Wirtschaft

Autowelt paradox Tesla frisst Daimler

54827200.jpg

Prototyp des Model X des Elektroauto-Herstellers Tesla, vorgestellt 2015.

(Foto: picture alliance / dpa)

Vor wenigen Jahren wurden Tesla und die Elektroautos des US-Konzerns noch belächelt. Daimler verkaufte seine Anteile für 780 Millionen Euro. Heute ist Tesla rund 300 Milliarden wert - und fährt der "alten" Autoindustrie immer weiter davon. Das sind die Gründe.

Die Autowelt ist aus den Fugen. Nicht wegen Corona und den Folgen, sondern wegen einer Einmaligkeit: Da hat sich doch Elon Musk, ein branchenfremder Emporkömmling aus der IT-Welt, erdreistet, mit seinen "Computern auf Rädern" namens Tesla gegen die alteingesessene Ingenieurselite der klassischen Verbrennermotoren anzutreten. Tesla gegen Daimler lautet nun der Vergleich - Daimler deshalb, weil die Schwaben das Automobil erfunden und sich im Anschluss bis an die Spitze der Premiumhersteller gekämpft haben. Tesla gegen Daimler. Moderne gegen Klassik. Klein gegen Groß. Klein gegen Groß?

Fakt ist: Beide Konzerne wollen den Platz an der Sonne, wollen die Nummer eins sein. Ein Kampf mit ungleichen Waffen, sollte man meinen. Doch weit gefehlt, die Realität der zwei Unternehmen könnte gegensätzlicher nicht sein: Die Geschäftszahlen des zweiten Quartals 2020 zeigen das überdeutlich.

Weniger Produktion, aber dafür Gewinn

Daimler
Daimler 43,94

Daimler musste bei einem Konzernabsatz von 541.800 Fahrzeugen einen Verlust von 1,9 Milliarden Euro hinnehmen, Tesla erzielte mit der Produktion von 90.650 Elektroautos einen Quartalsgewinn von 90 Millionen Dollar.

Daimler-Chef Ola Källenius kündigte daraufhin einen harten Kostensenkungskurs, den Verkauf der Smart-Fabrik in Frankreich sowie weltweite Werksschließungen und den Wegfall von 30.000 Stellen an. Tesla-Boss Musk wiederum kündigte den Bau eines neuen Werks in Texas an, zusätzlich zu einem Neubau in Deutschland, in Grünheide.

Tristesse hier, Kursfantasie dort

In Stuttgart also Tristesse, Rückbau, düstere Prognosen - in Palo Alto Optimismus, Expansion und selbstbewusste Wachstumsprognosen.

Tesla
Tesla 374,00

Der Aktienkurs des Unternehmens Tesla, am 1. Juli 2003 im kalifornischen Palo Alto gegründet, eilt mittlerweile von Rekord zu Rekord, hat die 2000-Dollar-Marke übersprungen. Der Börsenwert bewegt sich derzeit im Bereich von umgerechnet 300 Milliarden Euro. Tesla ist damit mit Abstand der wertvollste Autobauer der Welt. Die Nummer zwei, Toyota, kommt auf 185 Milliarden Euro. VW als weltgrößter Autohersteller bringt gerade mal 70 Milliarden Euro auf die Börsenwaage. Und Daimler? Nur rund 45 Milliarden Euro. Kurzum: Tesla ist damit mehr wert als alle Autobauer aus Europa und den USA zusammen.

Nur zur Erinnerung: Daimler hatte einst unter dem damaligen Chef Dieter Zetsche vier Prozent Anteile an einem Startup namens Tesla erworben, diese Papiere dann aber bereits 2014 für 780 Millionen Euro verkauft. Zetsche meinte damals dazu, das sei das beste Geschäft mit Elektroautos gewesen, das der Konzern gemacht hätte. Heute wäre der Anteil eine zweistellige Milliardensumme wert.

Für und Wider

Krasser könnten die Unterschiede also nicht sein. Was hat die "alte" Autoindustrie falsch gemacht? Und Tesla besser? Tesla hat die Zeichen der Zeit frühzeitig erkannt und gesehen, dass Klimakrise, wachsender Welt-Automobilbestand und eine im Trend absehbar verschärfte Abgasgesetzgebung früher oder später dem traditionellen Benzin- und Dieselmotor auf Basis fossiler Treibstoffe ein Ende bereiten würden. Als Ausweg bot sich das Elektroauto auf Batteriebasis an.

Tesla-Chef Musk hat für eine bahnbrechende Innovation alles mitgebracht: technologisches Know-how und Geld. Er erscheint als Elektronik-Genie mit Kenntnissen, die ihn bereits früh zum Milliardär gemacht haben. Batteriebau und Management sind ihm geläufig. Daneben verraten seine sonstigen Giga-Projekte wie etwa SpaceX Züge eines modernen Jules Verne.

Alle Versuche der "alten" Autohersteller, Teslas technisches Know-how auf dem elektrischen Antriebs- und Batteriesektor aufzuholen, sind bisher nicht geglückt. Trotz vielen Halalis aus den Reihen der klassischen Hersteller war die Jagd wettbewerbsfähiger "Verfolger" bisher nicht erfolgreich.

Helmut Becker schreibt für n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt. Becker war 24 Jahre Chefvolkswirt bei BMW und leitet das "Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK)". Er berät Unternehmen in automobilspezifischen Fragen.

Helmut Becker schreibt für n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt. Becker war 24 Jahre Chefvolkswirt bei BMW und leitet das "Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK)". Er berät Unternehmen in automobilspezifischen Fragen.

Umgekehrt hat die traditionelle Automobilindustrie die umweltpolitische Götterdämmerung für den Verbrennermotor verschlafen - und damit auch den rechtzeitigen Einstieg in die politisch opportune Elektromobilität. Die Altvorderen wurden von der Umweltwelle und -politik regelrecht überrollt.

Hinzu kamen berechtigte Zweifel, ob hohe Investitionen in eine neue Antriebstechnologie, die aus gesamthafter Sicht nur ein Nischendasein fristen kann, nicht zusätzliche Fehlinvestitionen wären, denn Bau und Betrieb von E-Autos sind zum einen in Summe umweltschädlicher als Verbrenner. Zum anderen lässt sich die Welt-Flotte von 1,6 Milliarden Autos mit Verbrennermotoren nicht durch Elektroautos ersetzten.

Fürs Erste scheint Tesla als Innovationsponier die Nase vorn zu haben. Das ist das Privileg von Pionieren. Die Entwicklung wird aber auch unterstützt von der Politik, die sich in Deutschland seit 2010 voll und einseitig nur auf Elektroautos festgelegt hat. Doch noch ist nicht aller Tage Abend: Der vor Kurzem erfolgte politische Schwenk zur Wasserstoff-Strategie und nichtfossilen Treibstoffen verheißt für Elektromobilität auf reiner Batteriebasis nichts Gutes.

Quelle: ntv.de