Wirtschaft

Glück und US-Gas retten Europa Putins Drohpotenzial beim Gas ist verpufft

32865371.jpg

Selbst ohne weiteres russisches Gas würde es in dieser Heizperiode in europäischen Wohnungen wohl nicht kalt werden.

(Foto: picture alliance / dpa)

Eine schwere Wirtschaftskrise oder sogar Kältetote in Europa wurden befürchtet, falls Russland im Zuge des Ukraine-Konflikts mit dem Westen den Gashahn zudrehen würde. Diese Drohkulisse hatte Wladimir Putin seit dem vergangenen Sommer aufgebaut. Doch inzwischen, so zeigen Berechnungen, käme Europa auch ohne russisches Gas durch den Restwinter.

Die unmittelbare Gefahr einer russischen Invasion in der Ukraine ist zumindest für den Moment gebannt. Russlands Präsident schickt erste Soldaten aus den an der Grenze aufmarschierten Einheiten zurück in ihre Garnisonen. Während Wladimir Putin damit beginnt, seine militärische Drohkulisse etwas abzubauen, hat er ein anderes wichtiges Druckmittel in diesem Konflikt mit dem Westen zumindest kurzfristig bereits weitgehend verloren: Mit Glück und mit Hilfe aus den USA hat Europa diesen Winter so weit überstanden, dass es einen russischen Gaslieferstopp zumindest kurzfristig nicht mehr zu fürchten braucht. Wie Berechnungen des Brüsseler Thinktanks Breugel zeigen, dürften die Gasvorräte in Europa selbst im Fall einer ungünstigen Wetterentwicklung und eines Ausfalls aller russischen Lieferungen ab Ende dieses Monats ausreichen, um den Bedarf für diese Heizsaison zu decken.

Ein möglicher Lieferstopp Russlands, von dem Europa etwa 40 Prozent seines Erdgases kauft, galt bis vor kurzem als die womöglich schlimmste Konsequenz einer Eskalation des Ukrainekonflikts und damit als Druckmittel Moskaus, um westliche Sanktionen abzuwenden. Die US-Regierung, die seit Jahren vor der Abhängigkeit der EU vom russischen Gas warnt, befürchtete gar Todesopfer und eine umfassende Wirtschaftskrise in Europa, sollte Russland den Gashahn zudrehen.

Angeheizt worden waren diese Befürchtungen dadurch, dass der russische Staatsmonopolist Gasprom seit dem vergangenen Sommer auffällig wenig Gas etwa an Deutschland lieferte und vor allem seine europäischen Speicher vor der Heizsaison überhaupt nicht auffüllte. Das vergrößerte die Gefahr von Versorgungsengpässen. Viele Beobachter im Westen interpretierten dieses ökonomisch nicht erklärbare Verhalten als Aufbau eines strategischen Drohpotenzials im Zusammenhang mit dem Ukraine-Konflikt.

Doch obwohl Russland bis zuletzt nahezu nur die im Vergleich zu den Liefermengen der Vorjahre geringen vertraglichen Mindestmengen Gas nach Europa exportierte, ist dieses Drohpotenzial nun weitgehend verpufft. Laut den Breugel-Experten trugen dazu vor allem der bislang milde Winter und daher niedrige Gasverbrauch sowie ein starker Anstieg des Flüssiggas-Imports vor allem aus den USA bei. Per Schiff gelangten in den ersten sechs Wochen dieses Jahres so mehr als 20 Milliarden Kubikmeter Gas nach Europa, doppelt so viel wie im Vorjahreszeitraum. Russland lieferte unterdessen seit Jahresbeginn mit rund 11,5 Milliarden Kubikmetern etwa 40 Prozent weniger als noch vor einem Jahr. Europas Gasspeicher sind damit immer noch zu knapp einem Drittel gefüllt, was gut 360 Terawattstunden (TWh) Energie entspricht.

Langfristiges Problem

Für die kommenden Wochen und Monate haben die Experten drei Szenarien berechnet: Im besten Fall setzen Russland und die anderen Gaslieferanten ihre Lieferungen wie in den vergangenen Wochen fort, und der Gasverbrauch bleibt auf dem Durchschnittsniveau der vergangenen Jahre. Dann sollten Europas Gasreserven selbst im April, wenn gewöhnlich zum Ende der Heizperiode in vielen Ländern der Tiefststand erreicht ist, auf rund 340 TWh absinken.

Sollte Russland dagegen Ende Februar seine Lieferungen komplett einstellen, dürfte der Gasvorrat bis April auf etwa 160 TWh fallen. Käme, in einem ungünstigsten Fall, zu einem russischen Lieferstopp noch eine extreme Kältewelle dazu, würden wohl gerade noch wenige TWh bleiben. "Mit jedem Tag verringert sich die Gefahr für diesen Winter", erklärt Breugel-Analyst Ben McWilliams.

Folgenlos wäre ein russischer Lieferstopp auch später allerdings nicht. Ganz ohne russisches Gas könnte Europa seine Speicher im Sommer erneut kaum auffüllen und die Energieversorgung im kommenden Winter sicherstellen. Die Importe aus Russland komplett durch Flüssiggas zu ersetzen gilt als unmöglich, da die Hauptproduzenten in den USA und im Nahen Osten zum Großteil mit langfristigen Verträgen an Kunden in Asien gebunden sind.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen