Wirtschaft

Neue "Angreifer"-MentalitätPremium-Autobauer dürften Tausende Jobs streichen

23.06.2026, 19:34 Uhr Christina-LohnerVon Christina Lohner
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Nicht nur BMW drückt auf die Kostenbremse. (Foto: picture alliance/dpa)

Die Zahl der Arbeitsplätze in der Autoindustrie sinkt seit Jahren massiv. Bei Mercedes und BMW kommt nun ein markanter Einschnitt hinzu. Auch um liebgewonnene Arbeitsbedingungen müssen Mitarbeiter bangen.

Zusätzlich zum massiven Jobabbau infolge des Wandels zur E-Mobilität stehen die deutschen Autobauer vor spürbaren Stellenstreichungen. Sowohl BMW als auch Mercedes haben Gespräche mit der Arbeitnehmerseite angekündigt, wie sich Kosten senken lassen. Vom Abbau von Arbeitsplätzen ist offiziell noch nicht die Rede, daran führt aber wohl kein Weg vorbei. Branchenkenner Stefan Bratzel erwartet eine Reduzierung im mittleren einstelligen Prozentbereich - über alle Bereiche hinweg, also Produktion, Verwaltung, Entwicklung, Einkauf, wie er im Gespräch mit ntv.de sagt. Bei jeweils um die 160.000 Mitarbeitern handelt es sich um eine Größenordnung von insgesamt an die 16.000 Jobs.

Schon seit 2019 ist die Zahl der Arbeitsplätze in der deutschen Autoindustrie drastisch gesunken - von rund 840.000 Beschäftigten bei Autobauern und Zulieferern sind inzwischen nur noch knapp 700.000 übrig. Würden die kriselnden Hersteller nun nicht weiter Jobs abbauen, gingen Bratzel zufolge allerdings mittelfristig sogar noch mehr Stellen verloren. Denn zusätzlich zum Wegfall von Arbeitsplätzen infolge der Elektromobilität - für die weniger Mitarbeiter gebraucht werden - hat Deutschland laut Branchenexperten ein Standortproblem. Deshalb findet bereits seit Jahren eine schleichende Verlagerung von Produktion und Jobs ins Ausland statt.

In Deutschland lässt sich Bratzel zufolge immer weniger wettbewerbsfähig produzieren. Die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit betreffe inzwischen auch den Entwicklungsbereich. "Die deutschen Hersteller müssen wieder effizienter werden", mahnt der Leiter des Center of Automotive Management an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach. Die Konzerne müssten nicht nur Kosten sparen, sondern auch schlanker und schneller werden. Ein Mentalitätswechsel sei dringend nötig - in einem Modus des Zurücklehnens werde die Rückkehr zu alter Stärke nicht funktionieren. Um die Prozesse zu beschleunigen, gehört für den Branchenbeobachter etwa auch dazu, sich von liebgewonnen Gewohnheiten wie großzügigen Homeoffice-Regelungen zu verabschieden.

40 statt 35 Wochenstunden?

In dieselbe Richtung gehen die jüngsten Äußerungen von Mercedes-Aufsichtsratschef Martin Brudermüller, der zur 40-Stunden-Woche zurückkehren möchte. In der deutschen Autoindustrie ist bei tarifgebundenen Unternehmen die 35-Stunden-Woche Standard. Auch Bratzel hält eine Ausweitung der Arbeitszeit aufs Jahr betrachtet für nötig. Daneben fordert der Branchenexperte eine andere Einstellung der Beschäftigten: "Sie müssen wieder wirklich angreifen." Mercedes-Personalvorständin Britta Seeger nennt es "Gewinnermentalität", von der sie mehr verlangt. Das bringt es in Bratzels Augen auf den Punkt: "Wir müssen nicht nur mehr arbeiten, sondern auch schneller und besser werden."

Mit einer Viertagewoche beispielsweise sei dies völlig unrealistisch. Dass die Arbeitskosten, etwa auch die Krankheitskosten, zu hoch seien, hat seiner Wahrnehmung nach auch die Arbeitnehmerseite erkannt - aus dem Zuliefererumfeld seien entsprechende Signale zu vernehmen. Um wieder an die Spitze zu kommen, fordert Bratzel einen "Pakt mit der Arbeitnehmerseite".

Mehr Effizienz ließe sich seiner Einschätzung nach auch durch den Einsatz künstlicher Intelligenz (KI) erzielen, mit der sich die Autoindustrie intensiver beschäftigen müsse. Seeger, die neben dem Personal auch die IT von Mercedes verantwortet, schwebt dies ebenfalls vor.

Sowohl bei KI als auch bei den nötigen Effizienzsteigerungen insgesamt sieht Bratzel die Autoindustrie als Leitindustrie, stellvertretend für andere Wirtschaftszweige. Deutschlands Schlüsselbranche steckt allerdings in einer besonders tiefen Krise, und das seit Jahren. Die Gewinne und Margen der Autobauer sind massiv eingebrochen. Zu ihrer Schwäche auf dem wichtigsten Markt China ist nun erschwerend hinzugekommen, dass der dortige Markt insgesamt kriselt.

"Gleiches Grundproblem wie VW"

BMW hat deshalb eine Gewinnwarnung herausgegeben. "Neben den Belastungen im operativen Geschäft wird die BMW Group die laufenden Kostensenkungen durch weitere Struktur- und Effizienzmaßnahmen intensivieren und beschleunigen", heißt es darin. "Deren Effekte werden in den Folgejahren sichtbar. Diese Maßnahmen belasten das Ergebnis einmalig im zweiten Halbjahr 2026." Das klingt sehr nach Jobabbau. Im Geschäftsbericht wurde ohnehin schon ein "leichter Rückgang" beim Personalstand prognostiziert.

Die Situation bei BMW und Mercedes unterscheide sich nicht groß von der bei VW, sagt Bratzel. Der Wolfsburger Konzern will bis 2030 ganze 50.000 Stellen streichen. Zwar sei Volkswagen viel größer, stellt der Experte klar. "Aber das Grundproblem von BMW und Mercedes ist das gleiche."

Quelle: ntv.de

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