Wirtschaft

Homeoffice für immer? Tech-Riesen machen Mitarbeiter zu Nomaden

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Ein Facebook-Mitarbeiter im Hauptquartier in Kalifornien. Die hälfte der Belegschaft soll künfitg zuhause bleiben. Der Facebook-Campus ist Kult, kostet aber auch Geld.

(Foto: REUTERS)

Rund 200.000 Beschäftige der Google-Mutter Alphabet sollen Corona-bedingt noch bis mindestens Ende Juni 2021 von Zuhause arbeiten. Im Silicon Valley könnte das Beispiel Schule machen: Facebook rechnet bereits die Vorteile einer dauerhaften Heimarbeit durch. Hat das Virus das Büro gekillt?

Während viele Arbeitgeber ihre Mitarbeiter - je nach nationaler und regionaler Pandemie-Lage - sukzessive wieder ins Büro bestellen, ist Google der erste Konzern aus dem Silicon Valley, der nun klar in die Verlängerung geht: Die Mutter Alphabet will ihre Mitarbeiter mindestens bis Ende Juni 2021 im Homeoffice behalten - sechs Monate länger als bisher geplant. Wie es aussieht, könnte die Entscheidung Schule machen. Facebook und Twitter sind auf bestem Weg, aus der Not- eine Dauerlösung zu machen.

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Alphabet-Chef Sundar Pichai will laut "Wall Street Journal" vor allem seinen Angestellten Planungssicherheit bei der Kinderbetreuung geben. Denn ob der Schulunterricht in den USA nach den Sommerferien wieder aufgenommen wird oder nicht, ist immer noch unklar. "Ich hoffe, (die Verlängerung) bietet Ihnen die Flexibilität, die Sie benötigen, um in den nächsten zwölf Monaten Arbeit und Familienleben in Einklang zu bringen", richtet er sich in einem Memo an seine Mitarbeiter. Die Ankündigung gilt für alle rund 200.000 Beschäftigten, weltweit. "Wir lernen immer noch viel aus unseren Erfahrungen mit der Arbeit von Zuhause und werden dieses Wissen für unseren Ansatz für die Zukunft der Arbeit bei Google nutzen", heißt es weiter.

Bei den IT-Riesen fällt die Bilanz der Heimarbeit in den vergangenen Monaten insgesamt positiv aus, scheint es. Die Corona-bedingte Umstellung auf Homeoffice hat geklappt, die Mitarbeiter haben vier Monate lang auch außerhalb ihrer Büros gut funktioniert - trotz gleichzeitiger Kinderbetreuung und anderer Ablenkungen. Die Ansage von Google verstärkt den Druck auf die Branche, ebenfalls eine weiterreichende Pandemie-Strategie zu formulieren und zu definieren, wie die Zukunft der Arbeit aussehen soll. Facebook und Twitter haben zwar noch keine Termine genannt, aber auch sie denken bereits längerfristig.

Mieten in San Francisco purzeln

Die Hälfte der Facebook-Mitarbeiter würde in den nächsten fünf bis zehn Jahren wohl von Zuhause arbeiten, prognostiziert Konzernchef Mark Zuckerberg. Twitter hat den Mitarbeitern freigestellt, wo sie in Zukunft arbeiten möchten. Wenn sie möchten, dürfen sie auf unbestimmte Zeit im Homeoffice bleiben. Es ist offensichtlich: Corona hat dem digitalen Nomadentum einen kräftigen Schub gegeben.

Die Aussicht, dass künftig immer mehr Menschen frei über den Arbeitsplatz entscheiden können, hat bereits Spuren auf dem Immobilienmarkt unweit des Silicon Valley hinterlassen. Ohne Präsenzzeiten lohnt es sich für die Beschäftigten, ins billigere Umland abzuwandern. Weil viele die Koffer gepackt haben, sind die Mieten in San Francisco, dem teuersten Wohnungsmarkt in den USA, deutlich gefallen - und der Wohnungsleerstand gestiegen.

