Wirtschaft

Fahrscheine ausgegangen In Caracas fährt die U-Bahn gratis

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Das Material für die Scheine mit dem Magnetstreifen muss im Ausland für Dollar gekauft werden.

(Foto: picture alliance/dpa)

Venezuela steckt in einer schweren wirtschaftlichen Krise: Die Inflation steigt rasant, die Preise schnellen in die Höhe. Doch für das U-Bahn-Fahren in der Hauptstadt müssen die Einwohner nichts bezahlen.

Die kleinen gelben Fahrscheine sind verschwunden, die Drehkreuze offen und an den Verkaufsschaltern steht kein Personal, sondern der Hinweis "Geschlossen". Wenn man die Treppe hinuntergeht, quietschen in den U-Bahn-Stationen die Bahnen bei der Einfahrt, Tausende Fahrgäste drängen sich in den Waggons.

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An den Kassen steht kein Personal.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Metro der venezolanischen Hauptstadt Caracas war bei ihrer Eröffnung 1983 als Massentransportmittel ein Vorbild in ganz Lateinamerika. Der sozialistische Präsident Nicolás Maduro hatte selbst einmal als Busfahrer einer Flotte in Caracas gearbeitet. Heute hat die Krise in Venezuela auch den öffentlichen Nahverkehr erreicht. Vier Bolívar - eine Summe, so klein, dass die Umrechnung kaum lohnt - kostet die Fahrt theoretisch. Aber die Passagiere fahren seit Monaten kostenlos - weil der Metro die Fahrscheine ausgegangen sind.

"Man sollte schon für die U-Bahn-Fahrt bezahlen müssen, aber wenn man die Kosten decken will, würden die Preise extrem steigen", sagt ein Fahrer, der anonym bleiben möchte. Denn das Material für die Tickets mit Magnetstreifen kaufe man in Dollar. Und die hat Venezuela kaum. Wegen Misswirtschaft, Korruption und des relativ niedrigen Ölpreises leidet das sozialistische Land seit Jahren unter einer schweren Wirtschafts- und Versorgungskrise.

Obwohl Venezuela über die größten bekannten Ölreserven der Welt verfügt, hungern immer mehr Menschen. Es fehlt an Lebensmitteln, Medikamenten und Dingen des täglichen Bedarfs. Der Internationale Währungsfonds ging im Juli von einer Inflation von einer Million Prozent bis Ende des Jahres aus. Auf dem Schwarzmarkt kostet der Dollar etwa 3,5 Millionen Bolívar - ein beispielloser wirtschaftlicher Niedergang.

Offene Türen während der Fahrt

Das zeigt sich auch im öffentlichen Nahverkehr. Busfahren ist vergleichsweise teuer geworden. Mittlerweile müssen die Menschen in Caracas um die 10.000 Bolívar für den Bus bezahlen, während die U-Bahn-Fahrt theoretisch ihren Preis beibehalten hat - der aber nicht berechnet wird, weil schlicht keine Tickets verkauft werden können.

Zwei Millionen Fahrgäste nutzen die öffentlichen Verkehrsmittel in Caracas täglich. 38 U-Bahnen funktionieren derzeit noch, die längste Linie hat 22 Stationen und verbindet mit einer mehr als 20 Kilometer langen Strecke den Westen mit dem Osten der Millionenmetropole. Außerdem gibt es Seilbahnen und Busse, die auch weiter abgelegene Gegenden und Berghänge erreichen. Seitdem Ersatzteile, Motoröl, Reifen und Batterien knapp sind, fahren aber auch Tausende Busse nicht mehr. Zwischen 1987 und 2010 investierte der Staat immerhin mehr als 5 Milliarden Dollar (etwa 4,3 Milliarden Euro), um das Netz aufzubauen.

Doch der Zustand der Metro hat sich rapide verschlechtert, wie Nora Bracho, eine Abgeordnete der Nationalversammlung, kürzlich kritisierte: Verspätungen, ständige technische Probleme, schlechte Wartung, keine Klimaanlagen, kaum Sicherheit. "Die Rolltreppen sind kaputt, es gibt keine Wartung. Bei einigen Waggons stehen während der Fahrt die Türen offen", sagte sie. Auch Diebstähle und Raubüberfälle gebe es immer häufiger. "Die U-Bahn war mal ein Vorbild in Lateinamerika, aber jetzt ist sie ein Opfer dessen, was die Regierung anstellt."

Quelle: n-tv.de, Néstor Rojas Mavares und Antje Müller, dpa

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