Wirtschaft

Neuer Partner für Air Berlin "Lufthansa pickt sich Rosinen raus"

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Lufthansa und Air Berlin werden künftig zusammenarbeiten.

(Foto: imago/Ralph Peters)

Air Berlin hat einen neuen Gefährten an seiner Seite. Der ehemalige Chef von Lufthansa-Tochter Eurowings übernimmt den Führungsposten bei Air Berlin und löst nach nur zwei Jahren den bisherigen Chef Stefan Pichler ab. Für die angeschlagene Fluglinie mit derzeit einer Milliarde Euro Schulden bedeutet die Personalie eine engere Anbindung an Lufthansa. Zudem übernimmt Lufthansa 38 Mittelstreckenjets inklusive Besatzung von Air Berlin. Bisher waren Air-Berlin-Großaktionär Etihad und Lufthansa die stärksten Konkurrenten in Deutschland. Im Interview mit n-tv.de erklärt Luftfahrtanalyst Michael Gierse von Union Investment die neue Kooperation und mögliche Folgen.

n-tv.de: Ex-Lufthansa-Boss Thomas Winkelmann ist der neue Chef von Air Berlin. Welche Veränderungen muss er bei der angeschlagenen Fluglinie vornehmen?

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"Winkelmann muss radikale Schritte gehen", sagt Michael Gierse.

(Foto: Union Investment)

Michael Gierse: Winkelmann muss nun die radikalsten Schritte gehen, die das Unternehmen je erlebt hat. Er ist mittlerweile der vierte Vorstandsvorsitzende bei Air Berlin nach dem Abgang des Firmengründers. Seine Vorgänger sind alle mit dem Ziel angetreten, die Kosten zu senken. Das hat jedoch keiner geschafft. Stattdessen sind die Kosten und damit die Verluste weiter gestiegen. Pichler hatte bereits einige Veränderungen in die Wege geleitet, die nun weitergeführt werden müssen. Winkelmann muss daher den Rest von Air Berlin auf einen profitablen Sockel stellen.

Wird ihm das gelingen?

Wenn ich mir die Bilanz von Air Berlin anschaue, sehe ich ein negatives Eigenkapital im Milliardenbereich. Hinzu kommen 400 Millionen an immateriellen Vermögensgegenständen, die eigentlich nichts wert sind.  

Wird es zu einer Fusion kommen?

Eine Übernahme ist allein aufgrund der schlechten Bilanz unmöglich. Eine komplette Übernahme der Air Berlin durch Lufthansa wird es nicht geben. Etihad hat schon einige Teile von Air Berlin gekauft. Aber die Zeiten der Notoperationen sind vorbei. Stattdessen wird sich Lufthansa die Rosinen rauspicken. Die Air-Berlin-Aktionäre müssen dann mit der übrigen Hülle zurechtkommen.

Welche Rosinen hat Air Berlin zu bieten?

Air Berlin bedient hauptsächlich die Märkte rund um Berlin und Düsseldorf. Berlin ist im Langestreckenbereich eher uninteressant für Lufthansa, aber Düsseldorf als Standort bleibt spannend. Dort gibt es das größte und attraktivste Einzugsgebiet für einen Flughafen. Dieses Potential könnte sich Lufthansa einverleiben.

Welche Motive verfolgt Lufthansa mit dem Einstieg bei Air Berlin?

Wenn Air Berlin plötzlich wegbrechen würde, gäbe es sofort freie Flugkapazitäten, die sich Wettbewerber wie Ryanair und Easyjet zu eigen machen könnten. Das könnte der Deal zwischen Lufthansa und Air Berlin verhindern.

Die Lufthansa soll Medienberichten zufolge die Langstreckensparte von Air Berlin übernehmen. Wie realistisch ist das?

Es wäre eine gute Idee, Eurowings und Air Berlin zusammenzulegen, denn beide basieren auf demselben Maschinentyp. Die Langstrecke von Air Berlin hat zwei Zwecke: Zum einen wird das Drehkreuz Abu Dhabi von Etihad bedient und zum anderen wollen sie weiterhin Ziele wie Thailand oder die Dominikanische Republik ansteuern.

Wie sinnvoll ist eine Verflechtung mit Lufthansa für Air Berlin?

Wenn man ein Unternehmen von Grund auf aufbauen würde, würde man das nicht so machen. Hinter dem Namen Eurowings stecken künftig neun verschiedene Fluggesellschaften. Das ist eine Behelfskonstruktion, um möglichst schnell zu wachsen. Daher nehmen die Konzerne jeden Deal mit. So werden die Gewerkschaften und der Wettbewerb umgangen. Was jahrelang verzögert wurde, wird jetzt schnell in die Wege geleitet.

Welche Rolle spielen die Pilotenstreiks bei Lufthansa bei der Kooperation?

Die Lufthansa-Führung hat große Probleme mit der eigenen Gewerkschaft. Durch den Abschluss von Verträgen mit anderen Fluggesellschaften könnte Lufthansa die Personalkosten reduzieren. Dabei kann Air Berlin hilfreich sein.

Bisher waren Etihad und Lufthansa Konkurrenten. Welche Ziele verfolgt Etihad mit der Personalie Winkelmann?

Möglicherweise hofft Etihad auf eine Annäherung mit der Lufthansa. Indem man einen Mann aus ihren Reihen holt, wird versucht, die Lufthansa milde zu stimmen. Mit Winkelmann bei Air Berlin sind die gesamte Kommunikation und künftige Schritte von Etihad und Lufthansa wesentlich einfacher.

Wird Etihad sich mit dem Einstieg der Lufthansa bei Air Berlin zurückziehen?

Finanziell ist das nicht machbar. Etihad möchte aber auch kein weiteres Geld zuschießen. Die Air-Berlin-Bilanz muss jedoch dringend aufgebessert werden, und das geht nur durch weitere Zuschüsse.  

Wird die Kooperation zwischen Lufthansa und Air Berlin teuer für den Kunden?

Nein. Es gibt zwar einen Wettbewerber weniger, aber dafür drängen andere Konkurrenten wie Easyjet und Ryanair auf den Markt. Billigflieger wird es weiterhin geben, denn die Deutschen lieben Billigkonzepte. Sobald es freie Flughafenkapazitäten gibt, werden die Billigflieger mit ihren sehr konkurrenzfähigen Preisen in Deutschland einfallen.

Mit Michael Gierse sprach Lisa Schwesig.

 

Quelle: ntv.de