Die Rechnung vieler, die ausgeschwärmt sind, um durch einen Umzug in ein billigeres Quartier mehr Geld in der Haushaltskasse zu haben, wird allerdings nicht aufgehen. Denn die Konzerne prüfen nicht nur die verschiedenen Arbeitsmodelle, sondern auch die Gehälter. Mehr Homeoffice bedeutet weniger Büros, die vorgehalten werden müssen, das birgt Spar-Potenzial. Facebook hat bereits klar zu verstehen gegeben, dass die Gehälter an die jeweiligen Lebenshaltungskosten angepasst werden. Für diejenigen, die aus Palo Alto oder anderen teuren Wohngegenden im Einzugsgebiet der Tech-Riesen wegziehen, bedeutet dies Lohnkürzungen.

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Wie Zuckerberg in einer Video-Botschaft mitteilte, will er damit ab Januar Ernst machen. Und er lässt keinen Zweifel daran, dass es für diejenigen, die beim Wohnsitz schummeln, "schwerwiegende Folgen" haben wird. Zur Rechtfertigung heißt es, bei Facebook gebe es seit jeher einen "marktorientiertem Ansatz für die Vergütung", je nachdem an welchem Standort gearbeitet werde. Diese Praxis werde auf Heimarbeiter ausgeweitet. Der Messaging-Dienst Slack hat solche Gehaltsanpassungen ebenfalls angekündigt.

Der Anreiz für Arbeitnehmer, von Zuhause zu arbeiten, könnte dadurch allerdings sinken. Ungleichheiten in der Bezahlung bei gleicher Arbeit sehen Arbeitsmarktexperten grundsätzlich kritisch. Dem einen Ingenieur für die gleiche Arbeit mehr zu zahlen, dem anderen weniger, sei "tückisch", zitiert das "Wall Street Journal" den MIT-Professor Thomas Kochan. Wohl auch deshalb könnte dem einen oder anderen das Büro auch noch in Zukunft ganz lieb bleiben.

Das Büro ist tot, es lebe das Büro

Außerdem lassen sich Erfahrungen mit dem Homeoffice nicht verallgemeinern. Die vergangenen vier Monate haben auch gezeigt: Häufig dauern die Projekte länger. Selbst das US-Startup Chef Robotics ließ kürzlich einen Termin platzen, weil die verstreuten Ingenieure aus dem Homeoffice heraus die Integration und das Testen von Software und Hardware nicht geschafft hatten. Einstellung, Einarbeitung und das Anlernen von Mitarbeitern gestalten sich ebenfalls zäher. Und auch die Entfremdung der Kollegen untereinander sowie die der Mitarbeiter zu den Vorgesetzten steht auf der Negativliste und ist der Arbeit nicht unbedingt zuträglich.

Auch die Erfahrungen der einzelnen Branchen unterscheiden sich. Finanzdienstleister zum Beispiel tun sich schwerer mit der Umstellung. "Im digitalen Zeitalter ist Geschwindigkeit der Schlüssel, und die Arbeit von Zuhause wird den Prozess verlangsamen", sagte Joseph Biasi, Analyst bei der Datenfirma CoStar. Die Jobs bei den Tech-Riesen eignen sich offenbar eher für Homeoffice. Auch Peter P. Kowalczuk, Präsident von Canon Solutions America, einer Tochter des Kopierer- und Kameraherstellers Canon, die in den USA etwa 15.000 Mitarbeiter beschäftigt, hat negative Erfahrungen gemacht. Die Beschäftigten dürfen selbst entscheiden, ob sie in ihre Büros zurückkehren möchten. Mittlerweile sind 50 Prozent wieder vor Ort. Viele seien der Sache müde, heißt es. "Wir sind ein persönliches Geschäft", sagt Kowalczuk dem "Wall Street Journal". "Ich glaube nicht, dass Büros tot sind."

Quelle: ntv.de