Wirtschaft

Teures Gas aus dem Norden Norwegen kassiert, Polen ist wütend

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(Foto: picture alliance / dpa)

Während ganz Europa versucht, von russischem Gas und Öl wegzukommen, springt Norwegen ein und füllt die Speicher - zu Rekordpreisen. Auch für Verbündete wie Polen werden keine Ausnahmen gemacht. Wer keine langfristigen Lieferverträge hat, zahlt ordentlich für das skandinavische Gas.

100 Tage vor Beginn der Heizperiode schlagen deutsche Politiker bereits Alarm: Der kommende Winter wird hart. Seit einigen Wochen liefert Russland über Nord Stream 1 nur noch einen Bruchteil der bisher üblichen Gasmenge. Derzeit fließt wegen angeblicher Wartungsarbeiten überhaupt kein Gas durch die russische Pipeline. Aber dank der Norweger wird Deutschland im Winter höchstwahrscheinlich doch nicht frieren.

Anders sieht es in Polen aus. Deutschlands Nachbarland hat sich unmittelbar nach Kriegsbeginn in der Ukraine von russischem Gas verabschiedet. Die Regierung in Warschau ergriff schnell Maßnahmen, um die Gasversorgung zu sichern. Eine Pipeline nach Skandinavien stand bereits kurz vor der Fertigstellung - eine realistische Alternative zum russischen Gas.

Polen muss hohe Preise zahlen

Doch nun steht Polen mit leeren Händen da. Während die Pipeline fertiggestellt wurde, hat es die Regierung versäumt, langfristige Lieferverträge abzuschließen. Nun muss Polen die Pipeline kurzfristig mit teurem Gas aus Norwegen füllen. Denn die Skandinavier verkaufen den Rohstoff nur zum aktuellen Marktpreis - den Preis, den auch alle anderen bezahlen müssen.

Entsprechend empört ist die Regierung in Warschau: "Sollen wir Norwegen 110 Euro pro Megawattstunde für Gas zahlen? Vier- oder fünfmal mehr als vor einem Jahr? Das ist doch krank", schimpfte Polens Premier Mateusz Morawiecki kürzlich. Mittlerweile ist der Gaspreis noch viel höher. Dass Polen sich bis heute noch nicht mit Norwegen über langfristige Verträge über die Baltic Pipe geeinigt hat, überrascht auch Energieexperte Malte Küper. Denn Planung und Bau der Pipeline wären seit mehreren Jahren in vollem Gange, sagt er im Gespräch mit ntv.de. Dass es nun kurzfristig teurer sei, am europäischen Spotmarkt EEX die Mengen einzukaufen, sei ein normaler Vorgang, der die derzeitige Knappheit an den Märkten widerspiegele.

Auch Deutschland könnte die Rechnung zu spüren bekommen. Norwegen ist inzwischen der größte Gaslieferant Deutschlands. Über die beiden Europipe-Pipelines werden täglich rund 1300 Gigawattstunden Erdgas geliefert. Die Situation in Polen sei aber nicht mit der in Deutschland vergleichbar, sagt Küper. Denn Deutschland hat seit Jahren langfristige Lieferverträge mit Norwegen. "Importverträge wurden zum Teil über 20 Jahre oder mehr abgeschlossen, um sowohl den Produzenten als auch den Abnehmern Sicherheit zu geben. Diese Preise sind viel stabiler als auf den Spotmärkten", sagt der Referent für Energie am Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln.

Das gilt allerdings nicht für die zusätzlichen Liefermengen, die in den letzten Monaten als Ersatz für russisches Gas auf den Spotmärkten beschaffen werden mussten. In der Zwischenzeit kostet eine Megawattstunde mehr als 200 Euro.

Norwegen macht Rekordgewinn

Nicht schlecht für Norwegens Registrierkasse. Schlecht für Polen und Deutschland. Das norwegische Energieministerium gibt rechtliche Gründe für die hohen Preise an: "Die Gasproduzenten in Norwegen sind verpflichtet, den Brennstoff zu Marktbedingungen zu verkaufen. Ob und wie viel Gas aus Norwegen fließt, hängt von den Wirtschafts- und Marktbedingungen ab", sagte Margrete Løbben Hanssen vom norwegischen Energieministerium, der polnischen Ausgabe von "Newsweek". Norwegen werde die Lieferungen an andere Kunden nicht kürzen, um Polen eine Vorzugsbehandlung zu gewähren, fügte sie hinzu. Zusätzliche Preisnachlässe für das Land seien ebenfalls keine Option.

Das skandinavische Land lebt weitgehend von seiner Gas- und Ölproduktion. Gas und Öl machen 14 Prozent des norwegischen BIP und satte 40 Prozent der Exporte aus. Und das wird in diesem Jahr wohl ein Rekordniveau erreichen: Bereits im März kletterten die Ausfuhren von Erdöl und Erdgas auf Rekordhöhen von insgesamt 13,7 Mrd. Euro in nur einem Monat.

Die Zukunft liegt im Staatsfonds

Mit diesem Geld sichern die Norweger ihre Zukunft. Der norwegische Staatsfonds ist weltberühmt und gilt als Best-Practice-Beispiel für Öl- und Gasstaaten, die ihren heutigen Reichtum für künftige Generationen investieren. Einnahmen aus dem Rohstoffsektor werden in diesen Fonds investiert - er hält Beteiligungen an mehr als 9300 Unternehmen weltweit. Mitte 2021 war der Fonds 12,3 Billionen norwegischen Kronen wert (1,7 Billionen Euro).

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Doch obwohl die Gaspreise derzeit auf ein Rekordniveau steigen und die norwegischen Gas- und Ölförderunternehmen so viel pumpen wie nie zuvor, muss der Fonds in diesem Sommer massive Verluste hinnehmen. Die schwächelnden Aktienmärkte treffen den Staatsfonds hart. Mitte 2022 betrug der Wert nur noch 11,7 Billionen norwegischen Kronen (1,6 Billionen Euro).

Die Norweger wissen, dass bald eine wesentliche Einnahmequelle verschwindet. Die Welt versucht, so schnell wie möglich von fossilen Brennstoffen wegzukommen. Das geht langsamer als nötig, um das auf dem Pariser Klimagipfel festgelegte 1,5-Grad-Ziel zu erreichen. Dennoch sind die meisten Länder gerade dabei, sich von Öl, Gas und Kohle zu lösen. Und nun hat das skandinavische Land eine zweite Chance, die letzte Meile des fossilen Zeitalters zu nutzen.

Quelle: ntv.de

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