Wirtschaft

China, Tracing-Apps und Big Data Ist Corona Pekings Einfallstor nach Europa?

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Eine Anwohnerin von Wuhan scannt einen Gesundheits-QR-Code am Eingang zu ihrer Gemeinde. Im Ursprungsort der Pandemie müssen Bewohner einen grünen Code nachweisen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Peking inszeniert sich im Westen als Retter in der Corona-Krise. In Italien war die "Masken-Diplomatie" bereits erfolgreich. Werden auch Corona-Apps "made in China" Einzug in Europa halten? "China hat aus verschiedenen Gründen einen Vorteil", sagt China-Experte von Carnap vom Thinktank Merics.

ntv.de: Statt mit Impfungen und Medikamenten kämpft die Welt mit neuen Technologien gegen das Corona-Virus. Welche Bedeutung hat die Pandemie für die digitale Entwicklung, für Künstliche Intelligenz und Big Data?

Kai von Carnap: Für viele dieser Technologien, die den öffentlichen Raum und das öffentliche Leben betreffen, ist das gerade ein großer Quantensprung. Das sind Programme, die unmittelbar mit der Bekämpfung des Virus zu tun haben, aber auch Technologien, die sich mit den Nebenschauplätzen wie Homeoffice oder Video-Calls beschäftigen. Ich glaube, dass Corona einige Bereiche der digitalen Entwicklung weltweit um ein paar Jahre beschleunigt hat.

Weil das Virus in China zuerst ausgebrochen ist, wurden hier auch die ersten Corona-Apps getestet. Hat China bei der digitalen Entwicklung im Moment die Nase vorn?

China ist in diesem Punkt auf jeden Fall ein Paradebeispiel. Das Land bietet aus vielen Gründen Vorteile, um gewisse KI- und Big-Data-Projekte mit einer Extra-Geschwindigkeit nach vorne zu bringen. Das liegt zum einen an einer großen Nutzerbasis, die auf relativ schwachen Datenschutz trifft. Aber auch daran, dass China generell ein sehr innovatives und umkämpftes Startup-Umfeld für Tech-Unternehmen ist. Neue Produkte werden sehr schnell auf den Markt gebracht, dort aufgenommen und von Unternehmen angepasst. China hat also aus verschiedenen Gründen einen Vorteil.

Die Technologie im Kampf gegen Corona hat das nach vorn gebracht.

Das Tracking von Mobiltelefonen durch QR-Code Apps scheint das perfekte Werkzeug im Kampf gegen die Virusausbreitung zu sein. Anhand der mobilen Handydaten können die Bewegungen von Individuen, aber auch die von großen Gruppen nachvollzogen werden. So lässt sich vorhersagen, wo sich das Virus als Nächstes ausbreiten wird. Entsprechend können Maßnahmen ergriffen werden.

Gab es so etwas Ähnliches schon vorher?

Es gibt verschiedene amerikanische Ansätze, die über das Analysieren von Online-Nachrichten vorhersagen wollen, wo ein neuer Problemherd entsteht oder wo Symptome weitläufig gemeldet werden, die der internationalen Gemeinschaft vielleicht nicht aufgefallen sind. Einen Ansatz wie jetzt in China gab es aber noch nicht.

Welche Unternehmen stecken hinter dieser Technologie?

Maßgeblich damit befasst sind die drei großen chinesischen Telekomanbieter China Mobile, China Telecom und China Unicom. Anfang Februar haben sie den Behörden ihre Datenbanken zur Verfügung gestellt, sodass diese das Bewegungsprofil von Handynummern jeweils einem Individuum und einer ID zuordnen konnten. Es gibt aber auch andere Anbieter, wie Alibaba und Tencent, die die Daten ihrer sozialen Netzwerk-Accounts nutzen. Vielerorts hat diese Technologie dazu beigetragen, dass Papiernachweise überflüssig geworden sind und Temperaturen nicht mehr gemessen wurden. Stattdessen werden Handy-Tracks abgefragt, um nachzuweisen, ob jemand Corona hat oder nicht. Das sind tiefgreifende Veränderungen, hinter denen auch ein großes Selbstbewusstsein steckt: nämlich die Annahme, dass diese Systeme so gut funktionieren, dass man andere Maßnahmen nicht mehr benötigt.

Ein technologischer Quantensprung, maximale Leistung in maximal kurzer Zeit. Das klingt doch erstmal großartig?

Es ist ein Quantensprung, wenn es langfristig funktioniert. Wie es scheint, funktioniert es zumindest gut genug, um das öffentliche Leben für den Moment wieder anzukurbeln. Daten-Apps sind definitiv ein Teil dieser Entwicklung. Ob das eine langfristige Möglichkeit ist, steht allerdings auf einem anderen Blatt. Da geht es zum einen um die sozialen Folgen solcher allentscheidenden QR-Codes, wie mögliche Diskriminierung und Stigmatisierung, die damit bereits jetzt in China einhergeht. Zum anderen wissen wir nicht, mit welcher Fehlerquote solche Apps ihre Urteile fällen. Ob es ausreicht, das Bewegungsprofil einer Person in den vergangenen 14 Tage zu überprüfen - um sicherzugehen, dass eine Person nicht in einem Gefahrengebiete war oder mit einer infizierten Person Kontakt hatte - sowie freiwillige Angaben zum eigenen Gesundheitszustand abzufragen, um die Wahrscheinlichkeit einer Corona-Infektion vorherzusagen, ist unklar. Aber hier liegt das Problem: Die Algorithmen sind nicht transparent genug. Wir wissen eben nicht genau, wie das Urteil zustandekommt, das darüber entscheidet, ob jemand in die U-Bahn, in seinen Gebäudekomplex oder den Supermarkt gelassen wird oder nicht.

