Konjunktur ausgebremstNiedrigwasser würgt Deutschlands Aufschwung ab

Das Rekord-Niedrigwasser hat nicht nur Folgen für die Natur. Auch die Wirtschaft leidet massiv darunter. Schiffstransporte sind kaum mehr möglich, Fracht muss auf Schiene und Straße ausweichen. Die Bundesbank warnt vor Belastungen - ausgerechnet jetzt, wo die Konjunktur gerade wieder Tritt gefasst hatte.
Das Niedrigwasser dämpft der Bundesbank zufolge die gerade erst in Schwung gekommene Konjunkturerholung in Deutschland. "Im dritten Quartal dürften die Folgen der niedrigen Pegelstände auf wichtigen Wasserstraßen die Erholung der deutschen Wirtschaft vorübergehend ausbremsen", heißt es im Monatsbericht der Notenbank. Nur noch begrenzt nutzbare Transportwege auf wichtigen Flüssen wie dem Rhein und kräftig steigende Transportkosten dürften Industrieproduktion und Exportwachstum deutlich beeinträchtigen. "Das Niedrigwasser belastet damit auch die gesamtwirtschaftliche Aktivität im dritten Quartal spürbar", schrieb die Bundesbank. Das Bruttoinlandsprodukt dürfte "allenfalls noch leicht zulegen".
Dabei hat Europas größte Volkswirtschaft nach jahrelanger Flaute gerade erst wieder Tritt gefasst. Von April bis Juni wuchs sie um 0,2 Prozent und damit bereits das dritte Quartal in Folge - trotz erheblicher Belastungen durch den Iran-Krieg, der etwa höhere Ölpreise zur Folge hat. "Damit befindet sich die deutsche Wirtschaft nunmehr deutlich erkennbar auf einem Erholungskurs, den auch der Krieg im Nahen Osten nicht ausbremsen konnte", betonte die Bundesbank. Dazu dürften vor allem die Exporte beigetragen haben.
Lieferschwierigkeiten bei BASF
In den vergangenen Wochen fielen aber insbesondere die Pegelstände am Rhein auf Rekordtiefs. Der Chemiekonzern BASF etwa spürt die Folgen des extremen Niedrigwassers und kann erste Produkte nicht mehr in vollem Umfang liefern. An der wichtigen Engstelle Kaub bei Koblenz wurden zeitweise nur noch sechs Zentimeter gemessen - weit unter dem bisherigen Rekordtief von 25 Zentimetern aus dem Jahr 2018. Ein Großteil des Güterverkehrs auf der wichtigsten europäischen Wasserstraße muss daher auf Lastwagen und Züge verlagert werden, was die Transportkosten nach oben treibt.
"Dadurch dürfte es zu zusätzlichen Lieferverzögerungen kommen, was die Materialknappheit weiter verschärft, Transportkosten erhöht und Produktion verzögert", erklärte die Bundesbank. "Dies dürfte die sich gerade festigende Industriekonjunktur vorerst spürbar belasten." Bundesverkehrsminister Steffen Bilger rechnet frühestens Ende August mit einer Entspannung der Lage.
Inflationsrate könnte weiter ansteigen
Keine Entwarnung gibt die Bundesbank bei der Inflation. "Die Inflationsrate könnte in den kommenden Monaten vorübergehend noch weiter ansteigen", hieß es. Die Entwicklung hänge nach wie vor maßgeblich vom Verlauf des Krieges im Nahen Osten und von den Energiepreisen ab. Ein anhaltender oder eskalierender Krieg in Nahost könne die Förderung und den Export von Rohöl weiter beeinträchtigen. Zudem verknappten bereits jetzt kriegsbedingte Schäden an Raffinerien dort und in Russland zusammen mit der Blockade der Straße von Hormus das Angebot an Mineralölerzeugnissen weltweit.
Im Juli ist die deutsche Inflationsrate auf 2,8 Prozent gestiegen, nachdem der staatliche Tankrabatt ausgelaufen war. Damit wollte die Bundesregierung Verbraucher und Unternehmen entlasten.
Auf wachsenden Inflationsdruck deuten die Erzeugerpreise hin: Die deutschen Hersteller gewerblicher Produkte - von Lebensmitteln bis hin zu Industriegütern - verlangten im Juli im Schnitt 3,0 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Das teilte das Statistische Bundesamt mit. Ein größeres Plus gab es zuletzt im April 2023. Im Juni waren die Erzeugerpreise nur um 1,8 Prozent gestiegen. "Auf den Vorstufen des Inflationsauftriebs ist es schlagartig ungemütlich geworden", sagte der Chefvolkswirt der Bank Bethmann HAL, Alexander Krüger. "Der Iran-Krieg hinterlässt Spuren, die Hitze auch." Das Rekord-Niedrigwasser auf dem Rhein behindert seit Wochen die Binnenschifffahrt auf Deutschlands wichtigster Wasserstraße, was die Transportkosten nach oben treibt.