Perfektes Timing für den KremlTrumps Iran-Krieg ist ein finanzielles Geschenk an Putin
Von Hannes Vogel
Vor wenigen Wochen noch sah es für die russische Kriegswirtschaft düster aus. Doch Donald Trumps Iran-Angriff wendet das Blatt: Wladimir Putins Erpressungspotential in Europa wächst - und er bekommt neue Chancen auf dem Schlachtfeld in der Ukraine.
Anfang Februar schickten russische Finanzbeamte eindringliche Warnungen an den Kreml: Die schwindenden Öleinnahmen würden zur immer größeren Gefahr für Russlands Budget. Im russischen Bankensystem wüchsen durch die hohen Zinsen und den Kreditboom zur Finanzierung des Ukraine-Kriegs die Risiken. Ohne Gegenmaßnahmen drohe schon in diesem Sommer eine Finanzkrise, zitierte die "Washington Post" eine namentlich nicht genannte Quelle. Angesichts der hohen und weiter steigenden Inflation könne es bereits "in drei oder vier Monaten" so weit sein, sagte ein Moskauer Wirtschaftsboss dem Blatt.
Die Sanktionen und der niedrige Ölpreis setzten Russland in den vergangenen Monaten zu. Die USA begannen damit, erstmals Tanker aus Putins Schattenflotte ernsthaft zu verfolgen und aus dem Verkehr zu ziehen. Doch keine vier Wochen später scheinen all diese Probleme für den Kreml wie weggeblasen.
Donald Trumps Angriff auf den Iran ist für Wladimir Putins angeschlagene Kriegswirtschaft eine unverhoffte Rettung. Vom Ölgeschäft bis zu den Waffenlieferungen für die Ukraine ist der Krieg ein Segen für den russischen Diktator: Der Iran-Konflikt füllt seine Kriegskasse und blockiert Nachschub, den die Ukraine dringend braucht.
Den Zeitpunkt von Trumps Iran-Attacke hätte Putin selbst nicht besser wählen können. Nur wenige Wochen zuvor plante auch die EU ihre Sanktionen gegen den Kreml erneut zu verschärfen, um die russischen Ölexporte endlich auszutrocknen und damit Putin in Friedensverhandlungen zu zwingen: Anfang Februar kündigte Brüssel im Rahmen des 20. Sanktionspakets erstmals ein vollständiges EU-weites Verbot aller Dienstleistungen im Zusammenhang mit dem russischen Ölhandel an.
EU-Position geschwächt
Der Schritt sollte das Ende des halbherzigen Ölpreisdeckels bedeuten, der in der einen oder anderen Form seit 2022 gilt und die Kriegskasse des Kreml lange nicht entscheidend schmälern konnte. Nach vier Kriegsjahren wollte die EU endlich alle russischen Ölexporte mithilfe europäischer Tanker aus Griechenland, Zypern und Malta beenden, die bis heute weiter gut ein Drittel von Putins Öltransporten abwickeln. Zwar schon lange nicht mehr nach Europa, aber in den Rest der Welt.
All diese Anstrengungen sind nun mit Trumps Krieg gegen den Iran in Gefahr. Denn nicht nur blockiert Ungarn momentan die neuen EU-Sanktionen. Angesichts des Tanker-Staus an der Straße von Hormus und explodierender Ölpreise dürfte auch in anderen EU-Ländern die Bereitschaft schwinden, die Ölexporte des Kreml trockenzulegen. Denn wenn in der von Trumps Iran-Krieg ausgelösten Versorgungskrise nun auch noch Moskau als Ölexporteur ausfällt, steigen die Preise noch weiter.
Für Putin dürften die Öleinnahmen nun also wieder sprudeln. Im Jahresvergleich waren sie im Januar um die Hälfte eingebrochen. Indien hatte sich auf Druck aus Washington verpflichtet, seine Käufe in Russland einzustellen. Moskau war gezwungen, bei den verbleibenden Abnehmern immer größere Preisabschläge zu schlucken. Angesichts der horrenden Rüstungskosten lief das Defizit im Kreml-Budget immer mehr aus dem Ruder. Der Iran-Krieg verschafft Putin nun die dringend nötige finanzielle Entlastung.
Der Öl-Schock durch den Iran-Krieg bedeutet auch, dass Russland als Energie-Player in der EU wieder größere Verhandlungsmacht bekommt. Europa hat es zwar geschafft, seit Putins Angriff auf die Ukraine den Anteil russischer Gaslieferungen auf noch etwa zwölf Prozent aller Importe im vergangenen Jahr zu drücken. Aber solange der Iran-Krieg und damit die Blockade am Golf andauert, ist es schwer vorstellbar, wie die EU bis spätestens November 2027 vollends aus allen russischen Gaslieferungen aussteigen will.
Putin hat sein neues Erpressungspotential sofort erkannt: Am Donnerstag drohte er in Reaktion auf die EU-Pläne damit, alle Gas-Lieferungen aus Russland sofort zu kappen. "Jetzt öffnen sich andere Märkte. Und vielleicht ist es für uns vorteilhafter, jetzt sofort die Lieferungen für den europäischen Markt einzustellen".
"Eine Frage des Überlebens" für die Ukraine
Und auch auf dem Schlachtfeld in der Ukraine sorgt Trumps Angriff auf den Iran für eine Kräfteverschiebung zugunsten Putins. Je länger der Luftkrieg am Golf dauert, desto mehr Kopfzerbrechen bereitet er Militärlogistikern. Sollte der Iran sein Gegenfeuer über Wochen aufrechterhalten, drohen den US-Verbündeten in der Region die Abfangraketen auszugehen. Gleiches gilt auch für das US-Militär selbst.
Patriot-Raketen, Marschflugkörper und andere Spezialmunition könnte schon bald anderswo fehlen - vor allem in der Ukraine. Aus der Massenlieferung von Waffen an Kiew sind die USA unter Trump zwar schon im letzten Jahr ausgestiegen. Aber viele entscheidende Systeme - insbesondere die Patriot-Luftabwehr - sind weiter von US-Munition abhängig. "Für uns ist das eine Frage des Überlebens", appellierte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am Montag. "Ein langer Krieg und die Intensität der militärischen Operationen wird die Menge an Luftverteidigung beeinträchtigen, die wir bekommen."
Knapp war der Nachschub schon vor dem Iran-Krieg. Die Produktionskapazitäten für neue Patriot-Batterien sind auf Jahre hin ausgelastet. Und auch die Produktion von Patriot-Raketen, die bald aus einem Werk in Deutschland geliefert werden sollen, kommt nicht hinterher. Die Bestände der Ukraine sind laut Verteidigungsminister Mykhailo Fedorow auf ein "kritisches Niveau" gefallen. Manche Patriot-Batterien sollen gar keine Raketen mehr haben.
Der ukrainische Präsident Selenskyj sorgt sich inzwischen derart um den Nachschub, dass er den arabischen Golfstaaten ein Tauschgeschäft anbietet: Patriot-Raketen gegen Abfang-Drohnen. Die Golfstaaten und selbst die USA sind angesichts der iranischen Billigdrohnen-Schwärme interessiert. Eine wirkliche Dauerlösung für das Patriot-Problem ist der Handel aber nicht. "Ein langwieriger Konflikt könnte leider durchaus in die Karten für den weiteren russischen Massenbeschuss spielen", warnt der ukrainische Journalist Denis Trubetskoy in sozialen Medien.