Wirtschaft

Zockerei mit Pleitekandidaten Online-Forum jagt Gamestop an Börsenspitze

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Gamestop ist mit 5000 Filialen die weltweit größte Einzelhandelskette für Computerspiele sowie dazugehörige Hardware.

(Foto: imago/Rust)

Die Gamestop-Aktie erlebt einen raketenhaften Aufstieg. In einem Internetforum animieren neue unerschrockene Kleinanleger zu Käufen und fahren damit knallharten Börsenprofis in die Parade. Den Kurs der Computerspielekette könnte das noch weiter anheizen.

Der heiße Börsenritt beim US-Videospielehändler Gamestop geht ungebremst weiter. Allein seit Jahresanfang haben die Papiere mehr als 250 Prozent bis auf rund 77 US-Dollar gewonnen. Es ist eine schwindelerregende Entwicklung. Im Sommer 2020 waren die Titel aus Sorge vor einer Schieflage des Geschäfts noch zu einem Schnäppchenpreis von unter drei Dollar zu haben. Seitdem geht es kontinuierlich aufwärts. Aber warum?

Eigentlich hat Gamestop seine besten Zeiten schon lange hinter sich. Im Jahr 2007 notierte der Kurs bei 65 Dollar, danach war die Luft raus. Das Geschäftsmodell überholt, in der Spielerszene viel kritisiert für miesen Service, dazu rote Zahlen, irgendwann wurden Filialen geschlossen. Für das Unternehmen sah es alles andere als rosig aus. Eine Trendwende war nicht in Sicht. Gamestop galt als Pleitekandidat. Der Kursverlauf aus der Zeit spiegelt den Verfall wider, bis der Tiefpunkt im April 2020 erreicht war. Dann geschah das Unerwartete.

Für die Kurs-Rally gibt es unterschiedliche Erklärungen: Eine ist die Corona-Krise. Die Gaming-Branche erlebt in der Pandemie einen Boom. Im Weihnachtsgeschäft sind die Verkaufsahlen deutlich gestiegen. Auch der Einstieg des Investors Ryan Cohen im September 2020 gilt als Kurstreiber. Der erfolgreiche Mitbegründer von Chewy, ein amerikanischer Online-Händler für Tiernahrung, übernahm zehn Prozent und wurde größter Einzelaktionär. Mittlerweile hat er seinen Anteil auf 13 Prozent aufgestockt und ist in den Aufsichtsrat eingezogen. Dass er nun aktiv ins Geschäft eingreifen kann, kommt bei Börsianern gut an.

Cohen eilt ein guter Ruf voraus. Sein Versprechen, aus dem Ladenhüter Gamestop ein boomendes E-Commerce-Geschäft mit erstklassigem Service zu bauen, wird ihm abgekauft. Chewy hat er für 3,35 Milliarden Dollar versilbert. Kundenservice wird bei dem Unternehmen großgeschrieben. Warum sollte Cohen das nicht auch mit Gamestop schaffen?

Das Problem ist, dass die Konkurrenz nicht schläft. Trotz des Corona-Booms sind die Umsätze von Gamestop in den vergangenen zwei Jahren um 40 Prozent gesunken. Sowohl für 2021 als auch 2022 werden Verluste erwartet. Das durchschnittliche Kursziel der Analysten liegt bei 12,50 und damit 80 Prozent unter dem Schlusskurs von Freitag. Die Frage, ob er auch nur im Entferntesten abbildet, was Gamestop in Zukunft einlösen kann, ist berechtigt.

Battle zwischen Daytradern und Shortsellern

GameStop Corporation
GameStop Corporation 89,00

Der eigentliche Grund für die Kursexplosion ist tatsächlich ganz woanders zu suchen: Richtig gezündet hat den Börsen-Turbo ein Battle zwischen jungen und unerschrockenen Robinhood-Anlegern und Daytradern auf der einen und professionellen Shortsellern auf der anderen Seite. Während die einen in einem Internetforum namens Reddit den Kauf von Gamestop verabredeten (und damit den Kurs nach oben trieben), gerieten die anderen (die auf fallende Kurse gewettet hatten) immer mehr unter Druck.

Über die Anzahl von Aktien, die leerverkauft werden, gibt es zwar keine offiziellen Angaben. Laut dem US-Börsensender CNBC schätzt das Analysehaus Factset den Anteil bei Gamestop aber auf 138 Prozent der im Umlauf befindlichen Aktien. Das heißt, von dem Papier wurden in den vergangenen Monaten mehr Stücke leer verkauft (geshortet) als vorhanden sind. Gamestop ist eine der am meisten leerverkauften Titel an den US-Börsen.

Tatsächlich scheinen die mächtigen Leerverkäufer in dem überaus mächtigen Internetforum so etwas wie ihren Meister gefunden zu haben. Reddit gehört zu den am meisten besuchten Portalen weltweit. Über 540 Millionen Menschen rufen die Seite jeden Monat auf. Alle möglichen Geschichten gehen hier viral, und Robinhood-Trader beratschlagen hier regelmäßig, in welche Aktien sie investieren wollen: Zu Gamestop gab es binnen zwei Tagen 15.000 Kommentare.

Je mehr diese Trader mit ihren Kommentaren die Kurse in die Höhe treiben, desto mehr sind die Shortseller gezwungen, ihre Aktien in einem steigenden Markt zurückzukaufen, also teurer. Und nicht, wie sie eigentlich wollten, billiger. Treffen viele Shortseller auf wenige Verkäufer, gehen ihre Wetten nicht mehr auf. Die Leerverkäufer müssen dann immer höhere Preise bieten, um an ihre Papiere zu kommen. Es ist eine fatale Spirale, und sie selbst sorgen dafür, dass der Kurs immer weiter klettert.

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Am Freitag kam es zu dem bislang heißesten Börsenritt. Laut dem Datenanbieter Refinitiv wurden knapp 20 Millionen Gamestop-Papiere an der New Yorker Börse gehandelt. Bei der meistgehandelten Aktie Tesla waren es lediglich 200.000 mehr. Der Kurs sprang in der Folge des "Short-Squeezes" zwischenzeitlich bis auf fast 160 Dollar.

Das beste, was das Gamestop-Management machen kann, ist die Gelegenheit dazu zu nutzen, neue Aktien aufzunehmen und so frisches Kapital ins Unternehmen zu holen. Damit hätte das Unternehmen Mittel für nötige Transformationen, um zu wachsen. Ein Selbstläufer wird das jedoch auch nicht. Für Anleger heißt das, unbedingt Vorsicht walten zulassen.

Quelle: ntv.de