Wirtschaft

Chinas Stillstand ist ansteckend Hier hat das Virus die Wirtschaft voll erwischt

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Der weltgrößte Reedereikonzern Maersk hat Fahrten von und nach Asien wegen gesunkener Nachfrage abgesagt.

(Foto: REUTERS)

Die Auswirkungen der Corona-Epidemie sind nicht mehr zu übersehen. In China kauft kaum noch einer Autos, Containerfahrten werden abgesagt, Airlines prognostizieren Milliarden-Einbußen. Droht eine globale Rezession? Ist das gar der Anfang vom Ende für die globalisierte Weltwirtschaft?

Auch wenn die Zahl der Infizierten zurückgeht, behält das Coronavirus China weiter fest im Griff. Das öffentliche Leben ist immer noch weitgehend eingeschränkt. Die Produktion in der Industrie läuft nur schleppend an. Bisherige Schätzungen gehen davon aus, dass die chinesische Wirtschaft erst Ende März, vielleicht sogar erst im April wieder zur Normalität zurückkehren wird - vorausgesetzt das Virus ebbt weiter ab.

Ökonomen gehen für das erste Quartal nach Wochen des Stillstands von einem deutlich langsameren Wachstum der chinesischen Wirtschaft aus. Das Plus der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt könnte sich den Schätzungen nach von sechs auf drei Prozent halbieren. China trägt mittlerweile 17 Prozent zur weltweiten Wirtschaftsleistung bei. Die Frage ist, welche Folgen der Seuchen-Stillstand für die globale Wirtschaft hat. Zahlen der chinesischen Zentralregierung sind schon vor der Epidemie mit Vorsicht zu genießen gewesen. Die Bremsspuren in der heimischen Wirtschaft durch das Virus sind für die Zentralregierung ein besonders heikles Thema.

Chinas Präsident Xi Jingpin war trotz akuter Krise im Staatsfernsehen vor wenigen Tagen bemüht, Optimismus zu verbreiten: Die Volksrepublik werde 2020 trotz des Virus seine Ziele erreichen, versprach er. Zahlen nannte er nicht. Am Freitag räumte die Regierung immerhin einen Einbruch des Außenhandels ein. "Wir erwarten, dass das Import- und Exportwachstum im Januar und Februar stark zurückgehen wird", sagte der Direktor der Außenhandelsabteilung des Handelsministeriums, Li Xingqian, auf einer Pressekonferenz. Konkrete Zahlen blieb aber auch er schuldig. Die Ausfuhren Chinas tragen etwa ein Fünftel zum Bruttoinlandsprodukt des Exportweltmeisters bei.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) spricht lediglich von Abwärtsrisiken für China und den Rest der Welt. Für konkrete Konjunkturprognosen sei es zu früh, sagte IWF-Chefin Kristalina Georgieva diese Woche. Der Konjunkturausblick der EU-Kommission für die drei größten Volkswirtschaften der Eurozone fiel ebenfalls vage aus. Man sei "nicht optimistisch", hieß es knapp. Wegen der wichtigen Rolle Chinas in der Weltwirtschaft werde die Virus-Krise negative Auswirkungen haben, sagte EU-Wirtschafts- und Währungskommissar Paolo Gentiloni bei der Vorstellung der Winterprognose.

Air France-KLM: Die Lage hat sich "brutal geändert"

Während die Ökonomen noch über Zahlen brüten, werden die Folgen der Corona-Lähmung für die Unternehmen immer spürbarer. Chinas Pkw-Verkäufe sind nach jüngsten Zahlen der China Passenger Car Association (CPCA) in den ersten 16 Tagen des Februar um über 90 Prozent zum Vorjahr eingebrochen. Vorausgesetzt die Epidemie ist im April eingedämmt, wird für das erste Halbjahr mit Einbußen von zehn Prozent gerechnet. Das chinesische Handelsministerium hat bereits Maßnahmen zur Stabilisierung des Automarktes versprochen. China ist der größte Automarkt der Welt. Im vergangenen Jahr wurden hier mehr als 25 Millionen Fahrzeuge verkauft.

Auch die Luftfahrt spürt die chinesische Flaute. Die Internationale Luftverkehrsvereinigung IATA bezifferte die Einnahmeeinbußen diese Woche auf 27,8 Milliarden Dollar. Ausgegangen wird dabei von einem Rückgang der Passagierzahlen im Gesamtjahr um 13 Prozent. Der Einbruch betrifft vor allem Airlines in China. Aber auch an den großen europäischen Fluggesellschaften Lufthansa und Air France-KLM gehen die Folgen des Coronavirus nicht spurlos vorbei.

