Wirtschaft

Zigtausende Covid-Kranke Massiver Krankenstand bringt Firmen an Grenzen

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Bald dürften uns sogar mehrere Hunderttausend Corona-Neuinfektionen pro Tag blühen.

(Foto: picture alliance / photothek)

Omikron beschert immer mehr Unternehmen einen gewaltigen Personalausfall. Erste Betriebe können ihr Angebot nicht mehr aufrechterhalten. In Berlin zum Beispiel kommen Busse nicht mehr im üblichen Takt.

Schon jetzt, Wochen vor dem voraussichtlichen Höhepunkt der Omikron-Welle, müssen Unternehmen ihr Angebot reduzieren. Denn aktuell mehr als 130.000 Neuinfektionen pro Tag bedeuten auch Zigtausende Krankmeldungen von Arbeitnehmern gleichzeitig. Hinzu kommen Ausfälle von Kontaktpersonen, die in Quarantäne müssen und nicht von zu Hause aus arbeiten können, sowie Eltern, die ihre kleinen Kinder daheim betreuen müssen.

Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) zum Beispiel, Deutschlands größtes Nahverkehrsunternehmen, können nicht mehr alle Busfahrten anbieten. Auf manchen Linien müssen Fahrgäste deshalb einige Minuten länger warten als üblich, wie ein BVG-Sprecher ntv.de erklärt - weil Busse seltener fahren. Ab Montag fallen auch Fahrten auf U- und Straßenbahn-Strecken aus. Das Fahrplanangebot wird dann um insgesamt 4,8 Prozent gekürzt sein; alle Haltestellen würden aber weiterhin angefahren.

Kleine Betriebe kommen bei dem aktuell hohen Personalausfall schneller an ihre Grenzen als große. Bei MN Maschinenbau in Sachsen etwa steigen die Krankenstände seit Pandemiebeginn kontinuierlich, aktuell fehlen neun Prozent der rund 100 Beschäftigten, wie das "Handelsblatt" berichtet. Da 90 Prozent der Angestellten in der Produktion arbeiten, kommt es "unweigerlich zu Lieferengpässen, die durch Rohstoffmangel und hohe Energiekosten noch getriggert werden", sagt Unternehmenschef Günther Bessinger.

Reservepersonal wartet schon

Aktuelle Zahlen zu den bundesweiten Personalausfällen liegen noch nicht vor. Im November waren laut dem Dachverband der Betriebskrankenkassen (BBK) besonders systemrelevante Branchen wie das Gesundheits- oder Sozialwesen betroffen. Allerdings zeichnete sich schon damals eine Verschiebung ab. Nach Angaben der AOK tauchten in den 20 am häufigsten betroffenen Branchen plötzlich auch Fahrzeugtechnik, Metallverarbeitung, Maschinenbau und Betriebstechnik auf.

Dies zeige, "dass infolge der aktuellen Omikron-Welle eine flächendeckende Betroffenheit in einer Vielzahl von verschiedenen Berufsgruppen zu erwarten ist", interpretiert der stellvertretende Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der Krankenkasse, Helmut Schröder. 9,6 Tage waren Beschäftigte laut BBK-Dachverband im Schnitt wegen Corona krankgeschrieben. Seit einigen Monaten infizieren sich vor allem Jüngere.

Um die Produktion sicherzustellen, halten manche Unternehmen bereits Reservepersonal vor, wie zum Beispiel der Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC) auf ntv.de-Anfrage erklärt. Der Autobauer BMW erwägt nach Informationen des "Handelsblatts", seine Produktion mit Leiharbeitern abzusichern, wie etwa auch der Laserspezialist Trumpf in Österreich und der Schweiz. Beim Gabelstapler-Hersteller Jungheinrich würden im Notfall Kollegen aus anderen Werken aushelfen.

Verschärfte Sicherheitsmaßnahmen

Die Energiewirtschaft hat ebenfalls für den Notfall vorgesorgt, auch wenn die Lage noch entspannt ist, wie der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) ntv.de erläutert. Unter anderem seien zusätzliches Personal geschult und Mitarbeiter als Vertretung eingewiesen worden. "Auch kürzlich in Ruhestand gegangene Beschäftigte können bei Bedarf reaktiviert werden."

Außerdem wappnen sich Arbeitgeber laut BAVC mit verschärften Sicherheitsmaßnahmen: "etwa mit verstärkter Nutzung von Homeoffice, der Einschränkung betrieblicher Angebote wie Kantinen oder bei der Zahl von Beschäftigten, die sich in einem Raum aufhalten dürfen". Um die Produktion aufrechtzuerhalten, würden in weiten Teilen der Chemiebranche Schichten so besetzt, dass die Teams keinen Kontakt zueinander haben.

In den USA zum Beispiel fallen wegen des Personalmangels viele Flüge aus. Die Lufthansa dagegen muss zurzeit keine Flüge streichen: "Die Lufthansa hat aktuell keine Bereederungsprobleme ihrer Flugzeuge oder unerwartet hohe Krankenstände", erklärt eine Sprecherin ntv.de. Auch andere deutsche Airlines bringt Omikron noch nicht in personelle Verlegenheit, wie die Fachzeitung "Touristik Aktuell" berichtet. Die Winterflugpläne wurden wegen der geringen Nachfrage aber ohnehin ausgedünnt.

Politik soll Rücksicht nehmen

Unterstützt werden die Unternehmen von den neuen Quarantäne-Regeln - "ein Schritt in die richtige Richtung", findet der BAVC. "Gerade bei geimpften symptomlosen Infizierten und Kontaktpersonen muss eine verkürzte Quarantäne möglich sein." Bisher erlebt die Chemiebranche keine signifikante Beeinträchtigung ihrer Produktion. "Wir sehen aber einerseits, dass der erwartete Aufschwung in Deutschland pandemiebedingt immer wieder verschoben werden muss", so ein Sprecher. "Andererseits können Beschränkungen und Lockdowns in anderen Teilen der Welt Lieferengpässe und Logistikprobleme verschärfen."

Der Verband fordert von der Politik mehr Rücksicht. "Fatal ist es, wenn, wie jetzt gerade wieder, über Nacht durch eine simple Veröffentlichung auf der Internetseite des RKI die Genesenen-Nachweise Tausender Beschäftigter ungültig werden und erwartet wird, dass die Betriebe das für die 3G-Zugangskontrollen sofort umsetzen könnten." In den letzten 20 Monaten sei bei der Abstimmung und Einführung neuer Regeln "leider wenig dazugelernt" worden.

Kerstin Andreae, Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung, wünscht sich, dass die Politik die Bedürfnisse der Energie- und Wasserwirtschaft als kritische Infrastruktur immer im Blick behält. Um etwa auf Personalengpässe flexibel reagieren zu können, bräuchten die Unternehmen schon heute eine Zusage für Ausnahmeregeln wie die Anerkennung des Schlüsselpersonals für eine bevorzugte Kindernotbetreuung. "Gleiches gilt für eine bevorzugte Einbindung in eine Impfkampagne, sobald ein gegen Omikron angepasster Impfstoff verfügbar ist oder eine Bevorzugung bei PCR-Tests", erklärt Andreae. "Sollten diese Maßnahmen nicht ausreichen, wäre als letzter Schritt eine mögliche Entlassung des Schlüsselpersonals aus der Quarantäne sinnvoll" - solange Kontaktpersonen oder Infizierte keine Symptome haben.

Quelle: ntv.de, mit AFP

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