Wirtschaft

Außerhalb der Bilanzen verstecktSo groß sind die Schatten-Schulden der KI-Riesen

29.08.2026, 10:24 Uhr image (2)Von Hannes Vogel
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Die im Bau befindlichen Rechenzentren der US-Technologie-Konzerne kosten teilweise mehrere Hundert Milliarden Dollar - pro Stück. Diese Kosten tauchen in den Bilanzen der Unternehmen teilweise nur in Fußnoten auf. (Foto: picture alliance / Sipa USA)

Die offiziellen Milliardenkosten der Technologiekonzerne für den KI-Ausbau sind nur die Spitze des Eisbergs. Außerhalb ihrer Bücher machen Alphabet, Meta, Microsoft und Co. eine noch größere Schuldenorgie. Diese versteckten Risiken sind nur schwer zu durchschauen.

OpenAI's neustes Rechenzentrum ist in jeder Hinsicht ein Gigant. Auf dem Gelände einer ehemaligen Uran-Anreicherungseinrichtung bei Piketon in Ohio entsteht derzeit die größte sogenannte Serverfarm aller Zeiten. Acht Gigawatt Rechenleistung will OpenAI hier vom japanischen Softbank-Konzern mieten - fast dreimal so viel, wie heute in ganz Deutschland überhaupt installiert ist. Bis zu 500 Milliarden Dollar will Softbank dafür investieren, fast genauso Geld wie im gesamten deutschen Infrastruktur-Sondervermögen steckt - und dafür in der Region allein zusätzliche Gaskraftwerke mit mehr als neun Gigawatt Leistung bauen.

Doch noch schwindelerregender als diese technischen Zahlen und Daten ist die Art und Weise, wie der Mega-Deal überhaupt zustande gekommen ist. Um ihn überhaupt möglich zu machen, hat der Chiphersteller Nvidia laut "Wall Street Journal" dabei eine Garantie in dreistelliger Milliardenhöhe abgegeben. Falls OpenAI als Mieter ausfällt und die Anlage mit Abschlag verkauft werden muss, übernimmt Nvidia demnach bis zu 105 Milliarden Dollar des Wertverlusts, heißt es in Unterlagen, die bei der US-Börsenaufsicht eingereicht wurden. Dafür wird Nvidia der exklusive Chip-Lieferant für das Projekt. Und Softbank wiederum kann sich mit Nvidias Bürgschaft im Rücken das Geld für den Bau viel günstiger leihen.

Der Chip-Gigant weitet über eine Garantie also faktisch seine Top-Bonität auf eine fremde Firma aus - und macht dafür heimliche Kreditzusagen, deren Risiko sich nur schwer beziffern lässt. Solche finanziellen Konstrukte sorgen in der amerikanischen Finanzwelt für immer mehr Stirnrunzeln. Denn nur dank ihnen geht der KI-Boom überhaupt noch weiter. Wer dabei welches Risiko trägt und wie groß es am Ende ist, ist schwer zu sagen. OpenAI's Projekt in Ohio steht für den Trend der Branche: eine heimliche Schuldenorgie, die die Tech-Giganten teilweise außerhalb ihrer offiziellen Bilanzen machen und die sie womöglich in finanzielle Schieflage bringen könnte. So wird die Sorge vor einem Platzen des KI-Booms befeuert.

Der versteckte Schuldenberg wächst immer weiter

In jedem Quartal veröffentlichen die Tech-Riesen, wie viel Geld sie für den KI-Ausbau ausgeben. Diese Investitionskosten sind in den Bilanzen genau erfasst. In den vergangenen Jahren bezahlten sie sie größtenteils noch aus den Gewinnen, die sie mit ihren Cloud-Diensten, Online-Portalen und sozialen Netzwerken erwirtschafteten - sozusagen aus der Portokasse. Doch ab 2025 gab es eine Trendwende. Die Summen wurden so astronomisch, dass selbst Alphabet, Meta und Co. sie nicht mehr vollständig aus eigenen Mitteln stemmen konnten: Morgan Stanley etwa schätzt, dass sie bis 2028 rund 2,9 Billionen Dollar benötigen werden. McKinsey geht gar von bis zu sieben Billionen Dollar bis 2030 aus.

Weil sie in die Cash-Klemme gerieten, sattelten die Tech-Riesen auf Schulden um und geben seitdem jede Menge langlaufende Anleihen aus. Die werden ebenso wie ihre KI-Ausgaben genau ausgewiesen. Doch zusätzlich kommen nun seit einiger Zeit immer mehr versteckte Schulden hinzu: Mietzahlungen für Rechenzentren, die noch nicht begonnen haben, Kaufzusagen für Chips, die sie gemacht haben, um sich im KI-Wettrennen möglichst viel zukünftige Rechenpower zu sichern. Oder eben Nvidias heimliche Absicherung von OpenAI's Mega-Rechenzentrum in Ohio. All das wird nur noch flüchtig in Fußnoten der Geschäftsberichte erwähnt.

