Wirtschaft

Einkauf um die Ecke bald passé So gefährlich ist Amazon für Supermärkte

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In den USA fahren die Amazon-Fresh-Fahrzeuge schon länger durch die Straßen.

(Foto: REUTERS)

Bald soll der Lieferdienst Amazon Fresh in Deutschland starten. Experten sagen dem Einzelhandel bereits eine schwere Zeit voraus. Dabei kaufen die meisten Deutschen ihre Lebensmittel noch analog ein. Doch das wird sich bald radikal ändern.

Beim Einkauf seiner Lebensmittel ist der Deutsche pingelig. Er möchte fühlen, wie reif die Avocado ist, sehen, wie rosig das Fleisch ist und vielleicht auch mal an den Kartoffeln riechen. Und dennoch sind sich einige Experten sicher: Startet Amazon seinen Lebensmittel-Lieferdienst Amazon Fresh im April tatsächlich am deutschen Markt, wird sich der Handel in Deutschland grundlegend verändern.

Eigentlich ist das überraschend, denn die Bedeutung des Lebensmittel-Vertriebes im deutschen Online-Handel ist bislang gering. Nur etwa ein Prozent des Umsatzes in der Lebensmittelbranche von rund 170 Milliarden Euro wird hierzulande über Online-Verkäufe gemacht. In anderen Ländern liegt der Anteil deutlich höher: In Großbritannien beträgt er fünf Prozent, in Frankreich 3,5 Prozent und in den USA 2,5 Prozent. Allerdings gibt es in Deutschland auch mehr Einkaufsmöglichkeiten als in anderen Ländern. Hierzulande kommen auf eine Million Einwohner 340 Lebensmittelgeschäfte, in Frankreich 200, in Großbritannien sind es lediglich 100.

Die Barriere für Online-Bringdienste scheint in der Bundesrepublik also sehr hoch. Wozu Versandkosten zahlen und auf Mindestbestellwerte und feste Lieferzeiten achten, wenn der Discounter direkt um die Ecke liegt?

Supermärkte bringen sich seit 2014 in Stellung

Und trotzdem: Das Gerücht, dass Amazon Fresh an den Start gehen will, gibt es bereits seit 2014. Und seitdem bringen sich die Wettbewerber mit eigenen E-Food-Angeboten in Stellung. Zurzeit ist Rewe der Pionier im Bestellgeschäft. Mit einer eigenen Kühlwagenflotte liefert das Unternehmen bereits in 75 deutschen Städten aus. Kaufland hat einen Lieferdienst in Berlin gestartet. Nur Edeka zeigt sich bislang noch zurückhaltend. Immerhin hat der Konzern aber im Zuge der Übernahme von Kaiser's Tengelmann in Berlin und München den Lieferdienst Bringmeister.

Sind Lebensmittel-Lieferdienste nun ein profitabler Schachzug mit Blick in die Zukunft oder eher ein Verlustgeschäft? Auf den ersten Blick scheint der Markt mit Lebensmitteln riesig, denn jeder braucht sie täglich. Fast die Hälfte aller Konsumausgaben (48,5 Prozent) fließen in das Segment. Zum Vergleich: Für Technik und Medien geben die Deutschen im Schnitt knapp 16 Prozent ihres Budgets aus. Doch Geld im Lebensmittelgeschäft zu verdienen ist im Online-Sektor ungleich komplizierter. Denn: Die Margen sind gering und die Logistik ist aufwendig. Um die Kühlkette nicht zu durchbrechen, müssen die Lieferanten auf eine besondere Verpackung achten, Lieferzeiten müssen exakt eingehalten werden. Das Lebensmittel-Paket zusammen mit dem Schwedenkrimi beim Nachbarn abzugeben, ist undenkbar. Vielleicht eines der Gründe, warum beispielsweise Rewes Lieferdienst fünf Jahre nach seiner Gründung immer noch Verlust macht.

Doch die Statistik zeigt auch, dass der Deutsche dem Online-Versand von Lebensmitteln immer offener gegenübersteht. Während der gesamte Internethandel nach Angaben des Branchenverbandes Bevh (Bundesverband E-Commerce und Versandhandel Deutschland) 2016 um 12,5 Prozent zulegte, wuchs die Nachfrage nach Lebensmitteln um 26,7 Prozent und damit am stärksten.

40.000 Arbeitsplätze bedroht

Und in diesen Aufschwung hinein positioniert sich nun auch Amazon Fresh am deutschen Markt. Das Angebot wird vermutlich riesig sein. Zum Vergleich: In Großbritannien können Amazon-Kunden auf der Website bereits aus 130.000 Artikeln wählen. In Deutschland hat ein normaler, gut sortierter Supermarkt im Durchschnitt 12.000 Produkte im Angebot.

Gerrit Heinemann, Handelsexperte von der Hochschule Niederrhein, sagte dem "Tagesspiegel" zum Thema E-Food: "Es wird lange dauern, bis die Online-Lebensmittelhändler einen Marktanteil von zehn Prozent oder mehr erreichen." Doch selbst wenn Amazon nur ein paar Prozent des Umsatzes der Branche abgreifen sollte: Mancher Händler könnte von dem mächtigen Konkurrenten in die Verlustzone gedrängt werden. Und jede Filiale, die schließt, schafft wiederum neuen Raum für den Onlinehandel.

Auch die Unternehmensberatung Oliver Wyman fand in einer Studie heraus, dass das Marktpotenzial im Lebensmittel-Onlinehandel mittelfristig in Deutschland bei sechs bis acht Milliarden Euro liegt. Für die Unternehmen bedeutet das noch viel Spielraum im Wachstum. Allerdings wird dies auf die Kosten des Einzelhandels passieren: Laut Oliver Wyman könnte die florierende Online-Sparte rund 15 Prozent der Supermärkte Verluste bescheren, außerdem seien 40.000 Arbeitsplätze bedroht. Einige Supermärkte in Deutschland werden diesen "Angriff" nicht überleben.

Quelle: n-tv.de

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