Wir sprechen über verschiedene Apps, die es nebeneinander gibt …

Das kommt noch hinzu. Es gibt viele zum Teil konkurrierende Apps. Neben einem nationalen Projekt haben Stadt- und Provinzregierungen eigene Apps. Es gibt auch Privatunternehmen, wie zum Beispiel Alibaba, die Apps herausgebracht haben, die zum Beispiel Schulen und privaten Unternehmen die Wiederaufnahme des Betriebs ermöglichen sollen.

Es kann also passieren, dass mein Gesundheitszustand auf den verschiedenen Apps unterschiedlich ausfällt? Mal bin ich im grünen, mal im roten Bereich?

Theoretisch wäre das möglich, weil die Apps zum Teil auf unterschiedlichen Daten beruhen oder verschiedene Algorithmen einsetzen und dadurch verschiedene Ergebnisse und Codes ausweisen.

Wirklich 100 Prozent zuverlässig ist diese Technologie also nicht.

Ich gehe nicht davon aus. Der Schaden, der dadurch entsteht - Neuinfektionen, Stigmatisierung, fälschlich verordnete Quarantäne, et cetera - muss nur kleiner sein als der wirtschaftliche Schaden, der entstehen würde, wenn ein vollkommener Lockdown wegen Corona fortgeführt würde. Absolut zuverlässig lassen sich die Apps nicht gestalten. Unabhängig von der wenig getesteten Technologie kommen in China auch noch andere Unsicherheiten hinzu: So besitzen zum Beispiel nicht alle Chinesen internetfähige Handys. Außerdem sind jüngst rund 21 Millionen Handykonten im Rahmen der Bereinigung der Telekomdaten verschwunden. Auch deshalb stellt sich die Frage, inwiefern man sich von heute auf morgen auf diese Daten verlassen sollte.

Ist der technologische Stand in Europa oder den USA mit dem in China zu vergleichen?

Das kommt ganz auf den Bereich an. Insbesondere was Gesichtserkennung angeht, sind Europa oder die Vereinigten Staaten nicht auf Augenhöhe mit China. Das wohl fortschrittlichste amerikanische Unternehmen ClearView steht sehr stark in der Kritik, weswegen es wahrscheinlich seine Dienste so auch nicht mehr weiter anbieten kann. Ein Bericht der "New York Times" hat gezeigt, dass ClearView Milliarden an Social-Media-Fotos ohne Einwilligung der User in einer Datenbank gespeichert hatte, mit der jetzt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit jedes Gesicht einer Person zugeordnet werden kann. Auf der chinesischen Seite gibt es Face++ und Sensetime, deren Technologie seit vielen Jahren zur Überwachung, unter anderem von Minderheiten, angewendet und getestet wurde. Die chinesischen Unternehmen haben auf jeden Fall einige Jahre Vorsprung bei diesen Technologien, die wir weder so nutzen konnten noch auf diese Weise nutzen wollten. Die deutsche Corona-Datenspende-App auf der Smartwatch oder Fitnessarmbändern orientiert sich nur oberflächlich an dem chinesischen Grundmodell. Es wird keine Wahrscheinlichkeit berechnet, ob jemand infiziert ist oder nicht. Stattdessen wird über Bluetooth gewarnt, ob man sich in der Nähe einer infizierten Person aufgehalten hat.

Peking inszeniert sich in der Corona-Krise als Retter und schmiedet Allianzen in Europa. Italien und Frankreich sind dankbar für die Hilfe, zum Beispiel in Form von Atemmasken. Sind die Pandemie und der Streit unter den europäischen Staaten über die Aufarbeitung der Krise möglicherweise ein Einfallstor für die chinesische Tracking-Technologie?

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Kai von Carnap ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Berliner Thinktank Merics. Zu seinen Schwerpunkten zählen technische Trends sowie die digitale Entwicklung Chinas.

Ich glaube, dass es bei diesen Verbindungen, die gerade entstehen oder verstärkt werden zwischen China auf der einen und Italien, Frankreich, oder zum Beispiel Serbien auf der anderen Seite, vor allem um medizinische Ausrüstung geht - nicht primär um Hightech. China will sein Image aufpolieren und bilaterale Partnerschaften stärken. In dem Zusammenhang ist auch der Begriff "mask diplomacy" aufgekommen, weil China da sehr strategisch vorgeht. Einen Zusammenhang zu technologischen Kooperationen sehe ich da noch nicht. Andererseits muss man aber natürlich auch sehen, dass vor allem Huawei in Europa bereits relativ viel Einfluss hat, was digitale Infrastrukturprojekte angeht. Insofern ist es durchaus vorstellbar, dass in Zukunft auch zu solchen Projekten kommen könnte, die dann von manchen Mitgliedstaaten - wegen der Unterstützung in der Krise - weniger kritisch hingenommen werden dürften.

Sie sehen hinter den Allianzen eine Strategie. Was befürchten Sie?

Wenn Peking es wirklich schafft, in verschiedenen datenschutzrechtlichen Fragen und in Fragen der europäischen Zusammenarbeit Mitgliedstaaten auf seine Seite zu ziehen und Europa zu spalten - und ich kann da nur empfehlen, sich nochmal den EU-Anwärter Serbien anzuschauen - dann ist das bestimmt nicht förderlich. Weder für den Datenschutz noch für die Innovationskraft in Europa. Letztlich müssen wir uns also bei diesen Technologien, über die wir hier sprechen, auch die Frage stellen, wie sehr wir sie haben wollen, ob man chinesische Modelle als Vorbild nehmen kann und ob man sich von China abhängig machen möchte. Hier gilt es abzuwägen.

Mit Kai von Carnap sprach Diana Dittmer

Quelle: ntv.de