Fast 40 Prozent Unicredit kauft mehr Commerzbank-Anteile als erwartet - und schneller

Der Druck auf die deutsche Commerzbank durch Unicredit nimmt weiter zu. Das von der Bank als "feindlich" bezeichnete Angebot zur Übernahme aller Aktien läuft nämlich bald aus. Unicredit meldet nun bereits eine Beteiligung von mehr als 39 Prozent.
Unicredit-Chef Andrea Orcel kommt mit seinem Plan zur Übernahme der Commerzbank schneller voran als gedacht. Die italienische Großbank hat nach Ablauf der Annahmefrist für ihr Tauschangebot an die Commerzbank-Aktionäre bereits mehr als 39 Prozent der Anteile sicher und kann leicht auf 42,5 Prozent aufstocken. Das geht aus einer Pflichtveröffentlichung hervor.
Eigentlich hatte Orcel mit dem Angebot nur die Schwelle von 30 Prozent überspringen wollen, um danach freie Hand für weitere Aktienkäufe zu haben. Er hatte aber schnell klargemacht, dass es ihm um mehr geht: eine Übernahme der vor allem für den deutschen Mittelstand wichtigen Frankfurter Bank, die er mit einem Stellenabbau und drastischen Kürzungen im Auslandsgeschäft auf mehr Effizienz trimmen will.
Die hohe Annahmequote hat zwei Aspekte: Zum einen könnte sie bedeuten, dass die Aufseher der Europäischen Zentralbank zu dem Schluss kommen, dass Unicredit die Commerzbank de facto bereits kontrolliert, und ihr deshalb eine höhere Kapitaldecke auferlegt, um die Risiken beider Banken abzupuffern.
Zum anderen wächst damit der Druck für Orcel und Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp, sich doch noch an einen Tisch zu setzen und zu einer Einigung zu kommen. Denn bei einer feindlichen Übernahme ist das Risiko zu groß, dass Mitarbeiter und Kunden der Commerzbank dann die Flucht ergreifen - sie aber stellen den eigentlichen Wert eines Instituts dar.
Commerzbank bleibt hart
Die Commerzbank rät ihren Anteilseignern währenddessen weiterhin davon ab, das Umtauschangebot anzunehmen: Es sei "unverändert keine angemessene Prämie" enthalten, sagte ein Sprecher. Die Unicredit bietet für jede Commerzbank-Aktie 0,485 eigene Aktien. Umgerechnet war das lange Zeit weniger, als die Commerzbank-Papiere an der Börse wert waren. Inzwischen könnte es sich sogar lohnen zu tauschen: Es entspricht einem Gegenwert von 39,09 Euro, die Commerzbank-Aktie notierte am Nachmittag mit 38,69 Euro leicht darunter.
"Nichtsdestotrotz bleibt die Commerzbank offen für Gespräche, sofern es eine echte Bereitschaft seitens der Unicredit gibt, die von uns aufgezeigten Punkte ernsthaft zu diskutieren", teilte das Frankfurter Geldhaus mit. "Die Voraussetzungen sind unverändert: Eine attraktive Prämie für unsere Aktionärinnen und Aktionäre und ein Plan, der die Erfolgsfaktoren unseres Geschäftsmodells angemessen berücksichtigt."
Bis Dienstag sei das Tauschangebot für 12,51 Prozent der Commerzbank-Papiere angenommen worden, teilte das Mailänder Institut mit. 26,77 Prozent hatte sich Unicredit schon vorher zusammengekauft, sodass die Italiener nun auf 39,28 Prozent an der Commerzbank kommen.
Überraschende Annahmequote
Weitere 3,22 Prozent an dem Frankfurter Institut kann sich Unicredit durch die Umwandlung von Derivaten in Aktien sichern. Zudem hält Orcels Bank Commerzbank-Derivate, über die sie sich unter Umständen weitere gut 13 Prozent der Anteile beschaffen könnte, wenn die Vertragspartner mitspielen.
Die Annahmequote war überraschend hoch, nachdem das Tauschangebot bis zum vorletzten Tag der Frist für die Commerzbank-Aktionäre finanziell unattraktiv war. Die Führung der Commerzbank vermutet deshalb, dass vor allem Banken ihre Aktien getauscht haben, die mit Unicredit Derivategeschäfte gemacht haben. Diese sind an die eingereichten Aktien geknüpft, sodass sich die Vertragspartner der Italiener solche Papiere beschaffen mussten, um notfalls lieferfähig zu sein. Von den übrigen Anteilseignern habe maximal ein Prozent getauscht.
Nun haben die Commerzbank-Aktionäre noch einmal zwei Wochen Zeit, ihre Papiere in Unicredit-Aktien zu tauschen. Von Samstag an bis zum 3. Juli läuft die weitere Annahmefrist. Vorstand und Aufsichtsrat der Commerzbank empfehlen ihren Aktionären weiter, die Füße stillzuhalten: "Denn das Umtauschverhältnis enthält unverändert keine angemessene Prämie."
Commerzbank spricht von Manipulation
Die Commerzbank wehrt sich seit fast zwei Jahren gegen das aus ihrer Sicht "feindliche" Vorgehen von Orcel und verdächtigt die italienische Großbank, ihre Aktienposition "künstlich aufzublähen". Zwecks Klärung hat der Dax-Konzern die Finanzaufsicht Bafin eingeschaltet. Zudem stellte der Commerzbank-Gesamtbetriebsrat Strafanzeige wegen des Verdachts der Marktmanipulation.
Die Unicredit wies die Vorwürfe wiederholt zurück und drohte jüngst indirekt mit dem Austausch der Commerzbank-Führungsspitze: "Sollte Unicredit auf der Hauptversammlung ausreichende Unterstützung durch Aktionäre erlangen, wäre sie in der Lage, sämtliche Anteilseignervertreter im Aufsichtsrat zu wählen, der seinerseits für die Bestellung des Vorstands zuständig wäre."
Die Kritik der Commerzbank lenke vom wirtschaftlichen Sinn der Übernahme ab, argumentiert die Unicredit. In Deutschland ist das Institut bereits mit der Hypovereinsbank aktiv und sieht Potenzial für Milliardeneinsparungen inklusive des Abbaus Tausender Stellen.
Bund lehnt Übernahme ab
Der deutsche Staat, dessen Aktienverkauf im September 2024 zum Einfallstor für die Unicredit wurde, hat jüngst erneut klargemacht, dass er seine restlichen gut zwölf Prozent nicht verkaufen wird. Das Übernahmeangebot enthalte "keine angemessene Prämie auf den aktuellen Kurs der Commerzbank-Aktie". Das "aggressive Vorgehen" der Unicredit werde abgelehnt.
Die Unicredit kauft bereits seit Ende 2024 im großen Stil Anteile an der Commerzbank und strebt eine Übernahme an. Die Commerzbank spiele eine wichtige Rolle bei der Finanzierung der deutschen Wirtschaft und des deutschen Mittelstands und sei als bedeutender Arbeitgeber zudem zentral für den Finanzstandort Frankfurt, bekräftigte der Bund. "Beides gilt es auch in Zukunft sicherzustellen."