Wirtschaft

Antibiotikaresistente Keime Jedes zweite Billig-Hähnchen ist belastet

Vor dem Kauf von billigem Hähnchenfleisch beim Discounter sollten Verbraucher zweimal überlegen. Eine Stichprobe der Organisation Germanwatch zeigt, dass mehr als die Hälfte der Hähnchen mit Keimen infiziert sind, gegen die Antibiotika nicht mehr wirken.

Laut einer Untersuchung ist ein Großteil des bei Discountern angebotenen Hähnchenfleisches mit antibiotikaresistenten Keimen belastet. Für die Analyse ließ die Umwelt- und Verbraucherschutzorganisation Germanwatch 59 Proben der Marktführer Lidl, Aldi (Nord und Süd), Penny, Netto und Real im Labor für pharmazeutische Mikrobiologie der Universität Greifswald untersuchen.

Die Ergebnisse zeigen, dass mehr als die Hälfte der tiefgekühlten oder aus dem Kühlregal stammenden ganzen Hähnchen, Filets, Schnitzel, Ministeaks, Schenkel und Flügel mit Keimen belastet waren. Unter den Fleischproben wurden in 56 Prozent der Fälle Keime gefunden, gegen die herkömmliche Antibiotika wirkungslos sind. Mehr als jede dritte Probe wies Resistenzen gegen Reserveantibiotika auf. Das ist besonders gravierend, da Reserveantibiotika als letztes Mittel eingesetzt werden, wenn herkömmliche Antibiotika gegen infektiöse Krankheiten nicht mehr wirken. Bei 20 Prozent der untersuchten Proben stellten die Wissenschaftler sogar mehrfache Resistenzen fest.

Öko-Fleisch nicht betroffen

Keiner der Supermarktkonzerne verkaufte ausschließlich unbelastetes Hähnchenfleisch. Penny schnitt am schlechtesten ab: Ganze 80 Prozent der Proben waren belastet. Aldi folgt mit 75 Prozent, Netto mit über 50 Prozent und Real sowie Lidl mit 30 Prozent. Die Proben stammten alle von den vier umsatzstärksten Unternehmen im Geflügelsektor: der PHW-Gruppe, der Plukon Deutschland, der Sprehe-Gruppe und der Rothkötter-Gruppe. Auf Anfrage von "Spiegel Online" beteuerte der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft, dass Antibiotika "ausschließlich bei medizinischer Notwendigkeit und somit nach tierärztlicher Diagnose und Verschreibung" verabreicht würden.

Elf Testproben von handwerklichen Schlachtereien zeigten dagegen wesentlich bessere Ergebnisse: Nur einmal wurde ein Keim gefunden. Die sechs getesteten Öko-Hähnchenfleischproben waren sogar komplett frei von antibiotikaresistenten Keimen. Repräsentative Stichproben, die das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit im Jahr 2016 veröffentlichte, lieferten ähnliche Ergebnisse: Konventionelle Hähnchen waren wesentlich häufiger kontaminiert als Bioprodukte.

*Datenschutz

Gerd Ludwig Meyer, Facharzt für Innere Medizin in Nienburg/Weser, warnt laut Germanwatch vor den gravierenden Folgen nicht nur durch den Konsum keimbelasteten Fleisches: "Menschen können sich antibiotikaresistente Keime aus Massentierhaltungen unter anderem über Lebensmittel oder über die Ausdünstungen aus Tierfabriken einfangen", so Meyer. "Die Resistenzraten werden erst dann sinken, wenn die Bundesregierung ihrer Sorgfaltspflicht endlich nachkommt und Tierärzten verbietet, die Folgen der katastrophalen Haltungsbedingungen und der Turbozucht in der Billigfleisch- und Billigmilcherzeugung mit dem Verschreiben von Antibiotika zu kompensieren." Die gesundheitlichen Risiken dieser hohen Keimbelastung sind enorm: Jedes Jahr sterben laut Robert-Koch-Institut in Deutschland 4000 Menschen an Infektionen mit antibiotikaresistenten Keimen. Weltweit sind es 700.000.

Antibiotika-Einsatz in Deutschland höher als in EU-Nachbarstaaten

Hähnchenfleisch aus Deutschland weist mit 98 Milligramm pro Kilogramm fast doppelt so viele Keime auf wie jenes aus Dänemark, Großbritannien und Österreich. Da Deutschland im letzten Jahr eine Million Tonnen Hähnchenfleisch ins Ausland exportiert hat, betreffen die gesundheitlichen Risiken nicht nur deutsche Konsumenten.

Für die hohe Keimbelastung macht Reinhild Benning, Agrarexpertin bei Germanwatch, die Regierung verantwortlich: "Unsere Stichproben zeigen alarmierend hohe Resistenzraten auf Hähnchenfleisch. Dies spricht dafür, dass die Bundesregierung bei der Bekämpfung von Antibiotikaresistenzen aus Massentierhaltungen bisher versagt." Benning kritisiert vor allem die schwachen Auflagen zum Einsatz von Reserveantibiotika und die nur lückenhafte Erfassung des tatsächlichen Antibiotikaverbrauchs durch die Regierung: "Dies öffnet Hintertüren für den Missbrauch von Antibiotika in industriellen Tierhaltungen in Deutschland."

Quelle: n-tv.de

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