

Bei einer guten wirtschaftlichen Entwicklung stellte Hollande den Franzosen weitere Steuersenkungen in Aussicht: Sollte das Wirtschaftswachstum 2017 bei 1,7 Prozent liegen, seien Steuererleichterungen im Umfang von bis zu zwei Milliarden Euro möglich. Ihm schwebe eine "gezielte Maßnahme für die Mittelklasse" vor.

Quelle: n-tv.de, Fabian Erik Schlüter, AFP

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