Dabei sind diese Schattenschulden der KI-Konzerne längst um ein Vielfaches größer als ihre offiziellen Zahlungspflichten. Das "Wall Street Journal" etwa hat sich kürzlich die Quartalsberichte von Alphabet, Amazon, Meta, Microsoft, Oracle, Nvidia, Broadcom, SpaceX und AMD angeschaut. Demnach summieren sich deren versteckte Schulden für KI-Ausgaben auf rund drei Billionen Dollar - mehr als fünfmal so viel wie ihre offiziellen Infrastrukturinvestments in den letzten zwölf Monaten. Allein die Zusagen für künftige Mietverträge belaufen sich auf gigantische 1,2 Billionen Dollar, und liegen viermal so hoch wie noch vor einem Jahr. Bei Alphabet allein sind sagenhafte 811 Milliarden Dollar an Zusagen aufgelaufen, vor allem für "technische Infrastruktur und Bestände" und "Vereinbarungen zur Sicherung von Energieversorgung für Rechenzentren". Was genau damit gemeint ist, bleibt unklar. Einige dieser Zahlungsverpflichtungen reichen bis 2054.

Die schleichenden Risiken lauern im Bilanzschatten

Die mageren öffentlichen Angaben der Unternehmen werden der realen Schuldenlast nicht annähernd gerecht und verzerren so die eigentliche Finanzlage. Schon im ersten Quartal des Jahres lag der unsichtbare Schuldenberg laut einer Studie von Nikkei mit 1,65 Billionen Dollar höher als die sichtbaren Schulden von 1,35 Billionen Dollar, die Alphabet, Amazon, Meta, Microsoft und Oracle auf den Büchern hatten. In nur vier Jahren hat er sich demnach verachtfacht. Für viele Analysten ein Alarmsignal: "Da außerbilanzielle Verpflichtungen immer häufiger, größer und komplexer werden, fällt es Investoren zunehmend schwerer, die gesamte tatsächliche Verschuldung zu bewerten", warnte Morgan Stanley im April.

Der Zweck dieser Schattenschulden außerhalb der Konzernbilanzen liegt auf der Hand: Anders als für reguläre Investitionskosten müssen die Tech-Riesen für diese Zusagen erst einmal so gut wie nichts bezahlen und entlasten so die kurzfristige Liquidität. Die Unternehmen machen sich ihre Größe und Finanzkraft zunutze, um Schulden zu verstecken, nach hinten zu schieben oder auf Dritte abzuwälzen.

Besonders Meta spielt das Spiel. Sein riesiges Datenzentrum "Hyperion" gehört dem Konzern nur zu 20 Prozent. 80 Prozent der Mittel kommen von Blue Owl Capital, dem Finanzriesen im Epizentrum der Private-Credit-Krise. Der hat dafür eigens eine Zweckgesellschaft gegründet, die das Geld für den Bau bei Anleiheinvestoren eingeworben hat. Obwohl Meta für 20 Jahre die Mietzahlungen garantiert und damit gigantische Verpflichtungen eingegangen ist, tauchen weder Hyperion noch seine Baukosten von 27 Milliarden Dollar irgendwo in der Bilanz auf. Die Buchprüfer halten einen Ausfall für unwahrscheinlich - das reicht, um die gigantischen Kosten wegzuzaubern.

Vorbote für den Schuldencrash?

Die Gretchenfrage ist, ob die Tech-Riesen mit KI jemals die immensen Profite einfahren können, die sie brauchen, um diese gigantische Schuldenlast zurückzuzahlen. Ihr wachsender versteckter Schuldenberg erhöht drastisch das Schadensrisiko, falls der KI-Boom ihnen nicht die erhofften Einnahmen beschert und die Blase platzen sollte.

Seit vielen Jahren waren die amerikanischen Techkonzerne zuverlässige Gewinnmaschinen: Mehr als 600 Milliarden Dollar Profit machten sie allein im vergangenen Jahr. Inzwischen sind die finanziellen Belastungen aber so hoch, dass Analysten nur noch mit geringen oder sogar erstmals mit negativen Zahlungsflüssen (Cashflows) in der nahen Zukunft rechnen. "Anleger werden zunehmend skeptischer angesichts der schnell wachsenden Verschuldung von Unternehmen, die bisher für stabile und verlässliche Cashflows bekannt waren," warnte etwa die Ratingagentur S&P im Juli.

Historisch gesehen sind wachsende Kreditlasten ein zuverlässiger Indikator für kommende Finanzkrisen. Auch beim großen Crash von 2008 etwa waren Schattenschulden ein Auslöser. Die Investmentbanken verpackten damals in riesigen Mengen Hypothekenzahlungen zu neuen Wertpapieren und lagerten sie so aus ihren Bilanzen aus. Experten warnten damals vor dem Schattenbankensystem, das sich abseits der offiziellen Geldhäuser entwickelte - und die Risiken im Finanzsystem verteilte, ohne dass die Märkte es merkten.

Quelle: ntv.de

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