"Wir haben derzeit konzernweit 13 Flugzeuge am Boden wegen des Coronavirus", sagte ein Lufthansa-Sprecher am Donnerstag. Die Langstreckenmaschinen könnten aktuell nicht nach Festland-China fliegen. "Das hat spürbare wirtschaftliche Folgen." Der Rivale Air France-KLM erklärte, sollten Flüge nach China bis April ausgesetzt bleiben, werde dies den Unternehmensgewinn allein bis dahin um bis zu 200 Millionen Euro schmälern. "Das ist unsere Hypothese für den Moment, wir wissen aber nicht, wie zuverlässig sie ist", sagte Finanzchef Frederic Gagey. "Wenn es länger dauert, werden die Auswirkungen stärker sein." Nach einem zunächst deutlichen Umsatzplus im Januar habe sich die Lage mit der Ausbreitung des Virus "brutal geändert", fügte er hinzu. Air France-KLM rechnet nun mit einem Rückgang im ersten Quartal.

Der Anfang vom Ende der globalisierten Weltwirtschaft?

Auch das Geschäft der weltgrößten Containerreederei wird durch das Coronavirus belastet. Aufgrund der Werksschließungen erwartet Maersk nur noch einen schwachen Jahresstart. Wenn in China weniger Waren produziert werden, bedeutet das auch, dass die Reederei weniger Produkte aus der Volksrepublik nach Europa und Nordamerika verschiffen kann. Am Donnerstag gab Maersk bekannt, mehr als 50 Fahrten von und nach Asien wegen sinkender Nachfrage abgesagt zu haben. "Wir schätzen, dass Fabriken in China zu 50 bis 60 Prozent ausgelastet sind", sagte CEO Søren Skou. Maersk geht davon aus, dass die Produktion in der ersten Märzwoche wieder auf 90 Prozent steigen wird, aber Skou warnte gleichzeitig, dass "offensichtlich immer noch viele Unsicherheiten bestehen".

Noch ist die ökonomische Krise weitgehend auf China beschränkt. Die Folgen für die Weltkonjunktur halten sich in Grenzen. Doch durch den Handelsstreit zwischen den USA und China sowie den Austritt Großbritannien aus der Europäischen Union ist die Weltwirtschaft geschwächt. "Die Epidemie ist gegenwärtig die größte Bedrohung", zitiert das "Handelsblatt"  den Präsidenten des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) Gabriel Felbermayr. "Die jetzigen Entwicklungen in China zeigen plötzlich, wie fragil das System ist." Laut dem Ökonomen könnte sich das Virus als "Lehman-Moment" erweisen. Wie bei der Pleite der US-Investmentbank 2008 sei "das Selbstverständliche plötzlich nicht mehr selbstverständlich". Die jetzige Krise könnte seiner Ansicht nach sogar eine Abkehr von der globalisierten Weltwirtschaft bedeuten. "Seit 2008 wächst die globale Industrieproduktion schneller als das Volumen des Welthandels. Wir erleben also eine Deglobalisierung, wenn auch in den Auswirkungen noch recht moderat", sagt Felbermayr.

Fällt die Weltwirtschaft in die Rezession?

Wohin sich die globale Ökonomie in den kommenden Monaten bewegt, hängt vom weiteren Verlauf der Epidemie ab. In einem sind sich die Experten einig: Sollte sie sich zu einer Pandemie entwickeln, wird das Kettenreaktionen in der eng vernetzten, arbeitsteiligen Weltwirtschaft auslösen, die weitaus schlimmere Auswirkungen haben wird. Angenommen die Infektionszahlen würden in vielen Ländern der Welt in die Hunderte oder Tausende steigen und diese Pandemie würde sich bis Jahresmitte hinziehen, prognostiziert die DZ Bank ein Schrumpfen des Weltwirtschaftswachstums in diesem Jahr unter die Ein-Prozent-Grenze. Die Weltwirtschaft wird nach Ansicht der Analysten in die Rezession fallen. Bislang prognostizieren sie ein globales Wachstum von 2,8 Prozent.

"Es wäre der stärkste Einbruch der Weltkonjunktur seit 2008/09 und er träfe auf eine ohnehin angespannte Entwicklung im Welthandel sowie ein vielerorts bereits schwaches Wirtschaftswachstum", schreibt die DZ Bank. Der Welthandel würde "vermutlich" in einem Maße einbrechen, "wie wir es seit der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09 nicht gesehen haben". Es wäre "ein Schock für die Weltwirtschaft".

Quelle: ntv.de