Belohnung für BeschäftigteKommt die digitale Trinkgeldabfrage im Einzelhandel?

Die digitale Trinkgeldabfrage ist in der Gastronomie weitverbreitet. Wird sich dieser Trend auch in anderen Bereichen, wie dem Einzelhandel, fortsetzen? Aus Kundensicht ist die Meinung dazu eindeutig.
"Möchten Sie ein Trinkgeld geben?" Diese Frage erscheint auf dem Bildschirm des Kartenlesegeräts. Darunter die Vorschläge: 3, 5 und 7 Prozent, oder mehr. In Restaurants und Cafés ist digitales Trinkgeld weitverbreitet. Und bald auch im Einzelhandel? Rolf Pangels, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands für Textil, Schuhe und Lederwaren, hält es für möglich, dass sich der Trend auch im Modehandel ausweitet. "Wer freundlich ist und gut berät, sollte belohnt werden", findet er.
Angestellte holten passende Größen aus dem Lager, zeigten alternative Modelle und gäben Pflegehinweise. Die Trinkgeldabfrage könne sich angesichts moderner Zahlungsterminals und der wachsenden Bedeutung persönlicher Beratung etablieren. Zudem könne sie als Instrument zur Mitarbeiterbindung dienen. Pangels zufolge gibt es bislang nur einzelne Fälle. "Wir wissen, dass einige Unternehmen, auch aus dem Bekleidungsbereich, derzeit mit dem Thema experimentieren, um ein grundsätzliches Feedback der Kunden zu erhalten und die Verkäuferinnen und Verkäufer zu sensibilisieren." Namen nannte er nicht.
In Geschäften der Schuhhandelsketten Aktiv Schuh und Shoe City werden Kunden bei der Kartenzahlung seit kurzem Trinkgeldvorschläge angezeigt. "Wir haben uns darüber Gedanken gemacht, welche Möglichkeiten es gibt, die Rahmenbedingungen in unserer Branche zu optimieren", sagte der Geschäftsführer der AS-Gruppe, Marc Leinweber, im April RTL. Das Trinkgeld werde unter allen Beschäftigten verteilt.
Einige Modehändler setzten auf eine andere Form der Belohnung für Beratung: Provisionen. Wird ein Artikel verkauft, erhalten Verkäufer einen festen Anteil am Kaufpreis. Einzelne Händler, nicht nur im Bereich Bekleidung, verlangen eine Beratungsgebühr. So soll verhindert werden, dass Kunden Beratung im Geschäft nutzen und anschließend anderswo kaufen.
Kunden nicht begeistert
Was Kunden von digitalen Trinkgeldabfragen im Einzelhandel halten, zeigt eine repräsentative YouGov-Umfrage: Nur 27 Prozent wären bereit, etwa für gute Beratung in Mode-, Schuh- oder anderen Geschäften ein Trinkgeld zu geben. 19 Prozent bis zu 5 Prozent des Einkaufswertes, 5 Prozent 6 bis 8 Prozent, 2 Prozent 9 bis 12 Prozent, ein Prozent mehr. Zwei Drittel der Befragten können sich dies nicht vorstellen. Jüngere stehen digitalem Trinkgeld aufgeschlossener gegenüber. YouGov befragte dazu im Juli mehr als 2000 Menschen.
Verdi-Bundesvorstandsmitglied Silke Zimmer kritisiert die neue Trinkgeldpraxis. "Tariflöhne sind das Mittel der Wahl, um verlässliche, armutsfeste Entgelte abzusichern. Dass Trinkgelder wie Almosen auf die Kundschaft abgewälzt werden, während riesige, zentralistisch geführte Handelskonzerne Billiglöhne zahlen, ist nicht hinnehmbar." Dass Arbeitgeber sich auf Trinkgeldzahlungen beriefen und sich ihrer sozialen Verantwortung entzögen, sei nicht akzeptabel.
Stefanie Kahnert von der Verbraucherzentrale Brandenburg warnt vor sozialem Druck. "Eine Trinkgeldabfrage im Schuhgeschäft dürfte für viele besonders überraschend sein." Kunden könnten sich bedrängt fühlen. Rechtlich angreifbar seien die Abfragen, wenn die Darstellung am Kartenzahlungsgerät unklar sei, die Ablehnung erschwert werde oder der Eindruck entstehe, Trinkgeld sei verpflichtend.
Begrenzte Akzeptanz
In anderen Einzelhandelsbranchen ist digitales Trinkgeld derzeit kaum ein Thema. Das zeigt eine dpa-Umfrage bei mehreren Unternehmen wie Galeria, Bauhaus, Deichmann und H&M. "Soweit uns bekannt ist, planen große Handelsketten derzeit keine flächendeckende Einführung von Trinkgeldabfragen", sagt Ulrich Binnebößel, Experte für Zahlungsverkehr beim Handelsverband Deutschland. Er sieht bislang allenfalls Einzelfälle. Noch lasse sich nicht abschätzen, ob sich daraus ein Trend entwickeln werde. Bei großen Handelsketten - etwa Supermärkten oder Discountern - seien die Prozesse auf Geschwindigkeit optimiert. Eine Trinkgeldabfrage sei dort nicht förderlich, so Binnebößel. Eher akzeptiert würde digitales Trinkgeld dort, wo ein individueller Service mit dem Kauf verbunden sei.
Im Mittelpunkt stehe der Wunsch, Beratungs- und Serviceleistungen stärker zu honorieren, sagt Handelsexperte Kai Hudetz vom Handelsforschungsinstitut IFH Köln. Einen breiten Trend sieht auch er im Einzelhandel nicht. "Konsumenten sind hier nicht an Trinkgeldzahlungen gewöhnt und erwarten sie in der Regel auch nicht. Entsprechend dürfte die Akzeptanz begrenzt bleiben."
Nach Angaben der Zahlungsdienstleister Payone und Sumup ist die Trinkgeldfunktion bei der Kartenzahlung vor allem in der Gastronomie, der Hotellerie, bei Taxifahrten, Friseuren, Nagelstudios, Lieferdiensten und Bäckereien üblich. In Einzelhandelsgeschäften komme sie seltener zum Einsatz. Unternehmen können an ihren Terminals einstellen, ob Kunden nach Trinkgeld gefragt werden.
Üblich bei Lebensmittelservices
Bei Lebensmittellieferservices sind Trinkgelder längst üblich. Bei Picnic ist seit kurzem eine entsprechende Funktion in die App integriert, bei Rewe ist das nicht der Fall, Trinkgeld ist aber trotzdem möglich. Auch bei Lieferdiensten wie Lieferando können Kunden dem Fahrer Trinkgeld geben - bar oder digital.
In der Gastronomie haben sich Trinkgeldabfragen inzwischen etabliert, besonders beliebt sind sie aber nicht. Laut einer im Dezember durchgeführten YouGov-Umfrage geben 21 Prozent deswegen weniger Trinkgeld. 6 Prozent mehr, 37 Prozent etwa gleich viel. Die übrigen machten keine Angabe.