Wirtschaft

Ende einer Branche?KI-Agenten verbreiten Angst unter Softwareentwicklern

10.05.2026, 10:13 Uhr 1BDC0A78-8807-4659-9138-A3CB87EC1676Von Gregor Rittelmeyer
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KI-Agenten können Aufgaben ohne menschliche Aufsicht erledigen. (Foto: picture alliance / NurPhoto)

Bereits im Februar verlieren etablierte Softwarefirmen nach einer Präsentation des KI-Entwicklers Anthropic knapp 300 Milliarden Dollar an Marktwert. Nun präsentiert das Unternehmen neue Finanz-Agenten. Investmentbanken stehen Schlange, Softwarefirmen sehen schwarz.

Der KI-Entwickler Anthropic hat gemeinsam mit der US-Großbank JP Morgan zehn neue KI-Agenten für die Finanzbranche vorgestellt. KI-Agenten sind Softwaresysteme, die Aufgaben selbst ausführen, anstatt nur auf Anfragen zu antworten und damit keine ständige menschliche Aufsicht benötigen. Die neuen Finanzagenten von Anthropic sollen schon bald komplexe Arbeitsabläufe in der Bank wie die Erstellung von Präsentationsunterlagen, Bilanzprüfungen oder das Verfassen von Kreditberichten weitgehend autonom erledigen.

"Wir haben viele Mitarbeiter und Hunderte von Anwendungsfällen - von Risikomanagement über Betrugsbekämpfung bis hin zu Marketing, Design und Dokumentenprüfung - um mit dem Programm zu arbeiten", verkündete JP Morgan-Chef Jamie Dimon. "Und das ist erst der Anfang!". Mehrere weitere Großbanken wie Goldman Sachs, Citadel oder Blackrock haben bereits Interesse an den neuen KI-Agenten angemeldet.

Untergangsstimmung bei Softwareentwicklern

Viele etablierte Softwareentwickler sehen hingegen Schwarz. Sie befürchten, dass KI-Software die bisherige Servicesoftware (SaaS) nutzt und damit ihr langjähriges Geschäftsmodell zerstört. Denn bislang kaufen die Kunden von den Softwareentwicklern einzelne Lizenzen, damit menschliche Nutzer die SaaS bedienen können. Wenn die KI-Agenten die SaaS direkt bedienen, können sie ganze Aufgabenketten über mehrere Programme erledigen, wofür Unternehmen bisher mehrere Mitarbeiter und Lizenzen benötigen. Arbeitsaufwand und die Kosten für die teuren SaaS-Lizenzen würden durch die KI-Agenten deutlich gesenkt. Das gilt nicht nur für Banken, sondern für alle Arten von Unternehmen, die die SaaS nutzen.

Die Aktien des Softwareanbieters FactSet Research Systems - dessen Programme die Arbeit in vielen Banken bisher ermöglichten - stürzten unmittelbar nach der Ankündigung von Anthropic um bis zu 8,1 Prozent ab. Die Aktien von SAP und dessen US-Konkurrent Salesforce befinden sich schon seit Längerem auf dem Sinkflug und machen die Entwicklung neuer KI-Systeme dafür mitverantwortlich. Aber auch andere Finanzanalyse-Unternehmen wie Morningstar sind davon betroffen und verzeichneten nach der Anthropic-Präsentation einen deutlichen Verlust von drei Prozent. Viele Analysten werten die jüngste Reaktion an den Börsen als Signal, dass die ganze Branche von klassischen Softwaredienstleistern durch neue KI-Programme grundsätzlich infrage gestellt wird.

Schon im Februar hat der Sektor innerhalb einer Woche 300 Milliarden US-Dollar Marktwert verloren, weil Investoren viele Aktien aus ihren Portfolios abstießen, nachdem Anthropic "Agent Teams" präsentiert hatte. Viele Arbeiten, für die bislang ein Mensch benötigt wird, der die Bedienung der komplexen Softwares zunächst erlernen muss, ehe er die Arbeit überhaupt erledigen kann, konnten die Programme bei ihrer Präsentation bereits von allein erledigen.

Der KI-Unternehmer Matt Shumer warnte anschließend, dass viele Jobs mit SaaS-Anwendungen künftig gefährdet seien. In der Branche herrscht daher Untergangsstimmung, in vielen Posts wird mit dem Begriff "SaaS-pocalypse" darauf angespielt.

Experte: Aktien nicht sofort verkaufen

Mehrere Experten raten Anlegern dennoch, nicht überhastet zu reagieren und entsprechende Aktien aus dem Portfolio nicht direkt abzustoßen. Denn noch sind solche KI-Agenten in der Praxis nicht verbreitet. Zudem sind die etablierten Programme den neuen Agenten in einem wichtigen Punkt überlegen: Die KI-Programme basieren und arbeiten nur mit öffentlich zugänglichen Daten. Große Softwareunternehmen nutzen hingegen deutlich ausführlichere und geschützte Datensätze, auf die die KI keinen Zugriff hat, sagt Luke McMillan, Analyst bei Ophir Asset Management in Sydney.

Seiner Einschätzung zufolge könnten viele Softwareunternehmen sogar von der Entwicklung profitieren, wenn sie selbst die KI in die bestehenden Softwares integrieren. "Es wird einige Softwareunternehmen geben, die KI in ihre Geschäftsmodelle integrieren werden und diese damit noch weiter verbessern", so der Experte.

Quelle: ntv.de

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