Wirtschaft

Eidgenössische Brexit-Angst Schweizer Notenbank erwartet Turbulenzen

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SNB-Chef Thomas Jordan: "Jede Zentralbank muss über ihre eigenen Maßnahmen entscheiden."

(Foto: REUTERS)

Nicht nur die EZB hat einen Austritt Großbritanniens aus der EU auf dem Schirm. Große Nervosität herrscht auch in der Schweiz. Es wird erwartet, dass die dortige Notenbank (SNB) "aggressiver intervenieren wird".

Kaum ein Wort ist auf der Pressekonferenz der Schweizerischen Notenbank (SNB) so oft gefallen wie Brexit. Und das aus gutem Grund - denn bei einem EU-Austritt Großbritanniens könnte der als "sichere Hafen" gefragte Franken deutlich an Wert gewinnen. Einen solchen Höhenflug wollen die Währungshüter jedoch verhindern - und stünden dafür mit Stützungskäufen am Devisenmarkt und notfalls auch einer weiteren Zinssenkung bereit.

Franken / Euro
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"Wir erwarten, dass es im Fall eines Brexits zu Turbulenzen kommen könnte", sagte SNB-Präsident Thomas Jordan. "Wenn es dazu kommt, wird es in einer ersten Phase darum gehen, stabilisierend am Markt einzugreifen." Die Wahrscheinlichkeit eines britischen EU-Austritts sei in den vergangenen Tagen zwar gestiegen. Dennoch sei das derzeit nicht das Basisszenario der Notenbank. Großbritannien stimmt am kommenden Donnerstag über den Verbleib in der Staatengemeinschaft ab. Jüngste Umfragen lassen derzeit keinen klaren Trend erkennen.

Viele Investoren sind wegen der unabsehbaren Folgen eines Brexits besorgt und flüchten daher in stabile Anlagen wie den Franken. Dieser hat zum Euro seit dem Start der vergangenen Handelswoche fast drei Prozent an Wert gewonnen und die stärkste Aufwertung innerhalb einer Woche seit der Aufhebung des Mindestkurses Anfang 2015 verbucht. Ein starker Franken macht Schweizer Waren im Ausland teuer und bremst damit die exportorientierte Wirtschaft des Landes.

Im Kampf gegen eine Aufwertung setzt die SNB zum einen auf Negativzinsen von rekordtiefen minus 0,75 Prozent, um den Franken für Investoren im Vergleich zu anderen Währungen unattraktiv zu machen. Zudem steht die Notenbank für Interventionen am Devisenmarkt bereit. Sie kauft dabei beispielsweise Euro, um so den Franken zu schwächen. Eine Woche vor dem Brexit-Referendum hielten die Währungshüter ihr Pulver aber wie erwartet trocken: Das Zielband für den Referenzzins Dreimonats-Libor beließen sie unverändert bei minus 1,25 bis minus 0,25 Prozent. Auch die Sichteinlagen der Banken bei der SNB werden weiterhin mit 0,75 Prozent belastet.

Experten: SNB dürfte unter Druck kommen

Sollte es tatsächlich zu einem Brexit kommen, dürfte die SNB nach Einschätzung von Experten aber zum Handeln gezwungen sein. Daniel Hartmann von der Bantleon Bank erwartet etwa eine Leitzinssenkung auf minus 0,9 oder minus ein Prozent. Die Chefökonomin der Zürcher Kantonalbank, Cornelia Luchsinger, erwartet noch umfangreichere Stützungskäufe der Währungshüter: "Das Risiko besteht, dass Großbritannien die Europäische Union verlässt. Wenn dies geschieht, wird die SNB stärker unter Druck geraten. Nach den jüngsten Marktturbulenzen ist es sehr wahrscheinlich, dass die SNB aggressiver intervenieren wird", erklärte sie.

SNB-Präsident Jordan betonte, die Notenbank habe bei beiden Instrumenten noch Spielraum. Sie stehe zudem mit anderen Zentralbanken in intensivem Austausch, um über die jüngsten Entwicklungen der Debatte informiert zu bleiben. "Aber jede Zentralbank muss über ihre eigenen Maßnahmen entscheiden", sagte er.

Auch andere Notenbanken hielten angesichts des unsicheren Ausgangs der Abstimmung die Füße still: Die Fed hat ihre nächste Zinserhöhung auf die Zeit nach dem Referendum verschoben. In Japan verzichtete die Zentralbank auf eine weitere Öffnung der Geldschleusen - trotz der Stärke der Landeswährung Yen. Diese ist bei Investoren ebenso wie der Franken als "sicherer Hafen" gefragt und kletterte zu Dollar und Euro auf den höchsten Stand seit Jahren.

Quelle: ntv.de, wne/rts